Politik

Autor bezweifelt Täter-Theorie Saß Amri wirklich am Steuer?

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Fahndungsaufruf des BKA vom 21. Dezember 2016.

(Foto: picture alliance / -/Bundeskriminalamt/dpa)

Vor fünf Jahren, am 19. Dezember 2016, steuerte ein Terrorist einen Lkw in den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz. Dreizehn Menschen kamen ums Leben: elf Besucher des Weihnachtsmarktes, der polnische Lkw-Fahrer, dessen Wagen für das Attentat benutzt wurde, sowie ein weiterer Mann, der im vergangenen Oktober infolge seiner schweren Verletzungen starb.

Vier Tage nach dem Anschlag wurde in der Nähe von Mailand der Tunesier Anis Amri erschossen, der 2011 nach Italien und 2015 nach Deutschland gekommen war. Amri, der schon vor der Tat als "Gefährder" geführt wurde, ist für die Behörden der Täter. Allerdings machten die Ermittler rund um den Anschlag eine Vielzahl von Fehlern. Nicht zuletzt deshalb setzten sowohl das Berliner Abgeordnetenhaus als auch der Deutsche Bundestag Untersuchungsausschüsse ein, um den Anschlag aufzuklären.

Gelungen ist das nur in Teilen, noch immer sind viele Fragen offen. Nach der Arbeit des Bundestagsausschusses resümierte die damalige Opposition, die Bundesregierung habe ihr Versprechen, den Anschlag aufzuklären, nicht eingelöst, das Bundeskriminalamt (BKA) habe Hinweise ignoriert, Amri sei kein Einzeltäter gewesen und die Nachrichtendienste hätten den Anschlag verhindern können. Der Journalist und Autor Thomas Moser meint, dass es sogar noch viel schlimmer war. Amri habe den Lkw nicht gefahren und sei lediglich "Teil der Täter-Gruppierung" gewesen.

ntv.de: Herr Moser, Sie haben ein Buch über den "Amri-Komplex" geschrieben. Gehen Sie davon aus, dass Anis Amri den Anschlag auf dem Breitscheidplatz nicht begangen hat oder dass er ihn wahrscheinlich nicht begangen hat?

Thomas Moser: Das bundesweite Narrativ ist ja, dass Anis Amri den Anschlag begangen hat, und zwar allein, als Einzeltäter. Ich sage: Dieses Narrativ, das von Medien und Politikern getragen wird, die es gar nicht beurteilen können, stimmt nicht. Es gibt viele Hinweise, die gegen Amris Haupttäterschaft sprechen. Anis Amri hat den Anschlag wahrscheinlich nicht begangen.

Was sind Ihre Indizien?

Ich stütze mich auf die Spurenlage, auf Zeugenbeobachtungen sowie auf andere Ermittlungserkenntnisse aus den Unterlagen des Bundeskriminalamts. Mit Blick auf die Spurenlage ist es einfach so, dass an den unbeweglichen Teilen im Lkw keine Fingerabdrücke von Amri gefunden wurden. Auch belastbare DNA-Spuren, die auf Amri deuten würden, gab es in der Fahrerkabine nicht, ...

... sondern nur außen, an der Fahrertür.

In der Fahrerkabine wurden DNA-Spuren einer anderen, nicht identifizierten Person gefunden. Und ein Handy, ein altes Klapp-Handy der Marke Samsung, mit dem Amri mit seiner Familie telefoniert hat. In diesem Handy, das von BKA-Technikern "Knochen" genannt wurde, befand sich aber keine SIM-Karte. Es war also nicht internetfähig, man konnte damit nicht telefonieren. Es hatte keine Bedeutung - außer, auf Amri als Täter hinzuweisen. Dieses Handy war mit Glasstaub bedeckt, was darauf deutet, dass es zum Zeitpunkt der Tat im Lkw gewesen sein muss.

Neben dem "Knochen" wurde ein weiteres Handy gefunden.

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Am Tag nach der Tat.

(Foto: picture alliance / Michael Kappeler/dpa)

Ja, ein Telefon der Marke HTC, das eine SIM-Karte enthielt. Dieses Handy lag allerdings nicht in der Fahrerkabine, sondern steckte vorn in einem Loch im Lkw. Das kann nicht durch den Aufprall dorthin gekommen sein. Es muss von außen dort platziert worden sein.

Im Kühlergrill?

Der Kühlergrill war auch mal in der Debatte, insgesamt gibt es in den Akten zwei oder drei unterschiedliche Stellen. Ich habe ein Foto gesehen, da steckte das Handy in der aufgeplatzten Stoßstange. Einer der Tatort-Ermittler sagte vor dem Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses, das Handy habe ganz hinten im Loch des herausgefallenen rechten Scheinwerfers gelegen. Ein weiteres Indiz ist die Geldbörse.

