Politik

Zuzugsverbot für Flüchtlinge Delmenhorst, die Stadt mit der Obergrenze

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Delmenhorst war bislang vor allem für Sarah Connor bekannt - das hat sich nun geändert.

(Foto: picture alliance / Silas Stein/d)

Seit gut einem Monat nimmt Delmenhorst keine weiteren Flüchtlinge mehr auf. Der rechte Rand jubelt, Flüchtlingsorganisationen fürchten den Anfang vom Ende. Die niedersächsische Stadt hat eigene Argumente für ihre Entscheidung.

Delmenhorst ist die Stadt, die bekannt ist für - nicht viel. Sarah Connor wurde hier geboren und Element of Crime haben mal ein wunderschönes Liebeslied geschrieben, in dem der niedersächsische Ort nicht besonders gut wegkommt. Dass jeder dritte Delmenhorster einen Migrationshintergrund hat, weiß außerhalb von Delmenhorst dagegen kaum einer. Warum auch, es war ja nie ein Problem. Bis vor kurzem jedenfalls, denn seitdem das niedersächsische Innenministerium Mitte November einen Zuzugstopp für Flüchtlinge verhängt hat, ist der Ort auch für etwas anderes als Sarah Connor bekannt: Delmenhorst ist jetzt die Stadt, die sich erfolgreich gegen die "Islamisierung des Abendlandes" wehrt, wie rechte Stammtischschreiber in den sozialen Medien jubeln - während Organisationen wie der Flüchtlingsrat Niedersachsen faule Symbolpolitik hinter dem Erlass vermuten und befürchten, dass das Beispiel Schule machen könnte. Aber hat eigentlich auch schon mal jemand die Delmenhorster gefragt, was sie von der ganzen Sache halten?

"Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist
und das ist immer Delmenhorst",

singt Sven Regener im gleichnamigen Element of Crime-Song noch, dann ist es an der Zeit, auszusteigen. Der Intercity 2434 spuckt seine Fahrgäste auf den Bahnsteig der 80.000-Einwohner-Stadt und rauscht dann durch den Schneeregen davon. Durch die kleine Wartehalle geht es auf einen großen Vorplatz, wo ein paar arabische Jungs aus dem Matsch einen ziemlich traurigen Schneemann zusammenkleben. Wie ein IS-Kämpfer sieht der nicht aus, und auch sonst ist von der großen Islamisierung auf den ersten Blick nicht viel zu sehen. Eine mit rotem Klinker gepflasterte Fußgängerzone verbindet den Bahnhof mit dem Rathausplatz, auf knapp 500 Metern warten dort drei Dönerbuden, zwei Italiener, ein Grieche und zwei sehr deutsche Wurstbratereien auf hungrige Kunden. Nichts, aber auch wirklich gar nichts unterscheidet Delmenhorst hier von jeder x-beliebigen norddeutschen Mittelstadt.

Soziale Verantwortung und glühende Augen

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Hält den Zuzugstopp für notwendig: Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD)

(Foto: picture alliance / Carmen Jasper)

"Es ist schön, dass ihnen das aufgefallen ist", freut sich der Oberbürgermeister über die Unauffälligkeit seiner Stadt. Axel Jahnz, würdevoll ergrautes Haar, Denkerstirn, modische Brille und legeres Sakko, sitzt entspannt an einem Konferenztisch im ersten Stock des Delmenhorster Rathauses und wirkt nicht wie ein Politiker im Krisenmodus. "Ich liebe diese Stadt und ich liebe auch ihre Vielfalt", sagt der SPD-Mann, der mit Unterbrechungen seit seiner Kindheit in Delmenhorst wohnt, mit sanfter Stimme. Wenn Jahnz von sozialer Verantwortung redet, glühen seine Augen: "Wir sind ein reiches Land, wir müssen das Geld nur neu orientieren, auch wenn das jetzt vielleicht altmodisch klingt." Und das heißt auch: Helfen, wo man helfen kann. "Wir haben überproportional gerne und viele Menschen bei uns aufgenommen. Bei der großen Flüchtlingswelle stand ich morgens, mittags und abends an den Bussen und habe die Leute willkommen geheißen."

