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"Delfine der Weide" gegen Stress Wanderungen mit Alpakas boomen

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Bernd und Antje Lindemann züchten auf dem Nieplitzhof Alpakas.

(Foto: Sarah Borufka)

Alpakas sind flauschig, sehen ulkig aus und sind längst zum Trendtier geworden. Immer mehr Züchter bieten Alpaka-Wanderungen an. Und so zuckeln mitten in Brandenburg Ruhe suchende Großstädter mit Adonis und Ikarus an der Leine in die Natur.

Auf der Weide von Bernd Lindemanns Nieplitzhof im brandenburgischen Zülichendorf grasen an diesem sonnigen Samstag 28 Alpakas. Die Tiere in Weiß, Braun und Schwarz sind zu Beginn noch etwas scheu und nehmen Reißaus, sobald einer der Besucher versucht, sie zu streicheln. Nur am Hals, und niemals von oben - von da kommt der Feind. Das hat Lindemann den von nah und fern angereisten Städtern, die hier an einer zweistündigen Alpakawanderung teilnehmen werden, mit auf den Weg gegeben, ehe sie sich auf der Weide mit den Tieren vertraut machen.

Martin Schlagbauer, Chemiestudent aus Bayreuth, hat mit seiner Freundin Julia Engel extra eine dreistündige Autofahrt auf sich genommen. Die Wanderung war ein Geburtstagsgeschenk des 26-Jährigen an seine Alpaka-begeisterte Partnerin. Als es ihr wenig später gelingt, ein schwarzes Tier zu streicheln, bricht sie in begeistertes Kreischen aus: "Die sind soooo süß!"

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Schon ziemlich niedlich, so ein flauschiges Wuschelkopf-Alpaka.

(Foto: picture alliance/dpa)

Tatsächlich ist es gar nicht so einfach, beim Anblick der Alpakas, die mit den etwas größeren Lamas nicht verwandt sind, die Contenance zu wahren. Das flauschige Fell, ihr sanft wiegender Gang und die nach oben geschwungenen Mundwinkel, die ihnen den Eindruck verleihen, als würden sie ständig lächeln: Die niedlichen Tiere liegen gegenwärtig voll im Trend. Fans haben beim Einkaufen die Qual der Wahl: es gibt Salz- und Pfefferstreuer in Alpakaform, Plüschalpakas, ein leuchtendes Alpaka als Nachttischlampe, Shirts, Bettwäsche und Tassen. Auch die Population der ursprünglich aus den Anden stammenden Tiere ist in Deutschland stark gewachsen: Von 2008 bis 2018 hat sie sich laut dem Präsidenten des Alpaka-Zuchtverbands, Fritz-Jürgen Hieke, auf 20.000 Tiere vervierfacht. Tendenz: stark steigend. Auf Instagram finden sich unter dem Hashtag "Alpaca" weltweit über 1,3 Millionen Beiträge.

Das Selfie mit einem Alpaka sei für die meisten Besucher das Nonplusultra, sagt auch Züchter Lindemann: "Das Marketing kann ich mir sparen, weil wir ganz automatisch in den Beiträgen verlinkt werden." Studentin Julia Engel probiert sich mittlerweile an der gar nicht so einfachen Übung, ein Foto mit sich und einem der Tiere zu machen. Neben ihr stellt Pharma-Ingenieur Tansu Ok aus Berlin den Alpakas nach und ist etwas enttäuscht, weil sich keines so recht streicheln lassen will.

Lange Leine, keine Hektik und genießen

Fünfzehn Minuten später gibt Lindemann Anweisungen für die Wanderung: Das Alpaka an der langen Leine führen, keine Hektik verbreiten und, ganz wichtig: das Naturerlebnis genießen. Dann könne nichts schiefgehen. Die zehn Tiere, ausschließlich Hengste mit Namen wie Adonis, Ikarus und Nepomuk, werden an die Teilnehmer verteilt. Lindemann bestimmt, wer mit wem geht. "Jedes Alpaka hat einen anderen Charakter, manche werden lieber von Frauen geführt, andere sind sehr wild und eignen sich nicht für Kinder." An der Wanderung nehmen außer einem Schuljungen allerdings nur Erwachsene teil - was ziemlich typisch sei, sagt Lindemann.

