Leben

Aus der Schmoll-Ecke "Stirb. Die Welt wird ein besserer Ort sein"

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Bill Gates und Angela Merkel bei einem Treffen 2014.

(Foto: imago/photothek)

Darf man Journalisten den Tod empfehlen? Darf man sie "Parasiten" schimpfen? Klar, alles ist erlaubt, wenn es im Namen der Demokratie geschieht und Kinder aus dunklen Verliesen gerettet werden. Findet jedenfalls unser Kolumnist.

Sie können mir glauben, dass ein Sehrgutmensch wie ich dieser Tage jede Menge zu tun hat, schlecht schläft und noch schlechter träumt. Die neuen Zeiten, also nach Corona, stehen ins Haus, auch jenem, in dem ich wohne. Ich bin schon total aufgeregt vor Glück und Vorfreude und habe das Gefühl, noch verrückter zu werden, als ich es sowieso schon bin. Das Leben hält mich selbst in der sozialen Quarantäne auf Trab, die ich nicht aufgeben werde, nur weil Herr Laschet Kanzler werden will.

Ich bin ein Aktivposten im Namen der Freiheit, der Gerechtigkeit und des biologischen Eigenanbaus. Soeben habe ich meinen Kontrollgang im Haus beendet, der neuerdings zu meinen täglichen Aufgaben gehört. Auf dem Dachboden pflanze ich Kartoffeln und Tomaten an, weil die Selbstversorgung voll in und die Zukunft ist. Auf die nächste Pandemie werde ich garantiert besser vorbereitet sein und jede Menge Masken und Desinfektionsmittel, Konserven und Wasservorräte bereithalten. Zum Glück habe ich einen Prepper-Shop gefunden, der auch Bioprodukte anbietet, etwa Tütensuppen mit getrockneten Algen aus Fair-Trade-Handel. Ich freu mich auf einen gesunden Weltuntergang.

An Tagen wie diesen zeigen sich meine Qualitäten als Sehrgutmensch, einerseits so gütig wie der Dalai Lama und andererseits fast so klug wie Donald Trump zu sein. Kaum habe ich meine Tomaten und Kartoffeln gepflegt und gehegt, sie mit Desinfektionsmittel gegossen, damit sie nicht krank werden, gehe ich in den Keller und sehe nach, ob dort eventuell Kinder gehalten werden. Man hört ja neuerdings, dass Jungen und Mädchen entführt und gefoltert werden und ihr Blut getrunken oder zu einem Supermedikament für "die Eliten" verwendet wird. Ich hoffe, die Kinder werden wenigstens auf das Coronavirus getestet, bevor sie geschlachtet werden und die Eliten ihr Blut schlürfen.

Alles muss hinterfragt werden

Meine Kellerbesuche haben bisher nichts gebracht in Bezug auf mein Vorhaben, Kinder zu retten. Allerdings habe ich schon mehrere Verstöße gegen die Mülltrennung festgestellt. Gütig wie ich bin, habe ich jedoch auf Anzeigen verzichtet. Ich setze meine Kontrollgänge auf alle Fälle fort, denn mir ist sehr wohl aufgefallen, dass meine Nachbarin immer sehr hübsch aussieht und irgendwie nicht älter wird. Da denkt sich ein schlauer Fuchs wie ich: Halt, mit der stimmt doch was nicht, wer weiß, ob sie nicht Kinderblut trinkt. Allerdings arbeitet meine Nachbarin bei einer Behörde in Neukölln, dem Viertel, das bevorzugt als "Problembezirk" bezeichnet wird. Sie hilft dort jungen Leuten aus Migrantenfamilien und gehört nach meinem Eindruck mit ihrer kleinen, bescheidenen Wohnung nicht zur Elite. Vielleicht trinkt sie doch kein Kinderblut. Das werde ich herausfinden und berichten.

Es ist wichtig in Zeiten wie diesen, alles zu hinterfragen. Und natürlich, nachhaltig zu leben beziehungsweise nachhaltig am Leben zu bleiben. Ich gehe auch hier beispielhaft voran. Früher, also vor Corona, bin ich viel geflogen. Nun steige ich nicht mehr in Flugzeuge. Ja, auch wegen des Klimawandels, aber nicht nur. Ich hinterfrage die Physiker und all die anderen Scharlatane, die behaupten, das Flugzeuge fliegen können. Wer weiß, was dahintersteckt. Wir wissen doch durch das fiese Virus: Irren ist nicht menschlich. Vielleicht haben sich diese sogenannten Experten geirrt und das Flugzeug fliegt gar nicht, sondern tut nur so und wir, das dumme Volk, fallen auf den plumpen Trick herein, setzen uns in die Dinger, ohne daran zu denken, dass uns während des Fluges aus angeblichen Sicherheitsgründen unsere Grundrechte entzogen werden. Oder haben Sie schon mal eine Demonstration in einem Flugzeug erlebt? Sehen Sie! Wer weiß, ob nicht die Kinderblut saufenden Eliten eine Diktatur auf Wolke sieben errichten wollen.