Neben all dem Idealismus, der durchaus authentisch wirkt, hat Jahnz aber auch noch eine hochgradig pragmatische Seite: "Wir wollen gute Arbeit leisten, denn ohne eine gelungene Integration verlieren wir ganze Generationen. Und diese Arbeit hätte gelitten, wenn wir einfach so weitergemacht hätten wie bisher." Zwischen 50 und 100 Flüchtlinge kamen bis zum Erlass des Zuzugstopps pro Monat neu nach Delmenhorst, alleine von 2011 bis 2017 verdoppelte sich der Ausländeranteil in der Stadt auf 15 Prozent. "Wir kamen schlichtweg an unsere Leistungsgrenzen. Dass wir die Belastung bis jetzt stemmen konnten, haben wir vor allem unseren ehrenamtlichen Mitarbeitern zu verdanken", sagt Jahnz. Man könnte auch sagen: Delmenhorst hat seine ganz eigene Obergrenze erreicht, auch wenn das hier niemand so nennen würde.

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Die Bewohner der mittlerweile abgeriegelten Plattenbauten im Wollepark mussten monatelang ohne Wasser und Strom auskommen.

(Foto: picture alliance / Carmen Jasper)

Also schloss sich der Bürgermeister seinen Kollegen in Salzgitter und Wilhelmshaven an und beantragte das Zuzugsverbot: "Zuzugstopp, was für ein unglücklich gewähltes Wort", sagt Jahnz und verzieht das Gesicht. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine Art Rechtfertigungsmodus kommen." Das ist freilich schon längst passiert, Organisationen wie der Flüchtlingsrat Niedersachsen sind alles andere als glücklich mit dem Erlass: "Der Zuzugstopp ist reine Symbolpolitik, weil er nicht die eigentlichen Probleme bekämpft", urteilt Laura Müller, die beim Flüchtlingsrat ein Asylberatungsprojekt leitet. Die eigentlichen Probleme, das sind "fehlende soziale Beratungsstellen, fehlende soziale Wohnungsbauten" und daraus folgend eine zunehmende Ghettoisierung.

"Jetzt ist hier endlich Ruhe"

Davon allerdings ist auch abseits der Innenstadt wenig zu sehen, im Vergleich zu Hotspots wie der Dortmunder Nordstadt, St. Georg in Hamburg oder auch Teilen Neuköllns hat man in Delmenhorst nirgends das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. Bis vor kurzem war das im Wollepark wohl noch anders, die Plattensiedlung im Nordosten der Stadt galt seit langem als sozialer Brennpunkt: marode Wohnblöcke, skrupellose Eigentümer, allgemeine Vernachlässigung, teilweise bis zu 15 Menschen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung - die übliche Mischung eben. Dann aber riegelte die Stadt im November zwei der heruntergekommensten Platten ab, die schon seit Monaten ohne Wasser und Strom waren, und verteilte die Bewohner auf Ersatzwohnungen im ganzen Stadtgebiet. Eine Reihe anderer Blöcke direkt gegenüber wurde sogar gleich ganz abgerissen.

"Wollepark? Ach, das ist doch halb so wild", findet eine Wurstverkäuferin in der Fußgängerzone. Und der Russlanddeutsche, der in der Stedinger Straße in Sichtweite der Siedlung seinen Labrador ausführt, freut sich über die frisch planierte Fläche, auf der vorher die Blöcke 1 bis 5 in ihrer ganzen grauen Tristesse standen: "Jetzt ist hier endlich Ruhe. Hätte nicht gedacht, dass sie das durchziehen. Aber gut, muss ich nächstes Mal auch nicht mehr blau wählen."

Der Hundemann ist nicht allein mit seiner Wahlentscheidung: 13,1 Prozent der Delmenhorster setzten bei der Bundestagswahl ihr Kreuzchen bei der AfD. Das sind zwar deutlich weniger als im Osten der Republik, in Niedersachsen muss man die Stadt aber trotzdem zu einer Hochburg der Rechtspopulisten zählen - der landesweite Durchschnitt liegt bei 9,1 Prozent. Mit dem guten Abschneiden der AfD hat der Zuzugstopp laut Axel Jahnz aber nichts zu tun: "Die AfD spielt überhaupt keine Rolle in meinen Überlegungen", sagt der Oberbürgermeister. Stattdessen immer wieder der Hinweis auf die gute Arbeit der Organisationen, die sich um die Integration der Neuankömmlinge kümmern - und deren Kampf gegen die Überlastung: "Ob AWO, Diakonie oder Integrationslotsenteam - fragen Sie, wen Sie wollen, man wird ihnen überall das Gleiche antworten."

