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Erben von Lindgren klagen Langstrumpf-Lied verletzt wohl Urheberrecht

"Ich mach' mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt" - den Text kennt vermutlich jeder, der mit den Filmen um Pippi Langstrumpf aufgewachsen ist. Nun stehen genau diese Zeilen im Zentrum eines Rechtsstreits um das Urheberrecht. Die Erben Lindgrens wollen an dem Lied mitverdienen.

Das berühmte Pippi-Langstrumpf-Lied, das zu Beginn der Filme gespielt wird, verletzt nach Ansicht des Hamburger Landgerichts wohl das Urheberrecht. In einer Anhörung zum Streit um den deutschen Text von Wolfgang Franke erklärte der Vorsitzende Richter, die Zivilkammer halte den gestellten Unterlassungsantrag der Erben von Astrid Lindgren für aussichtsreich. Ein Urteil will das Gericht zu einem späteren Zeitpunkt verkünden.

Die Erbengemeinschaft aus Tochter und Enkeln der schwedischen Kinderbuchautorin hat die Filmkunst-Musikverlags- und Produktionsgesellschaft in München und die Witwe von Franke Ende 2017 verklagt. Mit einem Unterlassungsantrag wollen sie erreichen, dass sie an den Einnahmen aus der Verbreitung des Liedes beteiligt werden. Um wie viel Geld es geht, ist unklar. Die Astrid Lindgren AB hat den deutschen Musikverlag aufgefordert, die Zahlen offen zu legen. Es dürfte auf jeden Fall mehr als "zwei mal drei macht vier" sein.

Die rechtliche Ausgangslage ist nicht ganz einfach. Das Kinderbuch erschien zuerst 1945 in Schweden, vier Jahre später auf Deutsch im Oetinger-Verlag. 1969 kam die schwedisch-deutsche Fernsehserie heraus, dazu das berühmte Lied. Zu der Melodie von Jan Johansson dichtete Franke seinen Text. Die schwedische Originaldichtung von Lindgren ("Här kommer Pippi Långstrump") habe er dafür gar nicht gebraucht, weil er Pippi Langstrumpf schon "by heart" (dt.: auswendig) kenne, schrieb er nach Angaben von Korte damals an die Autorin.

Lindgren habe 1970 ihre Unterschrift unter die Filmverträge gesetzt. In dem Hamburger Verfahren geht es vor allem um die Nutzung des Liedes jenseits der Filme. Als Beweismittel liegen auf dem Richtertisch "Das große Astrid Lindgren Liederbuch" und zwei CDs. Aus der Korrespondenz zwischen Franke und Lindgren gehe nicht eindeutig hervor, dass die Schwedin dem Deutschen die alleinige Nutzung erlaubt habe, sagte Korte.

Erben sehen Lied als bearbeitetes Original

Die Schweden sind der Ansicht, dass die deutsche Fassung eine sogenannte abhängige Bearbeitung des Originals ist. "Här kommer Pippi Långstrump, tjolahopp tjolahej tjolahoppsan-sa", dichtete Lindgren. Der deutsche Autor Wolfgang Franke machte daraus: "Hey - Pippi Langstrumpf, trallari trallahey tralla hoppsasa" - angeblich ohne Einwilligung der schwedischen Verfasserin. Die Anwälte der verklagten Filmkunst-Musikverlags- und Produktionsgesellschaft und der Witwe von Franke wenden ein, der deutsche Text sei eine freie Benutzung des Kinderbuchstoffs, für die keine Genehmigung erforderlich sei.

So kommen die berühmten Zeilen zu Pippis "Plutimikation" im schwedischen Original gar nicht vor: "Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach' mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt" - dieser von Schauspielerin Eva Mattes gesungene Reim zur Filmserie von 1969 stammt aus der Feder von Franke, nicht von Lindgren.

Franke erfand Übersetzung: "kunterbuntes Haus"

Es war ebenfalls Franke, der die Villa von Pippi zu einem kunterbunten Haus machte. Nach Lindgrens Worten wohnt das selbstständige Mädchen in seiner "Villa Villekulla". "Das ist nicht schlecht, ich hab' nen Affen, Pferd und Villa, und es ist auch gut, einen Koffer voll Geld zu haben", heißt es ganz schlicht auf Schwedisch. In Deutschland trällert Pippi seit 50 Jahren: "Ich hab' ein Haus, ein kunterbuntes Haus, ein Äffchen und ein Pferd, die schauen dort zum Fenster raus."

Die schwedischen Kläger wollen erreichen, dass die Deutschen die Verwertungserlöse aus der Rechtegesellschaft Gema nicht länger bekommen. Die Klage wurde bereits Ende 2017 eingereicht. 2014 hätten die Kläger eine erste Abmahnung rausgeschickt, sagte der Gerichtssprecher. Davor habe nach Darstellung der Kläger in jahrelanger Arbeit und mit großem Aufwand der Nachlass von Astrid Lindgren geordnet werden müssen.

Die Erben wollten kein Schuldabkommen. "Es geht einfach um die Anerkennung des Lebenswerks von Astrid Lindgren", sagt der Vertreter von Lindgrens Erbengemeinschaft, Ralph Oliver Graef. Er räumt zugleich ein: "Das Lied ist super, die Filme sind super, die Figur soll so bleiben." Doch seit Jahren versuche man vergeblich zu einer Einigung mit den deutschen Rechtenutzern zu kommen. Es gehe nicht an, dass sich jemand einfach so das Gespann aus dem Affen Nilsson, Pippi Langstrumpf und Pferd schnappe, damit durch die Welt fahre und Geld verdiene.

Charakterschutz von Pippi ist entscheidend

"Der Text von Wolfgang Franke hat ohne Zweifel einen hohen schöpferischen Eigengehalt", betonte Richter Benjamin Korte. Ob das schwedische Original "Här kommer Pippi Långstrump" dahinter verblasse, sei streitig. Doch darauf komme es gar nicht so an. Entscheidend sei, dass der deutsche Text den sogenannten Charakterschutz von Pippi Langstrumpf verletze. Er enthalte ganz typische Elemente der literarischen Figur.

Ein erster Verhandlungstermin fand vor einem Jahr statt. Damals habe die Kammer es für möglich gehalten, dass die deutsche Version die Rechte des Originals verletzt. Wegen eines Richterwechsels gibt es nun erneut eine mündliche Verhandlung. Ein Urteil wird noch nicht erwartet.

Quelle: n-tv.de, joh/dpa

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