Essen und Trinken

Wer hat da ein Imageproblem? Kartoffelesser lieben besser

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Ein Kartoffelesser hat mehr vom Leben - einfach mal ausprobieren!

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Manche Mythen halten sich hartnäckig, zum Beispiel die, dass Männer ihre Höhle brauchen, Frauen andauernd Schuhe kaufen und Kartoffeln dick machen. Alles Lügen! Kartoffeln nämlich machen sexy.

Es heißt, dass wir Deutschen vor allem Kraut und Kartoffeln lieben und werden deshalb manchmal mit den Spitznamen "krauts" oder "crucchi" bedacht. Kein Grund, sich zu ärgern, denn Kraut und Kartoffeln sind sehr gesunde Nahrungsmittel mit vielen guten Eigenschaften. Kartoffeln stehen sogar in dem Ruf, die Libido zu stärken. "In Wein gekocht, sind sie besonders hilfreich für alle die, die die Blüte ihrer Jahre überschritten haben", schrieb der Schweizer Botaniker Caspar Bauhin anno 1619. Zugegeben, für Kohl mag das weniger gelten, aber richtig aufgepeppt mit anregenden Zutaten wie Muskat und Chili wird sogar aus einem ollen Kohlkopp möglicherweise eine Liebesspeise.

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Beliebt und verschmäht: die Kartoffel.

(Foto: imago stock&people)

Bedauerlicherweise geht der Verbrauch von Kraut und Kartoffeln in Deutschland zurück. Die Tomaten haben dem Kohlkopf längst den Rang abgelaufen: Jeder statistische Deutsche verzehrt im Jahr 21 Kilo Tomaten, aber nur noch 6 Kilo Rot- und Weißkohl. Kartoffeln sind mit 54 Prozent zwar immer noch die beliebteste Beilage auf deutschen Tellern (Nudeln 33 Prozent, Reis 8 Prozent), doch auch hier sinkt der Verbrauch. Wurden Mitte der 90er Jahre noch reichlich 72 Kilo Kartoffeln pro Kopf und Jahr in Deutschland gegessen, so sank der Verzehr in den Jahren danach immer weiter und liegt derzeit bei nur noch 57,7 Kilogramm. In den 60er Jahren wurden hierzulande immerhin noch 125 kg/Kopf gegessen, in den 50ern etwa 150 Kilo und um 1900 herum sogar noch 285 Kilo.

Im EU-Vergleich sind die Deutschen alles andere als "crucchi": Unsere mickrigen knapp 60 Kilo liegen eher im unteren Mittelfeld und werden mühelos von den 100 Kilo pro Kopf und Jahr in Lettland, Polen oder Griechenland überholt. Bei der Kartoffelproduktion sieht die Lage anders aus: Deutschland baut mehr Kartoffeln an als landesweit gefuttert werden. Wir sind weltweit der sechstgrößte Kartoffelerzeuger; an der Spitze stehen China, Russland und Indien.

Kein Werk des Teufels

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Gesund, aber von vielen Kindern ungeliebt: Kartoffeln mit Spinat.

(Foto: imago stock&people)

Doch immerhin kommen bei 85 Prozent der deutschen Haushalte mindestens einmal pro Woche Kartoffeln auf den Tisch. Allerdings ändern sich die Verzehrgewohnheiten - weg von der einfachen Salzkartoffel und hin zur veredelten Knolle in Form von Chips und Fritten. Im Beamten-Deutsch heißt das so: "Die Verlagerung des Verbrauchs von Frischware zu Veredelungsprodukten ist in Deutschland weit fortgeschritten." Und in Zahlen: Von den 2013/2014 pro Kopf verbrauchten 57,7 Kilo Kartoffeln sind nur 21,8 Kilogramm als frische Kartoffeln gegessen worden, 35,9 Kilogramm dagegen als verarbeitete Produkte. Noch Ende der 90er Jahre sah das Verhältnis völlig anders aus: 43,9 Kilo Frischware standen 28,4 Kilo Verarbeitungsprodukten gegenüber (Kartoffelverbrauch insgesamt: 72,3 kg/Kopf). Laut Statistikamt schälen eher Paare als Alleinstehende Kartoffeln und bei den Singles sind es eher die Frauen als die Männer, die der Kartoffel die Treue halten.