Auch die lag in der Fahrerkabine …

… und im Gegensatz zum Samsung-Handy war sie nicht mit Glasstaub übersät. Sie lag unter einer Stoffdecke. Aber einer der ersten Zeugen, die nach dem Anschlag in den Lkw geschaut haben, kann sich an diese Decke nicht erinnern. Seiner Ansicht nach hat dort keine Decke gelegen.

Was war in dem Portemonnaie?

Eine Monatskarte der BVG, also der Berliner Verkehrsbetriebe, 230 Euro, wobei nur auf einem der Geldscheine ein Daumenabdruck von Amri gefunden wurde, dazu eine Duldungsbescheinigung der Ausländerbehörde in Kleve, ausgestellt auf einen Ahmed Almasri - einer der Alias-Namen von Anis Amri. Außerdem war in der Geldbörse noch das Bild eines Mädchens, das nicht identifiziert ist.

Es gibt einen weiteren problematischen Punkt.

Welcher ist das?

Es gibt zwei Dementis von Amri, zu denen von der Bundesanwaltschaft ermittelt wird. Amri soll einem anderen Islamisten aus der Berliner Fussilet-Moschee gesagt haben, er sei an dem Anschlag nicht beteiligt, werde zu Unrecht beschuldigt und habe die Duldungsbescheinigung schon vor Monaten der Berliner Polizei übergeben. Zudem hat er eine Whatsapp-Nachricht verschickt, in der es heißt, er würde "so was nie im Leben machen".

Warum ist das wichtig?

Die Ermittler interpretierten Amris Geldbörse und seine Mobiltelefone am Tatort als absichtlich hinterlassene Zeichen der Tatbekennung. Wieso sollte Amri seine Tat später abstreiten, wenn er sich zuvor bewusst als Täter identifizieren lassen wollte?

Im Sondervotum von FDP, Linken und Grünen im Abschlussbericht des Bundestagsausschusses heißt es, es habe zahlreiche Hinweise darauf gegeben, dass Amri beim Anschlag "nicht allein gehandelt hat, sondern Unterstützung bei der Tat hatte". Davon, dass Amri die Tat nicht selbst begangen habe, schreiben die Abgeordneten der damaligen Oppositionsparteien aber nichts. Haben Sie die These, dass Amri nicht der Täter war, exklusiv?

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An die Opfer des Anschlags erinnert ein Mahnmal vor der Gedächtniskirche.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ich gehe halt einen Schritt weiter. Die Abgeordneten im Bundestagsausschuss waren ja auch gespalten. Die Ausschussmehrheit aus den damaligen Regierungsfraktionen von CDU/CSU und SPD erklärten in ihrem Votum, Amri sei zweifelsfrei der Täter. So weit gingen die Vertreter von FDP, Linken und Grünen nicht. Sie haben für ihr gemeinsames Sondervotum einen Konsens gesucht. Ich weiß, dass die Grünen in ihrer Einschätzung am weitesten gehen, gefolgt von der FDP.

Der Grüne Konstantin von Notz sagte: "Anis Amri war bestens vernetzt in der Terrorszene in Europa, war da einer der führenden Köpfe über viele Monate, stand absolut im Fokus der deutschen Sicherheitsbehörden, und er hat mehrfach deutlich gemacht, dass er diesen Anschlag begehen will."

Die Frage ist, wann er das gesagt hat. Ich persönlich war bis zum November 2019 auch der Meinung, dass Amri den Anschlag begangen hat.

Das Zitat stammt aus einem Interview mit dem Deutschlandfunk im Oktober 2019.

Ich war damals auch der Meinung, dass Amri der mutmaßliche Täter ist - "mutmaßlich" schon deshalb, weil die Täterschaft nicht von einem Gericht festgestellt wurde. Die Erkenntnislage änderte sich ab November 2019. Zum Beispiel durch eine Videoaufnahme in der Unterführung am Hardenbergplatz, der ganz in der Nähe vom Breitscheidplatz liegt. Die Aufnahme zeigt, dass Amri rund fünf Minuten nach dem Anschlag in Richtung Tatort geht, statt mit der U-Bahnlinie 9 zu flüchten. Seither spreche ich von Amri als dem angeblichen Täter. Konstantin von Notz nennt ihn den "vermeintlichen" Attentäter.

Der Untertitel Ihres Buches lautet "Ein Terroranschlag, zwölf Tote und die Verstrickungen des Staates". Worin bestehen die Verstrickungen des Staates?

Ich sehe Verstrickungen vor und nach der Tat. Amri war sicherlich Teil der Täter-Gruppierung. Wenn Sie mich nach meiner Tat- und Täter-Hypothese fragen, dann sage ich: Die Tat wurde etwa ein Jahr lang vorbereitet, und es waren mindestens fünf bis zehn Täter involviert. Im Umfeld von Amri gab es V-Leute. Insgesamt gibt es in der islamistischen Szene eine zweistellige Zahl von V-Leuten, mindestens fünf V-Leute gab es in der Fussilet-Moschee, in der Amri verkehrte.

