Politik

Holocaust-Gedenktag Merkel beklagt zunehmenden Antisemitismus

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Auch im früheren Konzentrationslager Buchenwald legten Überlebende Blumen nieder.

AP

Dass in Deutschland keine jüdische Einrichtung ohne Polizeischutz auskommt, ist für Kanzlerin Merkel eine "Schande". Auch Holocaust-Überlebende beklagen zunehmende Fremdenfeindlichkeit: Früher seien Juden die Sündenböcke gewesen - und heute Flüchtlinge.

Anlässlich des Holocaust-Gedenktags hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zunehmende Tendenzen von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit beklagt. Es sei eine "Schande, dass keine jüdische Einrichtung ohne polizeiliche Bewachung existieren kann", sagte sie in ihrem wöchentlichen Video-Podcast. Das gelte sowohl für Schulen und Kindergärten als auch für Synagogen im Land. Fremdenfeindlichkeit sei derzeit wieder "mehr an der Tagesordnung" als das einmal der Fall gewesen sei, sagte Merkel.

Auch die Holocaust-Überlebende Hanni Lévy beklagte auf dem Grünen-Parteitag in Hannover zunehmende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. "Früher hat man gesagt, die Juden sind an allem schuld, heute sind es die Flüchtlinge", sagte die 93-Jährige, die sich während des Holocausts in Berlin vor Nazi-Verfolgung versteckte. "Man sollte nie vergessen, wie schwer es für Menschen ist, alles zurückzulassen, um zu leben."

Am 27. Januar 1945 hatte die sowjetische Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit. Allein dort waren etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet worden. Seit 1996 ist der 27. Januar deshalb in Deutschland offizieller Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Im Jahr 2005 machte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den Tag zum Internationalen Holocaust-Gedenktag.

Merkel bezeichnete es als "herausragende Idee", damals diesen Tag als Gedenktag zu proklamieren. Weil nun allmählich die Zahl der Zeitzeugen abnehme, sei es "notwendig, das Konzept der Gedenkstätten zu stärken und auch zu verändern", sagte die Kanzlerin. Für die kommende Regierung kündigte sie einen Antisemitismus-Beauftragten an, der sich "für jüdisches Leben in Deutschland und gegen Antisemitismus" einsetzen werde.

Austausch zwischen Juden und Muslimen gefordert

Auch der Bundestag hatte vor über einer Woche einen Beschluss für die Einrichtung eines solchen Postens gefasst. In dem von Union, SPD, FDP und Grünen vorgelegten Antrag heißt es, der Beauftragte soll von einem unabhängigen Kreis beraten werden, der sich aus Experten aus Wissenschaft, Bildungspraxis und Zivilgesellschaft zusammensetzt. Der Beauftragte könnte etwa im Kanzleramt oder im Innenministerium angesiedelt werden.

Der Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Fürst, forderte anlässlich des Gedenktags ein größeres Engagement muslimischer Gemeinden für das Holocaust-Gedenken. Als Beispiel nannte er im Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" eine Aktion der liberalen Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die vor dem Holocaust-Gedenktag ein Foto von einem Stolperstein mit der Ankündigung "Stolpersteine putzen" twitterte.

Fürst plädierte auch für mehr Austausch zwischen Juden und Muslimen. "Muslimische Jugendgruppen könnten zum Beispiel jüdische Gemeinden und auch Gedenkstätten besuchen." Dies müsse aber von der muslimischen Zivilgesellschaft ausgehen. Fürst geht davon aus, dass das Bewusstsein für den Holocaust abnehmen wird. "Wir müssen die Erinnerung wach halten - ohne Schuldzuweisung. Entscheidend ist, dass wir den Kindern vermitteln: Es waren Deutsche, die diese Verbrechen begangen haben. Du als Kind kannst nichts dafür. Aber du kannst trotzdem Verantwortung dafür übernehmen, dass so etwas nie wieder passiert."

Quelle: n-tv.de, ftü/AFP/dpa

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