Vor allem Jugendliche halten die Kartoffel offenbar für langweilig: Wenn es schon Kartoffeln sein müssen, dann bitte als Fritten rot-weiß oder bestenfalls als "Pü"! Nur ein Drittel der 14- bis 17-Jährigen sind Kartoffelfans. Anders die Älteren: 78 Prozent der Ruheständler sind bekennende Kartoffelliebhaber, vielleicht aus Macht der Gewohnheit, weil die heute Älteren in ihrer Kindheit und Jugend einfach mehr Kartoffeln gegessen haben. Oder ist hier der Glaube an die Kartoffel als Aphrodisiakum tief verwurzelt? Schließlich heißt es: "Kartoffelesser lieben besser" - und die "Blüte der Jahre" ist bei Senioren ja nun wirklich überschritten.

Der Kartoffelgott "Axomana" der Inkas, die schon vor Jahrtausenden "Papas" (Knollen) anbauten, war zuständig für Fruchtbarkeit und gute Ernte. Wegen ihrer sprießenden Keime galten Kartoffeln als Frucht mit Seele und spielten bei Tempelritualen eine wichtige Rolle. Als die Knollen mit spanischen Eroberern und britischen Seefahrern nach Europa gelangten, wurden die hübsch blühenden Pflanzen anfangs als Exoten in botanischen Gärten gezeigt, obwohl man von der Essbarkeit der Knollen wusste. Nach Deutschland kam die Kartoffel Ende des 16. Jahrhunderts. Der Klerus verdammte sie als "sexuell höllisch erregend und ein Werk des Teufels", schließlich stand die "Tartuffel" nicht in der Bibel und gehört zu den Nachtschattengewächsen wie das Hexenkraut. Pfarrer, die gegen die Kartoffel wetterten, wurden als "Knollenprediger" verspottet. Erst Friedrich der Große sorgte im 18. Jahrhundert für einen großflächigen Kartoffelanbau, um die im Land herrschende Hungersnot zu beseitigen. Möglicherweise hat die Kartoffel deshalb ihren schlechten Leumund als Arme-Leute-Essen weg und heutzutage ein Imageproblem, sie ist nicht mehr "in", gilt als überholt. Es wird sogar behauptet, mit steigendem Einkommen sinke der Kartoffelverzehr.

Viele Kartoffeln = viele Kinder?

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Macht nicht dick: eine leckere Pellkartoffel.

(Foto: imago stock&people)

Auch heißt es, die Kartoffel mache dick - und das gehe ja nun gar nicht! Es ist aber nicht die Kartoffel an sich, die auf die Hüften geht, sondern dick macht nur die Zubereitungsart: Fettige Bratkartoffeln, Pommes, Chips. Oder die Sahnesauce, in der die Kartoffeln schwimmen. Wahr ist nämlich, dass Kartoffeln wenige Kalorien haben, weniger als Reis, Brot und Nudeln. Mit ihren 70 kcal/100 g gelten Kartoffel als kalorienarm und zur Diät geeignet, natürlich nicht in Form von Bratkartoffeln mit Speck! Aber als Backkartoffeln mit Quark und frischen Kräutern oder in Kombination mit Gemüse durchaus. Besonders kalte Kartoffeln helfen beim Abnehmen, weil sich beim Sinken der Temperatur ein Teil der Stärke in den unverdaulichen Ballaststoff Inulin umwandelt. Nur sollte man dann beim Kartoffelsalat auf Mayonnaise und andere Dickmacher verzichten und sich lieber für Radieschen und einen Löffel Olivenöl entscheiden.

Was nun bei der Kartoffel so "höllisch" erregend sein soll, lassen wir mal dahingestellt, bewiesen ist die aphrodisierende Wirkung nämlich nicht. Vielleicht ist es das in den Knollen reichlich vorhandene Vitamin C, das das Immunsystem stärkt, die Bildung von Hormonen anregt und auch die Leistungssteigerung (beim Sex). Jedenfalls wurden früher mehr Kartoffeln gegessen und mehr Kinder gezeugt. Kein Geringerer als der berühmte Rudolf Virchow sah da einen Zusammenhang. Als der Pathologe 1852 den Spessart bereiste, fiel ihm die große Zahl von (oft unehelichen) Kindern auf.  Eine Ursache dafür glaubte er "in dem exclusiven Kartoffelgenuss" zu erkennen, denn die Kartoffel sei bekanntermaßen ein "Reizmittel der Geschlechts-Erregung". Vielleicht lag der Kindersegen auch einfach nur darin begründet, dass die Menschen dank der Kartoffeln nicht mehr hungern mussten und wieder im wahrsten Sinne des Wortes Lust hatten?

Was wissenschaftlich nachgewiesen ist, das sind die gesunden Inhaltsstoffe von Kartoffeln. Außer Vitamin C haben Kartoffeln noch Vitamine der B-Gruppe, Magnesium, Kalium und Kalzium. Die Ballaststoffe beeinflussen positiv Magen und Darm. Das Eiweiß in der Kartoffel gilt als sehr hochwertig. Die Kohlenhydrate sind als Stärke vorhanden und gut verdaulich. Kartoffeln haben kein Cholesterin und lösen kaum Allergien aus; sie helfen, Stoffwechsel und Wasserhaushalt des Körpers zu regulieren, Bindegewebe, Knochen und Muskeln zu kräftigen, Herz- und Kreislauf zu stärken. Es gibt keine Untersuchungen darüber, ob Kartoffelfans die besseren Liebhaber sind. Casanova jedenfalls, der bekanntermaßen nichts anbrennen ließ, aß nicht nur gerne Austern, sondern auch Kartoffeln. Menschen, die viel Kartoffeln essen, wird außerdem nachgesagt, sie hätten große Führungsqualitäten und soziale Kompetenz, führten eine harmonische Ehe und seien insgesamt erfolgreich. Wenn das keine Gründe sind, zum Kartoffelesser zu werden!

Also: Abends mal nicht gemeinsam in die Chips-Tüte, sondern zu Pellkartoffeln greifen, die bei unseren französischen Nachbarn "Kartoffeln im Nachthemd" genannt werden, was ja alles mögliche heißen kann. Wenn die dann noch mit entsprechenden Zutaten verfeinert werden, steht einem anregend-leckeren Mahl nichts mehr im Wege. Der Würz-Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt: Thymian, Majoran, Rosmarin, Pfeffer, Chili, Ingwer oder Knoblauch

Pommes de terre en robe de chambre

Zutaten (4 Pers):

1 kg kleine, vorwiegend festkochende Kartoffeln
6 EL Olivenöl
6 EL trockenen Weißwein
1 TL Zucker
3-4 Stängel Thymian
1 Stück frische Ingwerwurzel
Salz, Chili, Muskat

Zubereitung:

Die Kartoffeln gut bürsten und mit Schale in Salzwasser etwa 10 Minuten kochen. Abgießen und die Kartoffeln etwas abkühlen lassen.

Den Herd auf etwa 200 Grad vorheizen. Olivenöl, Weißwein, Zucker gut mixen und mit Chili, geriebener Muskatnuss und Salz kräftig würzen. Die Kartoffelhälften in eine große Auflaufform oder auf ein Backblech geben (Schnittflächen nach oben). Die Ölmischung darüber verteilen und 15 Minuten backen.

Den Thymian waschen, abtrocknen und die Blättchen abzupfen. Die Ingwerwurzel (etwa 3 cm) schälen und raspeln. Nach den 15 Minuten Backzeit Thymian und Ingwer auf den Kartoffeln verteilen und nochmal 5 Minuten backen.

Schmeckt lecker solo, zu Kräuterquark oder als Beilage zu gegrillten Steaks.

Viel Spaß beim Entdecken der guten Kartoffeleigenschaften wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

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