Besuch bei einer "Delmenhorster Institution"

Ob man wirklich überall das Gleiche zu hören bekommt? Schwer zu sagen, aber zumindest bei der wichtigsten Anlaufstelle für Neuankömmlinge in Delmenhorst ist man auf einer Linie mit dem Bürgermeister: Das Integrationslotsenteam liegt nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt in einer düsteren Ladenpassage in der Fußgängerzone der 80.000-Einwohner-Stadt und ist schon durch einen simplen Fakt näher dran am migrantischen Teil der Bevölkerung als alle anderen - so gut wie jeder, der hier arbeitet, kam selbst einmal als Gastarbeiter in die ehemalige Industriestadt oder fand seinen Weg als Flüchtling hierher.

An der Glasfront der Geschäftsräume des Integrationslotsenteams kleben Unmengen von handgeschriebenen Zetteln in babylonischem Sprachenwirrwarr: afghanisch, arabisch, deutsch, alles dabei. Zwei junge Männer stehen rauchend vor der Tür und winken zur Begrüßung. Drinnen stehen und sitzen ein gutes Dutzend Männer und Frauen beieinander und unterhalten sich lautstark. Wer Hilfesuchender und wer Integrationslotse ist, erschließt sich nicht auf den ersten Blick - niemand trägt hier eine Uniform oder andere Erkennungszeichen. Das ist allerdings auch nicht weiter wichtig, jeder Neuankömmling - und das sind nicht wenige -  wird sofort herzlich begrüßt. Ein kräftiger Mittvierziger, dessen sanfte Augen in krassem Kontrast zu seinem vom Leben zerfurchten Gesicht und dem schraubstockartigen Händedruck stehen, serviert starken schwarzen Tee und fragt, wie er helfen könne. "Von der Zeitung? Na dann hol ich mal besser den Chef."

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Die spartanischen Geschäftsräume der Integrationslotsen: Vahap Aladag (2.v.r.) berät gerade mit seinen Kollegen das weitere Vorgehen im Fall einer jesidischen Familie.

(Foto: Julian Vetten)

Vahap Aladag ist ein kleiner Mann mit großer Stimme und einer ansteckenden Energie: "Wir haben 2007 ganz klein angefangen, heute sind wir ein gemeinnütziger Verein mit über 90 Mitgliedern und 30 Lotsen, die 24 Sprachen beherrschen - von koreanisch über arabisch bis russisch", sagt der 60-Jährige mit hörbarem Stolz in der Stimme. Nicht zu Unrecht: Die "Osnabrücker Zeitung" hat die Integrationslotsen mal als "Delmenhorster Institution" bezeichnet und auch der Bürgermeister ist voll des Lobes für Aladag und seine Truppe. Warum?

"Wenn Sie in Deutschland als Flüchtling ankommen, dann wissen Sie erst mal gar nichts: Dieser ganze Papierkram, der erledigt werden muss, das ist doch für die meisten Deutschen schon kompliziert genug. Wir helfen den Neuankömmlingen, sich im bürokratischen Dschungel zurechtzufinden", erklärt Aladag. Der Mann weiß, wovon er redet: "Ich bin vor 40 Jahren als Tourist gekommen, ich kenne die Anfangsschwierigkeiten noch am eigenen Leib." Ohne seine Frau, eine Deutsche, die er hier kennenlernte, wäre der Neuanfang für Aladag wohl auch schwieriger gewesen, sagt er.

Seit Aladags Anfangszeiten ist viel Wasser die Delme herabgeflossen, die Probleme sind aber noch dieselben wie früher: "Wir müssen den Leuten erstmal beibringen, dass unsere Hilfe nichts kostet. Die stehen am Anfang alle noch mit dem Bargeld in der Hand vor uns, weil sie es gewohnt sind, dass es nur mit Bestechung weitergeht." Und mit Ordnung und Pünktlichkeit sei es bei den meisten auch nicht weit her: "Wir schütteln die Menschen dann ein bisschen, damit sie es verstehen", sagt Aladag und grinst. "Wer zu spät zu seinem Termin bei uns kommt, muss einen neuen ausmachen und wird direkt wieder nach Hause geschickt. Am Anfang nennen sie mich deswegen immer noch den herzlosen Türken, aber irgendwann verstehen sie dann, wie wichtig es ist, sich auch bei den kleinen kulturellen Details zu integrieren."

