Unterhaltung
Unzüchtige Gebärden und schamlose Gesänge sind in Badehäusern verboten.
Unzüchtige Gebärden und schamlose Gesänge sind in Badehäusern verboten.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Rosen total überschätzt: Mit einem Tausendsassa im Bett

Von Heidi Driesner

Oh Mannomann, der kann wirklich alles! Sogar Küche - da erweist er sich als unentbehrlich. Dann riecht er auch noch gut - und zwar immer. Selbst die Hosen wäscht er. Streichelzart im Bade und tröstlich bei fiesen Erkältungen - ich kann die Finger nicht von ihm lassen. Aber vor allem: Er ist gut im Bett!

Falls Sie der Mann Ihres Herzens auf Rosen betten will - seien Sie bloß vorsichtig! Rosen haben Dornen ... So ein schmerzhafter Piekser in edle Körperteile kann eine Liebesnacht beenden, bevor sie angefangen hat. Und Mr. Right kann es garantiert nicht verknusen, wenn frau sich ausschüttet vor Lachen, wenn er barfuß bis zum Scheitel jammernd durchs Zimmer hüpft. Lassen Sie die Rosen also lieber in der Vase, fürs Laken gibt es ein viel weniger angriffslustiges Kraut, das allerdings angriffslustig machen kann: Thymian. Moses Maimonides, ein jüdischer Arzt und Gelehrter aus Cordoba, empfiehlt schon im 12. Jahrhundert Männern, die für die Liebe zu faul sind, sie sollten ihre Beinkleider mit einer Mischung aus Alaun, Rettichsamen, Steckrübensamen, Kohlsamen, Thymian und Absinth waschen. Ob’s geholfen hat, ist nicht überliefert; zumindest die Hosen waren aber wieder mal sauber.

Störendes Beiwerk wie Rosen haben im Bett nichts zu suchen.
Störendes Beiwerk wie Rosen haben im Bett nichts zu suchen.(Foto: Andrea Kusajda/pixelio.de)

Vom Aussehen her hat er der edlen Gestalt einer Rose nichts entgegenzusetzen, und doch stellt er die Königin der Blumen in den Schatten: Der unscheinbare Thymian ist einer Rose haushoch überlegen - er ist Küchenkraut und Duftpflanze, Heilmittel und Aphrodisiakum. Und was kann die Rose außer gut aussehen? Heckenrosen oder Rosen in Bauerngärten verzaubern uns noch mit ihrem Duft, der aber ist bei den meisten modernen Züchtungen auf der Strecke geblieben. Heutzutage sind Rosen entweder lange haltbar in der Vase oder sie duften; beides zusammen kommt so gut wie nie vor.

Thymian hilft auch da aus. Frühlingsblumen in Violett, Weiß und Blau, dazwischen rote Rosen und duftender Thymian: So sieht einer der Trendsträuße für das Frühjahr 2013 aus, den der Fachverband Deutscher Floristen auf der Internationalen Pflanzenmesse in Essen vorstellte. Und in Österreich ist der Thymian unter anderem wegen seiner Bedeutung für die medizinische Aromatherapie Duftpflanze des Jahres 2013. Heutzutage gibt es über 200 Spezies der zur Familie der Lippenblütler gehörenden Pflanze. Ihre Heimat ist in Afrika, Asien und im Mittelmeerraum, aber es gibt auch einige Arten, die frostsicher sind und in deutschen Gärten wachsen.

Thymian heißt Leidenschaft

Der unscheinbare Thymian ist ein Tausendsassa.
Der unscheinbare Thymian ist ein Tausendsassa.(Foto: Manfred Reyelt/pixelio.de)

Vor allem die antiseptische Wirkung der kleinen Pflanze ist früh bekannt; auf Papyrusblättern aus dem Zeitraum von 1500 v. Chr. werden "tham" und "thm"  genannt, die die antiken Ägypter als keimtötenden Zusatz bei der Mumifizierung verwenden. Mitunter wird der Name auch auf das griechische Wort "thymos" zurückgeführt, was so viel wie Lebenskraft, Mut oder Leidenschaft bedeutet. Die Griechen machen aus Thymian Räucherkerzen zur Luftverbesserung, die Römer vertreiben damit Skorpione. Aber nicht nur: Vor der Schlacht nehmen die Legionäre Thymianbäder oder wälzen sich in dem Kraut, um Mut und Kraft zu stärken. Möglicherweise entdecken die Herren Römer dabei, dass das durch die Haut in den Körper eindringende ätherische Öl auch die Lendenregion belebt.

Also stärkt man sich auch vor den berüchtigten Gelagen und Sexorgien mit Thymianbädern und reibt sich mit der Pflanze ab. Und wer hustet, nimmt noch einen Schluck aus dem Krug, denn auch die heilende Wirkung eines Thymiantees ist in der Antike bereits bekannt. Thymian "treibt die Schleime aus dem Körper, stärkt Brust und Lungen, macht auch guten Atem und beseitigt das Keuchen", heißt es in alten Kräuterbüchern.

Erst im 11. Jahrhundert gelangt der Thymian über die Alpen zu uns und erlangt überall zur Linderung von Erkältungskrankheiten und Magenbeschwerden, zur Abwehr von Ungeziefer und als Liebeskraut Bedeutung. Hildegard von Bingen empfiehlt ihn vor allem bei Atemnot, Asthma und Keuchhusten. Um ihre Patienten von "Paralyse" zu heilen, "welche die Glieder des Menschen zu zerreißen und aufzureiben scheint", salbt sie die Kranken mit einem in Wasser gekochten Gemenge aus Thymian, Zwergholunder, Salbei und Melisse, vermischt mit Hirschtalg und Schmalz.