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Mit einem Alpaka an der Seite finden gestresste Städter ein wenig Leichtigkeit.

(Foto: picture alliance/dpa)

Während sich die Gruppe etwas schleppend in Bewegung setzt, erzählt Lindemann, der in einem früheren Leben in einem Berliner Labor angestellt war, wie er zu den Alpakas kam. Vor zehn Jahren kehrte er dem Stadtleben den Rücken und ließ sich mit seiner Frau Antje, einer gelernten Tierarzthelferin, auf dem großen Hof im Brandenburger Landkreis Teltow-Fläming nieder. Nach anfänglichen Gehversuchen als Schafzüchter sattelten die beiden relativ schnell auf die Zucht der Andenkamele um. Dass die Tiere im Trend liegen, merke er auch am Tagesgeschäft, vor allem die Wanderungen boomen. "Wir bieten mittlerweile täglich Wanderungen an, Anfragen erreichen uns sogar aus Singapur, den USA und Japan", sagt der Züchter, der rund 50 Tiere auf dem Hof zu versorgen hat.

Neben den Wanderungen ist der Verkauf der Tiere und ihrer Wolle eine wichtige Einnahmequelle für den Züchter. "Im Schnitt kosten die Tiere 6000 Euro, das ist verglichen mit Schafen nicht günstig. Allerdings kostet ein Kilogramm Alpakawolle auch 50 bis 100 Euro, für ein Kilogramm Schafswolle liegt der Preis bei gerade mal fünfzig Cent", so Lindemann.

"Was willst du denn im Gebüsch?"

Hinter ihm trotten die zehn Wanderer mit ihren Alpakas friedlich über einen Waldweg. Alle sind nun merkbar sicherer und führen Gespräche mit "ihrem" Tier. "Nepomuk, was willst du denn im Gebüsch?", sagt eine der Teilnehmerinnen, als sich ihr Alpaka im Geäst eines Strauches verfängt. Lindemann sagt der jungen Frau, sie müsse das Alpaka da schon herausführen. "Du bist der Boss, nicht das Alpaka!".

Was die Menschen an einem Wochenende ausgerechnet auf einen Alpakahof führe? Der Wunsch nach Entschleunigung, sagt Lindemann. "Alpakas werden nicht umsonst 'Delfine der Weide' genannt. Sie geben, ohne etwas dafür zu wollen, und bei einer Wanderung mit ihnen gelingt es gerade gestressten Stadtmenschen, wieder etwas Leichtigkeit zu finden", so der Züchter.

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Alpakas haben ein freundliches Wesen und werden daher gerne als Therapietiere eingesetzt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Diese ausgleichende Wirkung ist wissenschaftlich belegt. Alpakas werden deshalb auch als Therapietiere eingesetzt. Aufgrund ihrer geringen Größe und ihrem freundlichen, aber vorsichtigen Wesen eignen sie sich vor allem für Kinder mit ADHS-Syndrom und Angstpatienten. Lindemann hat drei seiner Alpakas an die Berliner Seniorenresidenz Villa Wedell verkauft. Die Bewohner des Altenheims, sagt Lindemann, seien begeistert von den Alpakas, die sogar stubenrein sind.

Nach einer Stunde pausiert die Wandertruppe schließlich an einem schattigen Fleckchen. "Komm, wir gehen da rüber, da hast du mehr Platz für dich", sagt Pharma-Ingenieur Tansu Ok zu dem ihm zugeteilten Alpaka. Konnte er bei der Wanderung loslassen? "Auf jeden Fall, das Tier hat die Kontrolle und man lässt es einfach machen, hält an, wenn es grasen will", sagt er.

Als Highlight der Wanderung zeigt Lindemann den Teilnehmern nun noch, wie man das perfekte Selfie mit einem Alpaka schießt. Der Trick ist ganz profan: Etwas Kraftfutter in der offenen Hand neben das eigene Gesicht halten, Handy zücken und abwarten. Dann kooperiert das Tier von ganz alleine. Und der Züchter freut sich über die kostenlose Werbung in den sozialen Netzwerken.

Quelle: n-tv.de

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