Politik

"Sekunden vom Krieg entfernt" Schwarze US-Miliz brüllt gegen Rassismus

Nicht nur White Supremacists radikalisieren sich in den USA, auch Afroamerikaner bilden Milizen. Der Gründer der NFAC etwa kommandiert Hunderte Bewaffnete. "Wir sind zurück in die 60er Jahre gegangen", sagt er.

"Unter keinen Umständen richtet ihr eure Waffe auf jemanden. Aber richten sie die Waffe auf euch, was tut ihr?", ruft Grandmaster Jay den anderen von der Ladefläche eines Pick-ups aus zu. "Sie töten!", brüllen sie zurück. Es sind solche selbstversichernden Anweisungen für den äußersten Fall, die der Anführer der NFAC seinen Kriegern, wie er sie selbst nennt, gibt. NFAC, das steht für Not Fucking Around Coalition, frei übersetzt die "Wir meinen es ernst"-Koalition. Wie ernst, das zeigen sie mit ihren Waffen.

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Am 4. Oktober marschierten die bewaffneten Mitglieder der NFAC in Lafayette auf.

(Foto: REUTERS)

"Die NFAC ist eine Antwort, nicht der Ursprung. Wir spiegeln unsere Umwelt wider", sagt Grand Master Jay Anfang Oktober einem Reporterteam von ntv. Wegen Rassismus und gefühlter Unterdrückung der Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten hätten sie eine Einheit gebildet. John Fitzgerald Johnson alias Grandmaster Jay ist ihr Gründer. Von der Protestbewegung Black Lives Matter grenzen sie sich entschieden ab. Den Zustand des Landes nennt der Anführer erbärmlich. "Wir sind rückwärts gegangen, zurück in die 60er Jahre. Die USA sind nur Sekunden von einem Rassenkrieg entfernt, was Weiße nicht zugeben wollen", sagt Grandmaster Jay.

Eine haltlose Übertreibung ist das nicht, sondern wird von verschiedenen Zahlen gestützt. Seit 2019 gehen die Verkaufszahlen registrierter Feuerwaffen nach oben, in diesem Jahr jagt bislang ein Monatsrekord den nächsten. Insgesamt fast 40 Millionen Waffen wurden in den USA allein in diesem Jahr verkauft. Es sind nicht wie früher vor allem männliche Weiße, unter Afroamerikanern geht die Kurve besonders steil nach oben. Mehr als 11 Millionen registrierter Feuerwaffen gingen an Erstbesitzer.

Auch wenn sie widerspricht, die NFAC ist eine schwarze Miliz, die zumindest indirekt eine Bewegung unterstützt. Mehr als 400 ihrer schwer bewaffneten Mitglieder stehen mitten in der Stadt Lafayette in Louisiana, einem südlichen Bundesstaat der USA. Es ist hier erlaubt, offen seine Waffe zu tragen. Auch deshalb führt die NFAC ihren Aufmarsch an diesem Ort durch. Die Mitglieder der Gruppe sind aus verschiedenen anderen Bundesstaaten angereist: Militärveteranen, Unternehmer, aus allen gesellschaftlichen Ecken, sagt Grandmaster Jay.

Hunderte Milizen, vor allem von Weißen dominiert, soll es laut Schätzungen in den USA geben. Viele davon bewegen sich am rechten politischen Rand und machen sich für "White Supremacy" stark, eine Vorherrschaft von Weißen. Die Rassisten sind überzeugt davon, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe anderen ethnischen Gruppen überlegen sind und diese dominieren sollten. Unter US-Präsident Donald Trump ist die Anzahl dieser radikalen Gruppen bis Ende 2019 um 55 Prozent auf insgesamt 940 angewachsen, stellte das Southern Poverty Law Center fest.

Die NFAC ist der Gegenpart dazu. Ein radikaler, bewaffneter Flügel auf der Seite der Afroamerikaner. Seit Mai ist die Miliz in verschiedenen Bundesstaaten aufmarschiert, meist um gegen Polizeigewalt an Afroamerikanern zu protestieren.

In den vergangenen Monaten gab es bei Demonstrationen und Zusammenstößen zwischen Bewaffneten und Demonstranten mehrere Verletzte und Tote. Zuletzt vereitelte die Polizei sogar eine geplante Entführung von Gretchen Whitmer, Gouverneurin von Michigan, und nahm 13 Personen fest. Die "Wolverine Watchmen" planten dem FBI zufolge den Umsturz verschiedener Bundesstaatsregierungen, die nach Ansicht der Miliz die Verfassung der USA missachten.

Was passiert nach der Wahl?

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Grandmaster Jay und andere schwören die Anwesenden darauf ein, weiter zu protestieren.

(Foto: REUTERS)

Milizen hat es in den USA immer gegeben. Doch seit ein paar Jahren entwickelt sich eine schwer auszurechnende Dynamik: Wachsendes Misstrauen gegen den Staat drückt sich in größeren bewaffneten Gruppen aus, die von den Rändern in die Breite der Gesellschaft dringen. Allgemeiner Zugang zu Waffen erleichtert ihre Radikalisierung. In den Vereinigten Staaten sind mittlerweile mehr als 400 Millionen Schusswaffen im Umlauf, mehr als die USA Einwohner zählen. Und was passiert nun, wenn diese bewaffneten Gruppen aufeinandertreffen? Die Präsidentschaftswahl am 3. November nicht klar ausgeht? Das ist die Angst, die im Land umgeht.

Alle bisherigen Auftritte der afroamerikanischen NFAC waren friedlich. Es gab keine Festnahmen, ebenso wenig sind Straftaten aus der Gruppe bekannt. Warum hält es Grandmaster Jay überhaupt für nötig, dass die NFAC-Mitglieder öffentlich ihre Waffen tragen? Das Gesetz erlaube es, sagt er: "Menschen sollten sich nicht darauf fokussieren, wer [die Waffe] trägt." Afroamerikaner seien so sozialisiert worden, dass die Waffe in der Hand eines Schwarzen negativ sei. Die Waffen dienten der Selbstverteidigung. "Sie sind da, weil jeder andere sie auch hat."

Die Tatsache, dass sich Privatpersonen bewaffnen und die Dinge selbst in die Hand nehmen wollen, sich eine militärähnliche Struktur geben und mit mehr als 400 anderen Menschen schwer bewaffnet durch eine Kleinstadt ziehen: All das ist nur eines der Symbolbilder für die inneren Konflikte des Landes.

Quelle: ntv.de