Leben

Das Gefühl, alles sei falsch Wenn Beziehungen toxisch sind

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Die Beziehung ist die reine Achterbahnfahrt, mit vielen Befürchtungen und wenig Sicherheit.

(Foto: imago images/Panthermedia)

Ewige Liebe und völlige Verachtung, enge Nähe und dann wieder Manipulation. So könnte das Muster einer toxischen Beziehung aussehen. Doch was ist das überhaupt? Wie gerät man da hinein? Und vor allem, wie kommt man wieder heraus?

In der Theorie ist es ebenso klar wie einfach - zwei Menschen sind zusammen und darüber glücklich. In der Praxis sieht das bei vielen jedoch anders aus. Sie fühlen sich in der Beziehung körperlich oder seelisch schlecht und sollten sie sich doch einmal glücklich fühlen, müssen sie dafür vorher etwas leisten. Seit einigen Jahren hat sich für diese Konstellationen der Begriff toxische Beziehungen etabliert.

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Tara Wittwer war bereits zwei Mal mit Menschen zusammen, bei denen sie das Gefühl hatte, immer alles falsch zu machen. Bei denen sie sich immer weniger wohlfühlte, obwohl sie doch glaubte, zu lieben. Stattdessen kam sie sich immer kleiner und weniger wert vor. Inzwischen hat sie zu dem Thema das Buch "Du bist Gift für mich" veröffentlicht.

"Eine toxische Beziehung ist natürlich in gewissem Rahmen subjektiv", sagt sie ntv.de. "Wichtig ist das Gefühl, dass einem die Beziehung nicht mehr guttut. Man hat so ein komisches Bauchgefühl und merkt es meist früher, als man es benennen kann." Keine Diskussionen gebe es aber dort, wo es zu emotionalem Missbrauch kommt, zu Gaslighting, zur Isolation von Freunden oder der Familie. "Das ist dann ganz offensichtlich toxisch." Sie selbst erinnert sich an ein Gefühl von Degradierung und Einsamkeit.

Abwärtsspirale voller Unglück

Studien zum Ausmaß des Phänomens gibt es nicht, Wittwer glaubt jedoch, dass es toxische Beziehungen schon immer gab. "Aber das Bewusstsein hat sich verändert, es gibt Begriffe dafür und viele sind durch soziale Medien achtsamer für diese Mechanismen geworden", sagt sie. Inzwischen wird man im Internet fündig, es gibt Instagram-Accounts, wie den von Wittwer, die sich mit dem Thema beschäftigen, Podcasts, Artikel oder Seminare.

Auch wenn jede Beziehung individuell ist, finden sich immer wieder bestimmte Muster. Da ist zum einen das ständige Gefühl von Instabilität. Gerade war alles schön, im nächsten Moment scheint die Welt unterzugehen. Weil alles so unsicher ist, werden die Gefühle immer seltener offen ausgesprochen. Um Eskalationen mit dem Partner oder der Partnerin zu vermeiden, werden soziale Kontakte immer weiter eingeschränkt, auch die zu guten Freunden oder zur Familie. Daraus entsteht eine zunehmende Isolation, in der sich die Probleme verstärken. Das Verhalten des anderen entscheidet über das eigene Glück, die emotionale Abhängigkeit wächst. Der Partner wird manipuliert und in seiner Wahrnehmung infrage gestellt. Es gibt Eifersucht, Kontrolle, Erpressung.

Der US-Psychologe Jeffrey Bernstein nennt drei wichtige Anzeichen für toxische Beziehungen. Kritik und Verachtung äußern sich beispielsweise darin, dass sich ein Partner ständig über den anderen lustig macht oder ihn immer wieder in aller Öffentlichkeit kritisiert. Vermeidung erkennt man unter anderem daran, dass körperliche Berührungen verweigert werden, ebenso wie Gespräche über die Beziehung oder therapeutische Beratung. Vor allem aber fühlen sich die Betroffenen "hoffnungslos in negativer Energie verloren", niedergeschlagen, emotional bankrott und taub. Was sie auch tun, nichts bewirkt eine positive Veränderung.

Wenige gute Vorbilder

Manchmal hilft es, wenn man sich klarmacht, wie eine Beziehung eigentlich sein sollte: im besten Fall liebevoll und unterstützend. Mit Konflikten sollten beide konstruktiv umgehen, indem sie zusammenarbeiten, um Probleme zu lösen, die Perspektiven des anderen einnehmen und sensibel reagieren, wenn sich der andere gestresst fühlt. Auch der Wille, sich gemeinsam zu verändern und zu entwickeln, ist ein guter Gradmesser.

