Panorama

Tagebuch über NS-Zeit Renia Spiegel ist die "polnische Anne Frank"

Renia Spiegel gilt als die

Renia Spiegel wurde nur 18 Jahre alt.

(Foto: Facebook/ Renia Spiegel Foundation (@reniaspiegel))

Zwischen 1939 und 1942, während der Belagerung durch die Nationalsozialisten, schreibt die Polin Renia Spiegel Tagebuch. Aus ihrem Versteck auf einem Dachboden in ihrer Heimatstadt Przemysl protokolliert die Jüdin die deutsche und sowjetische Besatzung. Nun ist "Renias Tagebuch" auf Englisch erschienen.

"Allmächtiger Gott, hilf uns, rette uns! Ich will leben!", schrieb die 17-jährige polnische Jüdin Renia Spiegel im Juni 1942 in ihr Tagebuch. "Überall Blutvergießen. Es wird getötet und gemordet." Die Nazis hatten gerade alle Juden in einem Viertel ihrer südpolnischen Heimatstadt Przemysl umgebracht - viele der Opfer mussten zuvor noch ihr eigenes Grab schaufeln. Am 30. Juli 1942 wird Renia Spiegel erschossen -  von einem deutschen Soldaten. Jemand hatte ihr Versteck auf einem Dachboden verraten.

Renia Spiegel gilt als die "polnische Anne Frank". Doch anders als die Aufzeichnungen des deutsch-jüdischen Mädchens aus ihrem Versteck in Amsterdam, blieb das Tagebuch der jungen Polin lange der Öffentlichkeit verborgen. Nun ist "Renias Tagebuch" auf Englisch erschienen, Übersetzungen in 15 weitere Sprachen sind in Arbeit.

Spiegel war 14 Jahre alt, als sie 1939 begann, Tagebuch zu führen. "Ich suche einfach nach einem Freund. Ich suche jemanden, dem ich meine täglichen Sorgen und Freuden erzählen kann", schreibt sie in ihrem ersten Eintrag. Sie lebte bei ihren Großeltern in Przemysl, während sich die Mutter in Warschau um die Kinderstar-Karriere ihrer jüngeren Tochter kümmerte. Auf rund 660 Seiten verarbeitet sie die Sehnsucht nach ihrer Mutter, schwärmte von ihrem Freund Zygmunt Schwarzer und protokollierte die deutsche und sowjetische Besatzung der Stadt - immer wieder unterbrochen von Gedichten.

Tagebuch lagert jahrzehntelang in Banktresor

Schwester und Mutter überstanden den Krieg und emigrierten nach New York. Auch Renias Freund Schwarzer, der sie auf dem Dachboden versteckt hatte, überlebte, obwohl er ins NS-Todeslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Er bewahrte Spiegels Tagebuch auf. In den 1950er-Jahren machte er ihre Mutter in New York ausfindig und übergab ihr die Aufzeichnungen. "Sie war schockiert und konnte es nie lesen", sagt Renias Schwester Elizabeth Bellak. Sie selbst habe auch nur einen Teil der Aufzeichnungen gelesen, zu schmerzlich sei die Lektüre für sie gewesen. Nach dem Tod der Mutter packte Bellak den Packen Schulhefte in einen Banktresor.

Erst Bellaks Tochter Alexandra holte das Tagebuch Jahrzehnte später wieder ans Licht. Mit zweitem Namen heißt sie Renata. "Ich wurde nach diesem geheimnisumwobenen Menschen benannt, den ich nie kennengelernt hatte. Ich war neugierig auf meine Vergangenheit", sagt die 49-Jährige. Sie und ihre Mutter gaben das Tagebuch auch dem in New York lebenden polnischen Filmemacher Tomasz Magierski zu lesen, der es sich zunächst nur aus Höflichkeit ansah. "Aber dann konnte ich gar nicht mehr aufhören zu lesen", sagt Magierski.  "Das Traurige ist, dass man weiß, wie dieses Tagebuch endet. Aber beim Lesen hat man die Hoffnung, dass es doch eine andere Wendung nimmt." Besonders beeindruckt war Magierski von den Gedichten. In einem ihrer Gedichte über einen deutschen Soldaten zeigt Renia Spiegel Mitgefühl für den Feind: "Ich verfluche die Tausenden und die Millionen / Aber um den einen Verwundeten weine ich", heißt es darin.

Späte Würdigung für Renia Spiegel

Magierski drehte einen Dokumentarfilm über die beiden Schwestern und half den Bellaks, das Tagebuch mithilfe ihrer Renia-Spiegel-Stiftung in Polen zu veröffentlichen. 2016, fast 75 Jahre nach Renias Tod, werden ihre Aufzeichnungen so einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Vor Kurzem hatte der Film "Broken Dreams" ("Geplatzte Träume") in Warschau Premiere. Am Ende des Films singt eine Schauspielerin eines von Spiegels Gedichten: "Wenn deine Sorgen schlafen gehen - weck sie nicht auf! / Lache und genieße das Glück / so schnell kommt es nicht zurück."

Elizabeth Bellak sitzt im Publikum, lächelt und wiegt sich zur Musik, dann beginnt sie zu weinen. Ihre Tochter nimmt sie in den Arm. "Nationalismus, Populismus, Antisemitismus - all diese Ismen kommen wieder. Wir wollen nicht, dass sich das millionenfache Sterben wiederholt", sagt Elizabeth Bellak. "Wissen Sie, dass manche Menschen glauben, dass das alles nie passiert ist? Ich war dabei. Ich kann sagen, dass es tatsächlich geschah."

Quelle: n-tv.de, Anna Maria Jakubek, AFP

Mehr zum Thema