Leben

Wald statt Bildschirm-Zeit "Spazierengehen macht glücklicher"

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Ein ausgiebiger Spaziergang wirkt sich positiv auf Körper und Geist aus.

(Foto: imago images/snapshot)

Wochenlang herrschen in der Corona-Krise strenge Kontaktverbote und Regeln. Viele Menschen entdecken nun das Spazierengehen für sich. Warum das so gut ist und auch die psychische Gesundheit stärkt, erklärt Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar im Gespräch mit ntv.de.

ntv.de: In der Krise müssen wir einige Einschränkungen hinnehmen - spazieren ist aber gestattet. Ist das eine gefühlte neue Freiheit, die wir jetzt wieder entdecken?

Bertram Weisshaar: Es gibt keine richtige Zählung dazu, aber diese Beobachtung teilen die Menschen gerade. Eine Ursache mag sein, dass wir nun weniger Freizeitmöglichkeiten haben. Der andere Grund ist, dass viele sich aktuell zu Hause ein wenig eingesperrt fühlen und umso stärker das Bedürfnis haben, jetzt rausgehen zu müssen. Außerdem schauen wir viel auf Bildschirme und sobald man rausgeht, hat man eben sinnliche Eindrücke, man sieht die Natur und andere Menschen.

Inwiefern verändert ein Spaziergang unsere Gedanken und den Umgang mit Ängsten und Sorgen?

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Bertram Weisshaar beschäftigt sich seit Jahren mit dem Spazierengehen.

(Foto: Thomas Eichler)

Die Weltgesundheitsorganisation und die Krankenkassen sagen seit Jahren, dass man 8000 bis 10.000 Schritte pro Tag machen soll. Es hilft nicht nur gegen viele Zivilisationskrankheiten, sondern es wirkt sich auch auf unsere Psyche besonders entlastend aus. Wenn man eine Stunde spazieren geht, dann wirkt diese schwierige Zeit gleich ein bisschen leichter. Das bestätigen auch Psychologen. Ich habe darüber auch mit einem Facharzt aus der Psychologie gesprochen und man kann auch sagen, dass das Spazieren so eine Art Vorsorge ist, denn es stärkt die Lunge, aber auch unsere Psyche. Es bereitet uns sinnliche Eindrücke und wir kommen auch auf andere Gedanken. Das hellt unsere Stimmung auf - und das ist gerade jetzt besonders wichtig.

Was macht uns denn konkret glücklich?

Die Umgebung, die Farbe Grün und die Vegetation wirkt in Kombination mit dem Gehen besonders beruhigend. Wenn wir aber den ganzen Tag drinnen auf einem Stuhl sitzen, ist es eigentlich so ein Bild wie ein Tiger, der in einem zu kleinen Käfig eingesperrt ist. Denn wir als Menschen sind eigentlich auch so angelegt, pro Tag mehrere Kilometer zu gehen. Wir spüren draußen einfach eine Befreiung. Kurz gesagt: Man kann sagen, dass spazieren gehen glücklicher macht.

Ist diese Krise nun eine Chance?

Ja, denn jetzt kann man diese Corona-Zeit auch für sich nutzen. Man kann sich zum Beispiel für einen Monat einen täglichen Spaziergang vornehmen. Dann merkt man auch, dass 8000 Schritte gar nicht so wenig sind - und man muss sich das regelrecht in den Arbeitsalltag einbauen. Sein Smartphone kann man zu Hilfe nehmen, um die Schritte zu zählen. Nach einem Monat hat man dann den Spaß am Gehen entdeckt und das Smartphone kann beim Spaziergang auch zu Hause bleiben.

Geht man besser alleine oder zu zweit spazieren?

Jedes hat seine Vorzüge. Wenn ich alleine unterwegs bin, kann ich in meinem Tempo gehen und kann den Impulsen folgen, die sich gerade einstellen. Dann kann man frei herumstreunen und ist viel aufmerksamer. Wenn man mit jemandem gemeinsam unterwegs ist, ist auch sehr schnell das Gespräch im Vordergrund, dann liegt die Wahrnehmung woanders.

Alleine kann man auch Audioguides für geführte Touren nutzen - zum Beispiel die App Guidemate. Während man ein, zwei Stunden unterwegs ist, erhält man per Kopfhörer Hinweise zu Besonderheiten entlang des Rundgangs und sieht dadurch mehr.

Woher kommt dieser neue Trend zu mehr Natur und Waldbaden?

Das Thema ist jetzt in den Medien mehr angekommen. Das Waldbaden ist ein Begriff, der in den letzten Jahren allgemein bekannt wurde. Und, wenn man auf längeren Strecken unterwegs ist, umso stärker fühlt man sich auch wieder als Teil der Natur. Gerade bei mehrtägigen Wanderungen erlebt man das besonders gut. Der Soziologe Hartmut Rosa beschrieb dies als Resonanz-Erfahrung: Wir fühlen uns wieder verbunden mit der Welt, die Umgebung "sagt" uns wieder etwas - im Gegensatz zu den beklagten "völlig nichtssagenden" Betonpisten.

Haben Sie spezielle Tipps für Spaziergangs-Einsteiger?

Je länger man geht, desto leerer oder freier wird auch der Kopf. Dann lässt man auch den Zufall mehr zu. Und man sollte auch mal woanders hingehen und dort spazieren, wo man noch nie war. Man sollte sich treiben lassen und auch mal die Stadt zu Fuß durchqueren - zumindest teilweise. Man kann sich ja heute nicht verlaufen: Hat man nach zwei, drei Stunden genug, startet man die Karten-App und kann sich sofort orientieren. Es lohnt sich, mal wie ein Fremder unterwegs zu sein - selbst wenn man in der eigenen Stadt unterwegs ist.

Wie sind Sie selbst zu dieser Spaziergangsforschung gekommen und was fasziniert Sie?

An der Universität Kassel habe ich Landschaftsplanung studiert und dabei auch das Seminar Spaziergangswissenschaft belegt. Diese wurde von dem Soziologen Lucius Burckhardt erfunden und für mich wurde es eine Inspiration.

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Wegen der Corona-Krise werden gegenwärtig in einigen Städten die Radwege verbreitert. Wie verhält es sich mit den Gehwegen?

Viele Mitbürger, aber auch die Kommunalpolitiker und Stadtverwaltungen bemerken nun, dass die Gehwege eng sind und der nötige Abstand gar nicht eingehalten werden kann. Die Gehwege waren auch vor Corona häufig viel zu eng - jetzt wird dies aber richtig deutlich sichtbar, insbesondere in solchen Straßen, wo das teilweise "Aufparken" oder das Gehwegparken für Autos durch Verkehrszeichen erlaubt wurde. Dies muss nun dringend rückgängig gemacht werden, damit die Fußgänger wenigstens wieder den ganzen Gehweg zurückerhalten.

Mit Bertram Weisshaar sprach Sonja Gurris

Quelle: ntv.de