Im Sondervotum des Abschlussberichts stehen übrigens zwei Dinge, die ich geradezu elektrisierend finde und die ich in mein Buch leider nicht mehr aufnehmen konnte. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat immer beteuert, dass es in der Fussilet-Moschee nur einen Spitzel hatte, und der habe mit Amri nichts zu tun gehabt. Im Sondervotum steht allerdings, dass es eine zweite Quelle des BfV in dieser Moschee gab. Und im Sondervotum wird der Verdacht geäußert, dass Bilel Ben Ammar ein V-Mann des Verfassungsschutzes gewesen sei. Ben Ammar war ein Vertrauter von Amri, er wurde am 1. Februar 2017 - also wenige Wochen nach dem Anschlag - nach Tunesien abgeschoben. Wenn er tatsächlich V-Mann war, dann ergibt seine Abschiebung Sinn.

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Sind V-Leute aus Ihrer Sicht der Hintergrund für die falschen Ermittlungen?

V-Leute können ein Grund sein. Wenn Behörden bei ihren Ermittlungen darauf achten müssen, dass eine V-Person nicht auffliegt, dann schränkt das den Handlungsspielraum unter Umständen ein - so sehr, dass es im schlimmsten Fall geschehen kann, dass eine Tat passiert, die man nicht will. Ein Beispiel: Als Amri am 18. Februar 2016 mit dem Fernbus aus Dortmund in Berlin ankam, wurde er vom LKA Berlin kurzzeitig festgenommen. Das nordrhein-westfälische LKA hatte unbedingt verhindern wollen, dass Amri kontrolliert wird - denn die Information, dass er in diesem Bus saß, konnte nur von einer konkreten Person kommen, einem V-Mann des LKA Nordrhein-Westfalen, der in den Akten "VP 01" genannt wird. Durch die Festnahme wäre VP 01 fast aufgeflogen.

Amri wurde vier Tage nach der Tat in der Nähe von Mailand von Polizisten erschossen. Sie sagen jetzt aber nicht, dass er erschossen wurde, damit nichts rauskommt, oder?

Ich würde mich lieber langsam an das Ereignis herantasten. Die Erschießung ist das Ende seiner Flucht, die mit vielen Fragen behaftet ist. Das fängt damit an, dass die Ermittler nicht sagen können oder wollen, wo Amri in den drei Nächten der Flucht war. Es ist unklar, wann und auf welchem Weg er Berlin verlassen hat. Erst am übernächsten Morgen wird er in Emmerich bei Kleve gesehen: Ein Zeuge, der Amri aus dem dortigen Flüchtlingsheim kannte, hat sich mit ihm unterhalten. Dieser Zeuge sagt, Amri habe ein Handy dabeigehabt. Dann fährt Amri über Kleve nach Nimwegen und Amsterdam nach Brüssel, wo sich seine Spur verliert. Überwachungsbilder zeigen ihn, wie er telefoniert - er muss also ein Handy gehabt haben. Am nächsten Mittag taucht er in Lyon auf. Vor dort fährt er nach Mailand. Nebenbei: In seinen Sachen findet man später ein Zugticket von Lyon nach Mailand, außerdem noch eines von Turin nach Mailand. Wofür hat er das gebraucht?

Wurde auch das Telefon bei ihm gefunden?

Das BKA behauptet, Amri habe kein Telefon bei sich gehabt, als er erschossen wurde. Aber italienische Ermittler sagten, er habe ein Handy gehabt. Meiner Meinung nach gab es ein Handy, das man hat verschwinden lassen. Und wenn er ein Handy dabeihatte, dann wurde er vielleicht sogar gelotst. Kurzum: Es gibt auch um Amris Tod einige Ungereimtheiten. Und es passt ins Bild, dass das BKA mit fünf Leuten nach Mailand fuhr, aber weder die Leiche noch Amris Kleidung oder seine Pistole in Augenschein nahm. Sie haben sich nur Fotos zeigen lassen. Am Verhalten des BKA gab es starke Kritik - das ist ja alles andere als professionell. Die Bundesanwaltschaft hat daher die Asservate aus Italien kommen lassen und lässt sie forensisch untersuchen. Über den Stand der Ermittlungen schweigt sie bisher.

Rechnen Sie damit, dass die Hintergründe der Tat irgendwann aufgeklärt werden?

Bislang sind sie nicht aufgeklärt, das hat das Narrativ vom Einzeltäter verhindert. Ich denke, wenn der Anschlag aufgeklärt werden soll, müsste die Arbeit des Untersuchungsausschusses im Bundestag fortgesetzt werden. Es gibt Opfer des Anschlags, die genau dies fordern, die bereits Briefe mit entsprechenden Bitten an Bundestagspräsidentin Bärbel Bas sowie an Bundeskanzler Olaf Scholz gerichtet haben - mit dem Hinweis, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Versprechen nicht eingelöst hat, dass dieser Anschlag aufgeklärt wird.

Mit Thomas Moser sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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