Panorama

Samos nach dem Albtraum-Beben Aufräumen unter Schock und Angst

imago0105955248h.jpg

Auf Samos haben die Aufräumarbeiten begonnen.

(Foto: imago images/ANE Edition)

Erst bebt die Erde, dann kommt das Wasser: Die griechische Insel Samos wird von den Naturgewalten schwer getroffen. Zwei Menschen verlieren ihr Leben. Das Unglück zeigt wieder einmal, dass ungenutzte Häuser eine Gefahr sein können.

"Dream‘s Corner" heißt ihr kleines Souvenir-Geschäft an der sonst belebten Küstenpromenade in der Hauptstadt von Samos. Despina zeigt, wie hoch der zweite Tsunami das Meerwasser über die Straße in die vielen Bars, Cafés und Geschäfte gedrückt und dabei Stühle, Tische und Regale einfach mitgerissen und umgeworfen hat.

So kurz nach dem Beben in der Ägäis denkt niemand ans Geschäft. Jeder räumt auf, fegt Scherben und Schlamm aus dem Laden. Die Angst vor Nachbeben liegt in der Luft. Die Gedanken sind bei den Angehörigen der ums Leben gekommenen beiden Jugendlichen. Nur wenige hundert Meter entfernt wurde ihr Heimweg von der Schule zur tödlichen Falle. Ein altes Gebäude war durch die heftigen Erdstöße eingestürzt. In der engen Gasse hatten sie keine Chance.

Schulweg.jpg

Abgesperrt: Der Schulweg in Samos-Stadt führt an einem alten Haus vorbei. Herabstürzende Dach- und Mauerteile trafen die beiden Teenager tödlich.

(Foto: Andreas Langheim)

Der ganze Ort trauert. Wieder steigt in vielen die Wut darüber hoch: Überall auf der Insel sind seit Jahren nicht genutzte Häuser oder Schuppen lebensgefährliche Ruinen. Die Bürgermeister sind machtlos, fürchten Regressansprüche von Besitzern. Oder sie scheitern schon daran, wie ein drastischer Fall im Weindorf Ambelos zeigt, diese zu ermitteln. Dort sind die heillos zerstrittenen Erben eines extrem einsturzgefährdeten Hauses weltweit verstreut.

Etwa einen Meter hoch stand das Wasser in ihrem Laden, in 40 Sekunden machte das Beben aus ihrer "Dream‘s Corner" einen Albtraum. "Es ist das Schlimmste, was uns passieren konnte", sagt die etwa 50-jährige Frau, während ihre Tochter sie tröstet. "Wir haben so ziemlich alles verloren, aber das sind materielle Dinge. Wir haben im Ort zwei junge Menschen verloren. Das ist viel, viel schlimmer." Sie macht eine Pause, offenbar kannte sie die Schüler. Es wäre kein Wunder, auf der Insel kennen sich die meisten der rund 44.000 Bewohner untereinander. "Schauen Sie sich um, es ist alles kaputt, da kann ich doch nichts mehr von verkaufen", sagte sie und zeigt auf eine Kollektion Armbanduhren. Das Salzwasser verwandelte sie in wenigen Sekunden in Elektro-Schrott.

Schadenersatz? "May be, may be not!"

Ob die Regierung hilft, ob es Schadenersatz gibt? Die Geschäftsfrau zuckt mit den Achseln und sagt nur kurz "may be, may be not". Griechen sagen das auch, wenn sie genau wissen, dass Gelder fließen, nur in die falschen Taschen.

Nebenan filmt ein Team des griechischen Fernsehens. Das Beben war das stärkste seit Jahrzehnten. Amtlich soll es eine Stärke von "nur" 6,7 gehabt haben, doch die älteren, erdbeben-erprobten Insulaner glauben, es war deutlich stärker. Panagiotis hat da keinen Zweifel: Er betreibt ein kleines Hotel in der nach Pythagoras benannten, malerischen Hafenstadt im Süden, Pythagorio: "Es war eine Stärke von mindestens 8. Aber die Regierung spricht nur von 6,7. Wissen Sie warum? Weil sie erst ab 7 Schäden erstatten muss."

"Aber das lässt sich doch international nachprüfen", sagt ein amerikanischer Gast, der auf Samos seit Wochen "mobile office" macht, weil er aus Angst vor Corona nicht in die USA zurückfliegen will. Am nächsten Morgen zeigt er dem Hotelier im Internet: Ein amerikanisches Institut hat die Stärke des Erdbebens mit 7 gemessen.

Uni III.JPG

Vom Uni-Gebäude stürzten Teile der Fassade hinab.