Thymian ist ein frommes Kraut - und steigert die Potenz

Ein anderer Name für Thymian ist Quendel; die Harz-Stadt Quedlinburg in Sachsen-Anhalt soll nach dem Quendel benannt sein. In den Alpen gilt er als ein "gar frommes Kräutlein" und spielt noch heute in Gebieten Bayerns als Marien- und Weihekraut eine bedeutende Rolle. Schließlich soll sich Maria auf "Unser lieben Frauen Bettstroh" - einem Lager aus Thymian - niedergelassen haben. Und so tut, wer tief und erquickend schlafen will, "Mutter Maria Bettstroh" (getrocknete Thymianblätter) in die Kissen. Allerdings sollte man sich vorher entscheiden, ob man gleich tief schlafen will oder eben erst später.

Thymian im Badewasser soll Wunder wirken.
Thymian im Badewasser soll Wunder wirken.(Foto: picture alliance / dpa)

Die potenzsteigernden Bäder der antiken Römer finden sich auch in den mittelalterlichen Badstuben wieder. Auch da wird nämlich ein Absud aus Thymian ins heiße Bad geschüttet, um die Mattigkeit zu vertreiben. In den Bottichen ist das Zu-zweit-Baden üblich, man schmaust, trinkt und verlustiert sich - und Thymian ist da nicht der schlechteste Badezusatz, denn der Hauptwirkstoff seines ätherischen Öls, das Thymol, hat eine antibakterielle und pilztötende Wirkung. Die bereitstehenden Badebetten, die man nach beendeter Prozedur im überhitzten Schwitzraum aufsucht, dienen allerdings nicht nur zu Ruhezwecken. Um der Tollheit wenigstens etwas Einhalt zu gebieten, werden Badeordnungen erlassen. So heißt es 1594 im württembergischen Boll, "unzüchtige Geberden und Erzeigungen gegen Ehrlichen Frauen und Jungfrauen" werden mit einem Gulden Strafe geahndet. "Bei Straff eines halben Guldens" sind "schamlos, üppige Wort und … ärgerliche Lieder und Gesänge" verboten.

Alte Kräuterbücher geben Auskunft darüber, dass ein Sud aus Thymian nicht nur bei Erkältungen getrunken wird, sondern auch deshalb, weil man sich von dem Kräutlein eine kräftigende und stimulierende Wirkung erhofft. Ein Dekokt (Sud) von dem getrockneten Kraut errege Mann und Frau, heißt es da. "Übergieß 2 bis 3 Teelöffel getrockneten Thymian mit ½ Liter kochendem Wasser. Lass 10 Minuten ziehen und trinke es, wenn dir danach ist." Noch heute wird das ätherische Öl des Thymians in der Pharma- und der Kosmetikindustrie genutzt, weniger zur Erregung, sondern mehr zur Desinfizierung, gegen Entzündungen, zur Linderung von Blähungen, Magenbeschwerden und der schon erwähnten grippalen Infekte, auch gegen Fußpilz, Insektenstiche, Konzentrationsstörungen und Stress.

Ob Bett oder Bad oder Apotheke - zur Höchstform bringt es der Thymian in der Küche; man denke nur an das klassische Bouquet garni und die Kräuter der Provence der französischen Küche. Thymian ist das Herzstück der Mittelmeerküche. Sein scharfer, leicht herber Geschmack passt am besten zu Fleisch- und Kartoffelgerichten, Hülsenfrüchten und Gemüse, aber auch zu Fisch. Bei Fischgerichten sollte man es mit dem Würzen nicht übertreiben, denn Thymian ist ein kräftig schmeckendes Kraut, was leicht den zarten Fischgeschmack übertönt. In Eintöpfen und Suppen sorgt ein Zweig Thymian für einen wunderbaren Duft und ein angenehmes Aroma, fette Speisen macht er bekömmlicher.

Falls Sie unschlüssig sind, ob Sie Ihren Thymian nun ins Bett, ins Badewasser oder in den Kochtopf krümeln, fangen Sie am besten in der Küche an. Denn Liebe geht bekanntlich durch den Magen!

Italienische Pilzsuppe

Zutaten (4 Pers):

500 g braune Champignons
4 Fleischtomaten
3 Stangen Sellerie
2 Zwiebeln
2 Knoblauchzehen
1,5 l Fleisch- oder Gemüsebrühe
1 Sträußchen frischer Thymian
Olivenöl, schwarzer Pfeffer, Salz

Zubereitung:

Die geputzten Pilze (in der Pilzsaison frische Steinpilze verwenden, schmeckt noch besser) mit einem Hobel feinblättrig schneiden. Die Thymianblättchen abzupfen und hacken; man benötigt etwa 2 TL davon. Beides beiseite stellen.

Selleriestangen, Zwiebel und Knoblauch putzen und fein würfeln. Tomaten blanchieren, die Haut abziehen, entkernen und in kleine Würfel schneiden.

In einem großen Topf etwa 6 EL Olivenöl erhitzen und das Gemüse - bis auf die Pilze und den Thymian - darin etwa 5 Minuten andünsten. Die Brühe zugießen und aufkochen lassen. Erst jetzt die Pilze und den gehackten Thymian zugeben; Hitze reduzieren und die Suppe etwa eine Viertelstunde schwach sieden lassen. Zum Schluss mit Salz und frisch gemahlenem schwarzen Pfeffer abschmecken.

Dazu schmeckt Ciabatta: Brotscheiben mit frisch geriebenem Parmesan bestreuen, überbacken und zur Suppe reichen.

Viel Erfolg in allen Lebenslagen wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen