Panorama

70 Jahre ein Zuhause Als die SOS-Kinderdörfer zu Familien wurden

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Die SOS-Kinderdörfer entstanden 1949.

(Foto: dpa)

Seit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geben SOS-Kinderdörfer Waisenkindern ein Zuhause. Auch nach 70-jährigem Bestehen der Hilfsorganisation ist das Konzept immer noch relevant. Heute geht es aber vor allem darum, Kinder aus sozialen Notlagen herauszuholen.

Wenn Fitim die Gitarre hervorholt, kommt im Haus der SOS-Eltern Fllanza und Derwish Stimmung auf. Seine mit etwas dünner Stimme vorgetragenen Elvis-Presley-Songs sorgen bei den vier "Geschwistern" im Kinderdorf der albanischen Hauptstadt Tirana für Erheiterung. Die drei Mädchen und zwei Jungen im Alter zwischen 11 und 15 Jahren haben sichtlich Spaß. "Es ist wie eine wirkliche Familie", schwärmt die Jüngste, die elfjährige Ana. "In der Familie, aus der ich herkomme, waren wir sechs Brüder", sagt Fitim, der 14-jährige Nachwuchs-Elvis. "Hier habe ich jetzt auch Schwestern, und das ist gut so."

SOS-Kinderdörfer gibt es auf der ganzen Welt. Ursprünglich für Waisen angelegt, beherbergen sie heute vor allem Kinder, deren Eltern nicht für sie sorgen können - wegen bitterer Armut, familiärer Gewalt oder anderer sozialer Notlagen. Ein SOS-Kinderdorf besteht aus kleinen Häusern, in denen je eine SOS-Familie wohnt: eine bestimmte Zahl von Kindern mit ihrer SOS-Mutter oder zunehmend auch mit SOS-Eltern, wenn der Ehemann der Kinderdorf-Mutter einzieht und zum SOS-Vater wird. Begonnen hat alles vor 70 Jahren in den österreichischen Alpen.

Der Zweite Weltkrieg hatte nicht nur Dörfer und Städte arg beschädigt, sondern auch viele Kinder zu Waisen gemacht. Der Medizinstudent Hermann Gmeiner, geprägt von Kriegserlebnissen, fand in dieser düsteren Situation seine Berufung. Mit seinem letzten Geld druckte er Flugblätter, die für seinen am 25. April 1949 gegründeten Verein "Societas Socialis" - abgekürzt: SOS - werben sollten. Das Konzept: Statt in Waisenhäusern sollten Kinder in familienähnlichen Gemeinschaften ein neues Zuhause finden. Der Zuspruch der Menschen war überwältigend, die Spenden flossen unter dem Motto "Ein Schilling im Monat" reichlich. Ins erste SOS-Kinderdorf im österreichischen Imst zogen 1951 40 Kinder mit ihren Kinderdorf-Müttern ein.

Kinderdörfer rund um den Erdball

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Gründer Hermann Gmeiner mit Kindern im ersten SOS-Kinderdorf (Bild von 1953).

(Foto: dpa)

Heute umfasst die Landkarte der Organisation SOS-Kinderdörfer nicht weniger als 135 Länder: In Uganda werden viele Waisenkinder betreut, die durch die Immunschwächekrankheit Aids ihre Eltern verloren haben. In dem von Armut geprägten Georgien erfahren viele Familien Hilfe in ihrer bitteren Not. In Syrien kümmert sich die Organisation in drei Kinderdörfern um die vom Krieg Gezeichneten und bemüht sich auch um eine Familienzusammenführung. Aktuell profitieren laut Organisation rund 1,5 Millionen Menschen weltweit von den Programmen.

Albanien ist eines der ärmsten Länder Europas. Das SOS-Kinderdorf in der Vorstadt Sauk im Südosten von Tirana lebt von der Unterstützung der SOS-Organisationen in Deutschland und Österreich sowie von Spenden inländischer Unternehmen. Projekte zur Aus- und Weiterbildung fördert das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ).

In 13 Häusern leben derzeit 63 Kinder, sagt Mimoza Manaj, die Projektleiterin von SOS-Kinderdörfer für Tirana. Dem Besucher fallen Hingabe und Engagement der Ersatzmütter und der anderen Menschen auf, die sich hier um das Wohl der Kinder kümmern. Psychologinnen arbeiten Traumata auf, an denen manche Kinder leiden, Logopädinnen helfen Kindern, die mit Sprachfehlern und Leseschwierigkeiten ringen. Kunstlehrer und -lehrerinnen fördern beim Malen, Basteln, Schneidern, Musikmachen und Tanzen das kreative Potenzial der Kleinen zutage.

Den Kindern etwas weitergeben

"Hier zu arbeiten hat was Magisches", betont Projektleiterin Manaj. Fllanza wurde zur SOS-Mutter, nachdem sie zwei leibliche Söhne großgezogen hatte. Die jugendlich wirkende Frau mit wallendem schwarzen Haar dachte sich, dass "ich durchaus noch den Elan und die Kapazität habe, für weitere Kinder zu sorgen". Ihr Mann Derwish ging als Polizeiinspektor in Rente. Anfangs kam er nur zu Besuch in die "Familie" seiner Frau. Doch an einem bestimmten Punkt empfand der grauhaarige, drahtige Ex-Beamte: "Ich möchte diesen Kindern etwas weitergeben."

Das klassische SOS-Kinderdorf, wie es Hermann Gmeiner in seiner Zeit konzipiert hat, passt sich immer wieder neuen Anforderungen an und wird durch zahlreiche Förderprogramme ergänzt. "Wenn es irgendwie geht, sollten Kinder in der eigenen Familie aufwachsen", sagt Louay Yassin, der Sprecher von SOS-Kinderdörfer weltweit. "Deshalb versuchen wir, gefährdeten Familien zu helfen, bevor der Punkt erreicht ist, an dem die Kinder nicht mehr bei ihnen belassen werden können."

Großer Spendenbedarf

Organisationen wie die SOS-Kinderdörfer brauchen viele Spenden - und die Bundesbürger sind nach Erfahrungen des Deutschen Spendenrats dazu bereit. "Die Deutschen helfen gern. Das freut uns sehr", sagt dessen Geschäftsführerin Daniela Geue. 5,3 Milliarden Euro seien 2018 für gute Zwecke gegeben worden - etwas mehr als im Vorjahr. Auch wenn die Menschen gern Natur- und Umweltprojekte unterstützten, drei von vier Spenden-Euro gelten laut Geue der Hilfe für Menschen. "Das Schicksal von Menschen und gerade Kindern bewegt viele weiterhin."

Insgesamt ist die Zahl der gemeinnützigen Vereine, die auf Spendengelder hoffen, in Deutschland auf zuletzt 600.000 gestiegen. Die setzen auch auf Gelder aus der Wirtschaft. Laut einer Studie von Stifterverband und Bertelsmann Stiftung von 2018 gibt die Wirtschaft mindestens 9,5 Milliarden Euro pro Jahr für das Gemeinwohl aus. In Albanien läuft eine große Zahl von Programmen zur Stärkung von gefährdeten Familien. Anstatt die Kinder ins SOS-Dorf zu holen, sollen den Eltern bei entsprechenden Kursen Fertigkeiten für die Jobsuche, fürs berufliche Weiterkommen, für die Gründung von Kleinunternehmen vermittelt werden.

In Tirana gibt es sogar einen "Väter-Club". Man habe die Erfahrung gemacht, dass entgleiste Familien ohne die Einbeziehung der Väter häufig nicht wieder auf die Bahn zu bringen sind, meint der Sozialarbeiter Festim Prognadi, der den Club im eher ärmlichen Stadtteil Don Bosko betreut. Der 38-jährige Zenel war anfangs skeptisch, ist aber heute froh, mitgemacht zu haben. "Früher konnte ich die Liebe zu meinen Kindern nicht ausdrücken. Hier lernte ich, mit meinen Kindern, mit meiner Frau zu kommunizieren. Mein Leben ist ein anderes geworden."

Quelle: Matthias Röder und Gregor Mayer, dpa