(Foto: Andreas Langenheim)

Aufatmen dagegen am Flughafen: Die Kontrolle der Start- und Landebahn am Airport "Aristarchos" von Samos ergab, dass der Flugbetrieb weiter möglich ist. Die wichtigen und im Winter einzig möglichen Verbindungen von und nach Athen sowie Thessaloniki werden bedient. Befürchtungen, die heftigen Erdstöße und Bodenbewegungen hätten die Start- und Landebahn beschädigt, haben sich nicht bestätigt, und so sind die innergriechischen Flugverbindungen problemlos möglich. Vorausgesetzt, es stürmt nicht allzu kräftig, womit jetzt in der östlichen Ägäis verstärkt gerechnet werden muss.

Bange Frage überall: Was stürzt beim nächsten Nachbeben ein?

Auf dem Weg in die Weinberge liegt das kleine Dorf Mili, oberhalb der antiken Tempelanlage zu Ehren von Hera. Die einst mächtige Opferstätte wurde im Lauf der Jahrhunderte vor allem durch Erdbeben fast völlig zerstört. Eine Säule hat allen Erschütterungen bislang standgehalten und ist deshalb ein Wahrzeichen. Die Säule muss auch diesmal kräftig gewackelt haben - doch sie hat ein weiteres Mal gehalten. Nur wie lange noch? Diese Frage stellen sich jetzt vor allem betroffene Hausbesitzer. Nicht selten drohen alte, längst verlassene Steinhäuser zu kollabieren und im schlimmsten Fall auf bewohnte Häuser zu stürzen.

Es sind die Nachbeben, die auch am zweiten Tag nach dem Hauptbeben immer wieder zu spüren sind. "Das werden wir jetzt noch einen Monat lang haben", sagt Fotini, die schon früh am Morgen in ihrem Rock-Café Taxifahrern und Frühaufstehern Cappuccino serviert. Unter ihnen ist auch Angeliki aus Athen. Sie gehört zur frisch eingetroffenen Untersuchungsgruppe von Bau-Ingenieuren, die jetzt große Gebäudeschäden im Auftrag der Zentralregierung unter die Lupe nehmen.

Sie ist schon an vielen Orten gewesen, um Erdbeben-Schäden zu beurteilen, auch in diesem Gebiet an der Grenze zwischen Europa und Asien, wo seismologisch relevante Plattenaktivitäten am Meeresboden nicht selten sind. "8?" fragt Fotini. "Possible" sagt Angeliki mit dem Unterton fester Überzeugung. Sie will heute noch mit Experten Karlovassi aufsuchen, die zweitgrößte Stadt im Nordwesten. Dort soll es die wunderschönen Kirchen, beliebte Fotomotive der Touristen, extrem getroffen haben.

Früher war Karlovassi bedeutendes Handelszentrum für Lederwaren, Tabak, Töpferei-Artikel, Oliven, Öl und natürlich den berühmten Samos-Wein. Vom ehemaligen Reichtum der heutigen Universitätsstadt mit ihren Fakultäten für Informatik und Angewandte Mathematik zeugen noch heute alte Villen und mächtige, prachtvolle Kirchen.

Kirche I.JPG

Mitten in der Neustadt von Karlovassi: Ein riesiges Loch klafft im oberen Teil der Kirche.

(Foto: Andreas Langheim)

In der Universitätsstadt gibt es viele Menschen, die Cafés an der Platia sind normalerweise rappelvoll. Nun wirkt die Stadt, als stünde sie unter Schock. Nur wenige Cafés haben überhaupt geöffnet, mit einem Bus sind Katastrophenhelfer gekommen. Die blau uniformierten Männer sind vor allem mit dem Absperren von den einsturzgefährdeten Gebäuden beschäftigt. Überall lauern Gefahren in dem dicht bebauten Ort mit seinen vielen hohen, zum Teil sehr alten Häusern.

Wenige Meter neben der Uni liegt die Schule. Gerade war der Unterricht aus, die letzten Schüler hatten den Pausenhof verlassen. Hätte die Erde in einer Pause gebebt - womöglich hätte es viele Verletzte und Tote gegeben. Praktisch die ganze linke Giebelfassade ist auf den Schulhof gestürzt.

Kirche VI.JPG

Auch diese Kirche ist plötzlich extrem gefährlich: Im Turm sind die Stützsäulen weggebrochen.

(Foto: Andreas Langheim)

Aus Athen sind weitere Ingenieure gekommen. Viel Arbeit wartet auf sie. Angeliki, die zum Regierungsteam gehört, ist davon überzeugt, dass sie noch mindestens eine Woche damit beschäftigt sein wird, mit ihren Leuten einen genauen Überblick zu erarbeiten, wie groß die Schäden sind, welche Gebäude restauriert werden können und welche aus Sicherheitsgründen unbedingt abgerissen werden müssen. Ob sie dann am Ende wirklich abgerissen werden, daran glaubt im Moment niemand.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen