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Eine der besten Nachrichten 2018 Armenien feiert die "fröhlichste Apokalypse der Welt"

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Proteste in Eriwan am 30. April. Dass die Revolution erfolgreich sein würde, war da noch nicht klar.

(Foto: REUTERS)

Meist dominieren Gewalt und Bombast die Schlagzeilen. Während die Welt woanders hinschaute, stürzten die Bewohner Armeniens ihre Regierung. Das kommt vor. Doch diese Geschichte ging gut weiter.

Proteste in Frankreich, das britische Parlament versinkt in Grabenkämpfen über den Brexit und in Washington legt der Präsident die USA lahm. Wer auf die Nachrichten von 2018 zurückschaut, kann leicht zum Pessimisten werden. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Eine der schönsten und am wenigsten beachteten Geschichten des Jahres ist die armenische "Revolution aus Liebe und Solidarität", wie Armenier sie oft nennen. Friedlich und erfolgreich ist eine korrupte Regierung gestürzt worden.

Luisa ist 16 Jahre alt und lebt in Debet, einem kleinen Dorf im Norden des Landes. Auch sie habe bei der Revolution mitgeholfen, erzählt sie stolz. Auf Facebook hatten Luisa und ihre Freunde im Frühjahr den Aufruf zum "friedlichen, zivilen Ungehorsam" des Oppositionspolitikers Nikol Paschinjan gelesen und sich kurzerhand entschieden, einen Tunnel in ihrer Nachbarschaft zu blockieren. Insgesamt 100 Schüler aus fünf verschiedenen Dörfern machten mit.

"Die Stimmung war großartig", erzählt sie. Niemand sei mehr durchgekommen. Das heißt, fast niemand. Als ein Eiswagen um die Ecke bog, entschieden die Jugendlichen, eine Ausnahme zu machen, sagt Luisa und kichert. "Wir haben getanzt, Ball gespielt und Eis gegessen."

Aus Hoffnungslosigkeit wird Aktivismus

Zwanzig Jahre lang wurde Armenien von der gleichen politischen Elite regiert. Während die Oligarchen sich bereicherten und Korruption fester Bestandteil des Systems wurde, fielen 30 Prozent der Bevölkerung unter die Armutsgrenze. Hunderttausende verließen das Land, weil sie keine Hoffnung auf Verbesserung hatten. Dann kam der Frühling 2018 und mit ihm die "samtene Revolution", wie Paschinjan die Ereignisse nach dem Vorbild des politischen Systemwechsels in der Tschechoslowakei 1989 taufte.

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Nikol Paschinjan wurde am 8. Mai zum Premierminister gewählt. Die Parlamentswahl am 9. Dezember gewann er deutlich.

(Foto: REUTERS)

Es war ein besonders dreistes politisches Manöver zum Machterhalt des langjährigen Staatschefs Sersch Sargsjan, das die Hoffnungslosigkeit in etwas anderes verwandelte. Erst in Wut, schließlich in politischen Aktivismus. Trotz gegenteiliger Versprechungen hatte sich Sargsjan im April nach zwei Legislaturperioden als Präsident zum Premierminister wählen lassen. Viele glaubten, wenn sie jetzt nicht handelten, würde ihr Land nun endgültig zum Einparteienstaat.

Paschinjan organisierte einen medienwirksamen, 200 Kilometer langen Protestmarsch durchs Land, zahlreiche Bürgergruppen riefen unabhängig voneinander über Facebook und Twitter zu friedlichen Demonstrationen auf. Überall in Armenien gingen Menschen auf die Straße. Allein in der Hauptstadt Eriwan waren es mehrere Hunderttausend. Das Mobilisierungspotential der Bewegung ist besonders beeindruckend, wenn man bedenkt, dass in dem Land am östlichsten Zipfel Europas nur knapp drei Millionen Menschen leben.

"Die Polizei gehört zu uns! Die Polizei gehört zu uns!"

Die Armenier feierten riesige Picknicke auf den wichtigsten Straßen der Hauptstadt, sie sangen und tanzten auch hier. Auf dem Höhepunkt der Proteste, am 16. April, blockierten sie sämtliche Brücken und legten den gesamten U-Bahn Verkehr in der Stadt lahm. Ein Armenier bezeichnete die Stimmung im Land damals als die "fröhlichste Apokalypse der Welt". Demonstranten schenkten Polizisten Blumen und sangen im Chor: "Die Polizei gehört zu uns! Die Polizei gehört zu uns!" Nach und nach scherten immer mehr Polizisten aus und schlossen sich den Demonstrationen an.

"Diese Jungen und Mädchen auf der Straße waren intelligenter und schneller als die Politiker. Sie wussten genau, was zu tun ist", sagt der derzeitige Präsident Armeniens, Armen Sarkissian. Er glaubt, das Erfolgsrezept lag in der Kombination aus energischem, kreativem Protest, während gleichzeitig kein einziges Gesetz gebrochen wurde. Der postsowjetische Staatsapparat des Landes hatte keinerlei Erfahrungen mit zivilem Ungehorsam und war daher vollkommen unvorbereitet. Zwei Wochen nach Beginn der Massenproteste trat Sargsjan zurück. Weitere zwei Wochen später, am 8. Mai, wurde Paschinjan vom armenischen Parlament in einem Hagel aus weißem Konfetti zum neuen Premierminister gewählt.

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Anfangs reagierte die Polizei gewaltsam auf die Proteste.

(Foto: REUTERS)

Auch sieben Monate später ist die Stimmung im Land noch euphorisch. Anfang Dezember fanden in Armenien Wahlen statt. "Dies ist das erste Mal, dass wir freie und faire Wahlen haben", sagte die 73-jährige Siransusch Abovjan nach der Stimmabgabe in einem Wahllokal in einem Kindergarten in Eriwan. "Zum ersten Mal fühle ich mich als Bürgerin und nicht als Sklavin."

Die Arbeit fängt jetzt erst an

Einen Tag später war klar: Paschinjan, der das Bündis seines Landes mit Russland bewahren will und zugleich die Nähe zum Westen sucht, hat noch immer das volle Vertrauen der Armenier. Sein politischer Block "Mein Schritt" holte knapp über 70 Prozent der Stimmen. Die ehemalige Regierungspartei von Sersch Sargsjan scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde.

Jetzt muss die neue Regierung beweisen, dass sie liefern kann. Vor dem kleinen Staat im südlichen Kaukasus liegen große Herausforderungen. "Paschinjan ist hervorragender Redner, aber er hat keine Ahnung wie man regiert", sagt Ruben Melikjan, der in einer früheren Regierung stellvertretender Justizminister war. Er sorgt sich, dass die Erwartungen der Menschen zu hoch sein könnten und die Stimmung umschlägt. Jetzt, da die Armenier gelernt hätten, wie man einen ungeliebten Regierungschef absetzt, sei auch Paschinjan keineswegs sicher.

Dennoch ist seine Bilanz der Revolution positiv. "Unsere Bevölkerung ist durch diesen Prozess gereift", so Melikjan. "Außerdem hat es einen Generationswechsel im politischen Machtzentrum gegeben. Das ist sehr wichtig." Früher hätten die Leute gedacht, ihre Stimme sei nichts wert. "Das ist das Beste, das aus dieser Revolution gekommen ist: Jetzt glauben sie wieder daran. Das ist wunderbar."

Quelle: n-tv.de

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