Keine "Delmenhorster Verhältnisse" mehr

Aber warum entscheiden sich überhaupt so viele Flüchtlinge für Delmenhorst als neue Heimat? "Schon unterwegs wissen die Leute: In Delmenhorst bist du gut aufgehoben, da wirst du gut betreut", sagt Aladag. Sie wissen es, weil Verwandte oder Bekannte bereits vor Ort sind und gute Erfahrungen gemacht haben - oder weil auf der langen und gefährlichen Reise Listen mit besonders lebenswerten Zielen die Runde machen.

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Das wichtigste Delmenhorster Wahrzeichen fehlt auf dieser alten Postkarte: Für repräsentativ hielt man die Nordwolle damals nicht.

(Foto: imago/Arkivi)

Dass Delmenhorst dazugehört, hat auch mit der Geschichte der Stadt zu tun. Noch Ende des 19. Jahrhunderts lebten gerade einmal 2000 Menschen hier, dann entdeckte die Industrie das Örtchen im Schlagschatten Bremens für sich: Mit der Nordwolle siedelte sich ein Unternehmen in Delmenhorst an, dass in den 1920er-Jahren ein Viertel der Weltproduktion an Woll-Rohgarn stemmte. Die Textilproduktion war auch damals schon ein Billiglohnsektor, kaum ein Deutscher wollte die harten und schlecht bezahlten Jobs in der Wollkämmerei übernehmen - und so rekrutierte die Fabrik ihre Arbeiter größtenteils aus Osteuropa.

"Die Geschichte Delmenhorsts ist auch eine Geschichte der Migration", sagt Bernd Entelmann, der als Historiker im Museum für Industriekultur in den alten Werkshallen der Nordwolle arbeitet. Von Integrationsbemühungen konnte damals allerdings noch keine Rede sein: Die ausländischen Arbeiter lebten getrennt von den Delmenhorstern - allerdings nur, bis die massenhafte Zuwanderung einen Kontakt unvermeidlich machte. Zwischen 1885 und 1905 wuchs die Bevölkerung auf das Dreifache an, soziale Verelendung und krasse Wohnungsnot waren die Folge: "Delmenhorster Verhältnisse" war damals ein geflügeltes Wort, unter dem sich auch Münchner noch etwas vorstellen konnten.

"Der Flüchtlingsrat soll sich selbst hier umsehen"

Davon kann heute keine Rede mehr sein: Die Stimmung in Delmenhorst ist vielleicht auch deswegen so stabil, weil die Stadt im Grunde genommen nur aus Menschen mit Migrationshintergrund besteht - je nachdem, wie weit man zurückblickt. Die zweite große Zuwanderungswelle, bestehend aus türkischen Gastarbeitern in den 1960ern, wurde jedenfalls von den mittlerweile erfolgreich assimilierten Nordwollanern fast schon routiniert integriert, heute sind die Unterschiede bei den allermeisten nur noch am Teint erkennbar - so wie in vielen Städten im Ruhrgebiet auch, in denen die Zuwanderung in den vergangenen Jahren ein viel kleineres Thema als im Osten der Bundesrepublik war, obwohl viel mehr Menschen kamen.

Gewöhnung, Zeit und Hingabe scheinen die entscheidenden Faktoren zu sein, die über die erfolgreiche Integration von Menschen entscheiden. Findet auch Integrationslotste Aladag, der auf eine jesidische Familie zeigt, die gerade die Geschäftsräume der Lotsen betreten hat: "Schauen Sie mal, die Frau ist krank, um die muss man sich doch ordentlich kümmern. Und das braucht einfach seine Zeit. Kümmern wir uns um zu viele, ist das schlecht für alle." Eine einfache Gleichung, die kaum weiter entfernt sein könnte vom vernichtenden Urteil des Flüchtlingsrats, der Symbolpolitik hinter dem Zuzugstopp vermutet. Aladag schüttelt voller Unverständnis den Kopf: "Der Flüchtlingsrat soll sich einfach mal selbst hier umsehen. Ich finde, der Bürgermeister hat richtig gehandelt."

Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut
und wo zu sein, wo du nie warst

singen Element of Crime, als wüssten sie Bescheid.

Quelle: n-tv.de

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