Politik

Eigenlob in Berateraffäre Überfliegerin Suder im Erinnerungstiefflug

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Schlüsselfigur in der Berateraffäre: Katrin Suder.

(Foto: dpa)

Das Verteidigungsministerium vergibt rechtswidrig Millionenaufträge an Berater. Davon profitieren vor allem Bekannte und Freunde von Ex-Staatssekretärin Suder. Die will daran nicht beteiligt gewesen sein. Die Opposition glaubt ihr nicht.

Virtuell war sie in jeder Sitzung dabei, nun erschien sie leibhaftig: Katrin Suder, ehemalige Staatssekretärin für Rüstung und Schlüsselfigur in der Berateraffäre des Bundesverteidigungsministeriums. Locker und lässig kam sie mit legerem Rucksack daher, gehüllt in blaue Kleidung und weiße Sneakers. Ihr Outfit wollte nicht so recht zum Image der megaschlauen Überfliegerin und einstigen Topmanagerin der Beratungsfirma McKinsey passen, sondern eher zu einer Frau kurz vor Fünfzig, die sich überlegt hat, noch einmal zu studieren.

Doch bald zeigten sich Suders Qualitäten, für die sie im Bendlerblock hochgelobt, aber auch verachtet wurde. Ihr Eingangsstatement trug die Staatssekretärin vor, als pitche sie um einen Auftrag oder versuche sie ihre Zuhörer von einem tollkühnen Projekt zu überzeugen. Suder gab sich eloquent und selbstsicher, während der zehnstündigen Befragung äußerte sie nicht den Hauch von Kritik in eigener Sache, dass sie irgendetwas falsch gemacht haben könnte. Im Gegenteil zog die 48-Jährige eine rundum positive Bilanz ihrer Zeit im Ministerium.

Zwischen freundlich und fast schon arrogant

Suder wirkte freundlich, höflich und verbindlich, zeigte jedoch auch ihre harte Seite. Sie schwankte zwischen devotem Verhalten und Angriffslust nahe an der Arroganz. Andauernd entschuldigte sie sich, wenn ein Abgeordneter nicht kapierte, was sie gerade erklärt hatte. Dann sagte sie Sätze wie: "Tut mir leid, wenn ich das zu kurz erläutert habe." Ausführungen begann sie gerne mit Einleitungen wie: "Wenn ich den Vorgang aus meiner Sicht noch einmal erläutern darf." Andererseits zeigte sich Suder besserwisserisch: "Man kann niemanden in einem Gespräch CC setzen." Oder sie wies einen Parlamentarier in Jetzt-kapier-es-endlich-Attitüde zurecht: "Ich hab's versucht, zwei Mal zu erklären. Ich kann es noch mal versuchen."

Klar ist: Hätte Suder Ende 2018 schon ihre Erklärungsversuche unternommen, als die Berateraffäre längst ein Politikum, aber sie schon nicht mehr Staatssekretärin war, wäre es nicht zu der Bundestagsuntersuchung gekommen. Damals war sie vom Verteidigungsausschuss eingeladen worden, Rede und Antwort zu stehen. Suder weigerte sich, was ihr die Opposition - und wohl auch Abgeordnete der Union - krumm nahmen, da es das öffentliche Misstrauen gegen das Ministerium, das damals noch von Ursula von der Leyen geleitet wurde, weiter steigerte. Erst nach Suders Absage beschlossen Grüne, Linke und FDP mit Zustimmung der AfD, den Untersuchungsausschuss durchzusetzen.

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Suder gibt sich im Untersuchungsausschuss souverän und selbstsicher.

(Foto: dpa)

Nun erklärte Suder, warum sie sich damals geweigert hatte. Nachdem der Bundesrechnungshof die rechtswidrige Auftragsvergabe an externe Berater aufgedeckt hatte, habe sie die ministeriumsinternen Ermittlungen "nach bestem Wissen und Gewissen" unterstützt. "Ende 2018 nahm das aber in der Öffentlichkeit ein völlig neues Ausmaß an. Insbesondere kam immer stärker der Ruf nach der Staatsanwaltschaft und nach Strafanzeigen auf." Sie habe sich "beraten und beraten lassen" und sich dann dagegen entschieden, was ihr nicht leicht gefallen sei, sagte Suder. Daraufhin bemerkte die FDP-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann süffisant: "Manche Beratung ist dann doch nicht die heilbringende."

