Panorama

"Angewidert von der Grausamkeit" Videos decken Misshandlungen in Pflegeheim auf

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Videomaterial der italienischen Finanzermittler zeigt die Misshandlungen in dem Altenheim.

(Foto: Screenshot)

Die italienische Finanzbehörde will in einem Pflegeheim in Palermo betrügerische Machenschaften aufdecken und installiert deswegen versteckte Kameras. Was die Ermittler zu sehen bekommen, ist allerdings grauenhaft: Die Bewohner werden misshandelt. Sechs Mitarbeiter müssen nun in Haft.

Tritte, Ohrfeigen, Beleidigungen: Schreckliche Aufnahmen aus einem Altersheim im sizilianischen Palermo sorgen für Aufregung. Die italienische Finanzbehörde, die Guardia di Finanza, veröffentlichte bei Twitter ein Video, das die unhaltbaren Zustände in einem Pflegeheim dokumentiert. Der Name der Operation lautet verhängnisvoll: "Bittere Ruhe". Der Zeitung "La Repubblica" zufolge handelt es sich um das Heim "Bell'aurora" ("Schöne Morgenröte") im Stadtzentrum. Dort wurde den Bewohnern regelrecht eingetrichtert, dass jedes vermeintliche Fehlverhalten mit Schmerz bestraft wird.

Versteckte Kameras der Behörden deckten Dutzende Fälle von physischer und psychischer Gewalt auf. Auf den entsprechenden Aufnahmen ist zu sehen, wie Bewohner geschlagen, getreten, beleidigt oder sehr rüde behandelt werden. Eine Frau soll laut der Behörde sogar an den Folgen gestorben sein. Die Misshandlungen hätten außerdem dazu geführt, dass sich Bewohner selbst verletzten.

"Aufstehen mit Schmerz verknüpfen"

Mehrfach indoktrinieren Mitarbeiter verschiedene Bewohner mit Sprüchen wie: "Sobald du aufstehst, tue ich dir weh" oder "Wenn du aufstehst, musst du dein Aufstehen mit Schmerz verknüpfen". In dem Video ist außerdem zu sehen, wie ein Bewohner versucht, über eine Brüstung vor einem Fenster zu klettern - vermeintlich, um vor weiterer Bestrafung zu fliehen. Weitere Bewohner sollen genötigt worden sein, im Bett liegenzubleiben, oder waren "La Repubblica" zufolge sogar an den Rollstuhl gefesselt.

Das Heim wurde nach der Veröffentlichung dieser grauenvollen Bilder geschlossen, der Leiter sowie fünf Mitarbeiter zwischen 27 und 55 Jahren wurden verhaftet. Ihnen werden neben den Misshandlungen zudem betrügerische Insolvenz und Geldwäsche zur Last gelegt. Es soll dabei insgesamt um etwa eine Million Euro gehen, meldet die Guardia di Finanza. Auch mindestens ein städtischer Angestellter soll demnach in den Betrug verwickelt sein.

Erst durch Hinweise früherer Mitarbeiter des Heims war die Finanzbehörde den Machenschaften auf die Spur gekommen. Der Einrichtung war ursprünglich Steuerhinterziehung vorgeworfen worden. Daraufhin hatte die Staatsanwaltschaft angeordnet, die versteckten Kameras einzurichten. Nun wurden zusätzlich diese dokumentierten Gräueltaten aufgedeckt.

Der Chef der Finanzbehörde, Gianluca Angelini, sagte: "Ich bin angewidert von der Grausamkeit, die in den letzten Monaten gegenüber armen älteren Menschen beobachtet wurde. Eine Grausamkeit, die ich in so vielen Jahren der Ermittlungen selbst in Mafia-Umgebungen nicht gesehen habe."

"Ich weine"

Bei Twitter reagierten viele Italiener auf das Video. Ein User schrieb: "So geben Sie uns eine Vorstellung davon, wie viele unwürdige Menschen es auf dieser Welt gibt." Ein anderer kommentierte: "Die Ältesten waren einst Menschen, von denen man lernen musste, wie man lebt, die man respektiert und für die man sorgt!" Und ein weiterer User schrieb: "Ich konnte die Aufnahmen nicht zu Ende ansehen. Ich fühle mich dadurch zu schlecht. Ich bin über 50 und ich weine, wenn ich die Gräueltaten sehe, die an hilflosen alten Menschen verübt werden."

Ganz aktuell kommen sogar noch weitere Verfehlungen der Mitarbeiter hinzu: Trotz der Coronavirus-Krise, die das Leben in Italien bestimmt, tragen sie weder Mundschutz noch sonstige Schutzausrüstung. "La Repubblica" berichtet, dass nach der Razzia Corona-Tests bei den elf Bewohnern des Heims gemacht wurden - sie waren zum Glück alle negativ.

Quelle: ntv.de, ara