Das Problem ist jedoch, dass nicht viele Menschen mit gesunden Beziehungsmustern aufgewachsen sind. Auch die Popkultur ist voll von Songs, Filme und Geschichten, die bei näherer Betrachtung toxische Beziehungen glorifizieren. "Love is in the brain" von Rihanna, "50 Shades of Grey", "Hot n Cold" von Katy Perry, "Der Teufel trägt Prada", "Gossip Girl", die Liste ist endlos. "Kranke Beziehungsmodelle haben den größten Hype, alles andere scheint irgendwie langweilig", sagt Wittwer. Da werden Partner verlassen, um dann wieder zurückzukehren. Oder wie Dreck behandelt, während sie angeblich um eine Liebe kämpfen. "Es ist aber nicht romantisch, wenn man jemandem beweisen muss, dass man es wirklich wert ist, geliebt und respektvoll behandelt zu werden." Viele Menschen verknüpfen dennoch Liebe mit Leiden und landen dann in einer emotionalen Achterbahn.

Das liegt nicht zuletzt an der Biochemie, die mit dem Verlieben und Lieben einhergeht. Beim Verlieben ist es vor allem das Aufputschhormon Adrenalin, das für die Schmetterlinge im Bauch sorgt. In der prickelnden Phase des Verliebtseins überschwemmt der Botenstoff Dopamin das Gehirn und macht leidenschaftlich. Nach den ersten stürmischen Monaten kommt dann das Bindungshormon Oxytocin zum Zuge. Und das Serotonin sorgt schließlich für wohlige Zufriedenheit und langanhaltendes Glück.

Bis zu diesem Punkt kommen die toxischen Beziehungen aber nicht. Sie bleiben in der emotionalen Achterbahnfahrt gefangen, Dopamin und Adrenalin wechseln sich immer wieder ab und erzeugen eine sogenannte Traumabindung. "Immer wieder denkt man, es wird besser", beschreibt Wittwer. "Dann ist es gut und es kommt der Dopaminschub, aber dann wird es eben auch wieder schlimm. Man fällt jedes Mal tiefer, die Hochs werden weniger."

Selbst der Kuchen sein

Neben Popkultur und Biochemie sind da auch noch Kindheitsprägungen. "Viele Eltern haben das Gefühl vermittelt, dass man nur dann geliebt wird, wenn man etwas erreicht hat, das Fußballspiel gewonnen oder die gute Note geschrieben." Mit dieser Prägung gerät man schneller beispielsweise in eine toxische Beziehung mit einem Narzissten, weil man darin um Liebe und Anerkennung kämpfen muss. "Man erkennt dann das Muster aus der Kindheit und denkt, dass man das braucht. Dabei ist es nur das, was man kennt."

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Deshalb ist es keineswegs leicht, die giftige Verbindung hinter sich zu lassen. Die Traumabindung ist oft sehr stark, man hat in die Beziehung so viel investiert, soll das alles vergeblich gewesen sein? Manchmal brauchen die Partner Jahre, um sich aus den Mustern zu befreien. Irgendwann sind sie von dem ständigen Überlebenskampf und dem Dauerstress erschöpft, häufig setzt sich zudem die Erkenntnis durch, dass es vermutlich nicht mehr besser wird. Die Selbstachtung schwindet, das Gefühl, den Kern von sich selbst zu verlieren, wird übermächtig. Dieser Leidensdruck bewirkt dann oft eine Art Befreiung.

Psychologen raten trotzdem zu sehr viel Nachsicht - mit sich selbst oder mit einem Betroffenen. Mit weniger Druck und mehr Verständnis gelingt es leichter, sich die Situation realistisch anzusehen. Vor allem aber müssen Betroffene aufhören, die Erfüllung im anderen zu suchen. Deshalb sei es so wichtig, mit sich selbst Frieden zu schließen und dann zufrieden zu sein. Dann sei es auch leichter, Grenzen zu setzen und gar nicht erst in eine toxische Beziehung zu geraten. "Der Kuchen musst Du selber sein", beschreibt es Wittwer. "Alles andere ist die Kirsche obendrauf."

Quelle: ntv.de