Aber Suder ließ sich nicht beirren und erzählte ihre Version der Dinge, in der sie - nach ihren Maßstäben - eine tadellose Figur abgab. Nachdem sie von der Leyen gefragt habe, ob sie Staatssekretärin werden wolle, habe sie "mit großem Respekt gerne ja gesagt", erklärte Suder. Das Amt habe sie "als Ehre empfunden - damals wie heute". Es habe ihr "finanziell keine Vorteile" gebracht. "Ich bekomme auch keine Beamtenpension." 2017 habe sie beschlossen, den Posten im Frühjahr 2018 abzugeben, um "mehr Zeit für meine drei Kinder und meine Frau" zu haben, erklärte die Ex-Staatssekretärin.

Bundeswehrprojekte in "finanzieller Schieflage"

Die deutsche Rüstungsbeschaffung und die Ausstattung der Bundeswehr schilderte Suder zur Zeit ihres Amtsantritts als katastrophal. "Es fehlte an allem." Zentrale Projekte seien "in signifikanter zeitlicher und finanzieller Schieflage" gewesen. "Ich legte schonungslos dar, warum die Situation so schwierig war." Gegen alle Widerstände sei sie hochmotiviert daran gegangen, verhärtete Strukturen aufzubrechen. "Ich habe meine Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt." Was es gebracht habe, "mögen andere beurteilen".

Exakt um dieses Urteil bemüht sich der Ausschuss seit einem Jahr. Abgeordnete aus Großer Koalition und Opposition erkennen Suders Engagement an und loben sie für den Versuch, den Rüstungsbereich grundlegend zu reformieren. Offen allerdings bleibt die Rolle, die die 48-Jährige in der Affäre spielte. Sie widersprach, sich in die Auftragsvergabe reingehängt zu haben, von der ihre Freunde und früheren Kollegen von McKinsey sowie andere Beraterfirmen profitierten. In den 15 Jahren bei McKinsey sei sie darauf "getrimmt" worden, Privates von Beruflichem zu trennen.

Von der dubiosen Beauftragung einer internationalen Rechtsanwaltskanzlei im Zusammenhang mit dem - inzwischen abgeblasenen - Verkauf der HIL-Werke, in der die Bundeswehr Großgerät reparieren lässt, habe sie überhaupt nichts gewusst. Dass die Ausschreibung kurzfristig gestoppt wurde, um die vom Ministerium gewünschten Juristen anzuheuern - keine Ahnung. Ihre Gedächtnislücken erklärte sie in immer neuen Varianten: "Ich habe dazu keine Erinnerung. Das tut mir leid." "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich da involviert war." "Meine Erinnerungen sind hier anders." "Ich kann mich an dieses Gespräch überhaupt nicht erinnern."

Während sich CDU und CSU nicht äußerten, glaubten das die Abgeordneten von Opposition und SPD begrenzt bis gar nicht. Sie erklärten übereinstimmend, dass sich Suder an Details in Fachfragen erinnere, wofür sie berühmt sei, aber nie, wenn es brenzlig für sie oder ihre Freunde sei. Die SPD-Abgeordnete Siemtje Möller las eine Reihe von Zeugenaussagen vor, die erklärt hatten, dass die damalige Staatssekretärin enormen Druck ausgeübt habe, die HIL-Werke schnell zu privatisieren.

An der Stelle zeigten sich die Grenzen der Wahrheitssuche. Denn jeder Zeuge hat seine eigene Wahrnehmung. Suder sagte, es habe Druck gegeben - und zwar vom Bundestag. Denn 2016 habe es etliche Ereignisse gegeben, die die Welt erschüttert und unsicherer gemacht hätten. Sie nannte unter anderem die Terroranschläge in Europa, die Bluttaten des IS in Syrien, und den Putsch in der Türkei. "Ich habe versucht, den Druck nicht weiterzugeben. Ich habe keinen Druck gemacht."

Quelle: ntv.de