Ich halte es für denkbar, dass Bill Gates Boeing und Airbus billig kaufen will. Der hat schon Anfang 2015 vor einer Pandemie gewarnt. Um ehrlich zu sein, fand ich seine Rede cool. In nicht mal zehn Minuten auf eines der größten drohenden Menschheitsprobleme aufmerksam zu machen - Respekt. Herr Gates steht nun unter dem Verdacht, die Rede nur gehalten zu haben, um später viel Geld mit Impfstoffen zu verdienen. Ich dachte immer, dass Verschwörer alles ganz geheim machen und die Öffentlichkeit strikt meiden. Und was macht der dusslige Gates? Hält öffentlich eine Rede, die immer noch im Internet abrufbar ist.

Todesfantasien und Artenschutz

Nun steht zu befürchten, dass die Impfpflicht noch im Mai kommt. So sagen es jedenfalls Leute wie Attila, der vegane Hunne. Der Mann ist sich sicher: "Die Gesellschaft soll gespalten werden in IMMUN/NICHTIMMUN." Seine Schlussfolgerung: "Dann bedeutet es, dass Grundrechte für GESUNDE bestehen bleiben, aber Kranke Einschränkungen ihrer Grundrechte akzeptieren müssen." Noch Fragen? Ja, und zwar: Wie impft man ohne Impfmittel? Werden der böse Spahn und die noch bösere Merkel Luft spritzen lassen? Oder Chips, die mit 5G-Antennen harmonieren? Meine Vermutung: Desinfektionsmittel. Hat jemand schon recherchiert, ob Spahn, Merkel, Gates und Trump gemeinsame Sache machen? Es wäre doch möglich, dass die zusammen eine Firma für Desinfektionsmittel besitzen, Gates seine Rede hält, Trump bei erstbester Gelegenheit das Saufen von Desinfektionsmitteln empfiehlt und das Duo Spahn/Merkel alle impfen lässt - und schwups, werden sie (noch) reich(er).

Eigentlich ist mir das egal. Ich bin nicht nur ein Sehrgutmensch, sondern auch ein echter Patriot. Ich gieße meine Kartoffeln und Tomaten nur mit deutschem Desinfektionsmittel. Denn ich bin klug, so klug wie meiner Leser. Neulich regte ein "Default Mind 23" an, die Probleme der Welt durch eine Reduzierung der Weltbevölkerung anzugehen. Wobei er vorzugsweise an mich dachte. Er schrieb mir: "Stirb. Stirb einfach. Die Welt wird ein besserer Ort sein." Irgendwann werde ich sterben, müssen wir ja alle, die nicht zur Elite gehören und kein Kinderblut saufen. Ich frage mich, warum "Default Mind 23" nicht selbst mit gutem Beispiel vorangeht. Mit Jahrgang 1923 gehört er schließlich zur Hochrisikogruppe.

Schon seltsam, was Journalisten dieser Jahre für Mails erhalten. Der Chef des Wiesbadener Staatstheaters, Uwe Erik Laufenberg, beschimpfte neulich den Kulturjournalisten Axel Brüggemann, weil der es gewagt hatte, sich über den Herrn Intendanten lustig zu machen. Das übrigens völlig zu Recht, weil Laufenberg in Youtube-Videos viel Stuss erzählte. Ganz in Nazi-Manier schrieb er Brüggemann: "Sie sind ein Parasit. Parasitismus (auch Schmarotzertum genannt) bezeichnet innerhalb der Tierwelt das Phänomen, dass ein Lebewesen (Parasit) ein in der Regel erheblich größeres Lebewesen einer anderen Art als Wirt missbraucht. Weil ein Parasit nun einmal ein natürliches Wesen ist, haben auch Sie Artenschutz. Selbst Sie sind mehr wert als Klopapier."

Immerhin gewährt der Herr Intendant dem guten Brüggemann Artenschutz. Das ist besser, als ihn entartet zu nennen. Eine großzügige Geste eines großartigen, vielleicht sogar weltbesten Intendanten. Sie passt zu diesen Zeiten, wo Vorsicht geboten ist. Und deshalb gehe ich jetzt wieder in den Keller und schaue nach Rechten, ob sie vielleicht Kinder oder die Verfassung missbrauchen.

Quelle: ntv.de