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Im arabischen Original ist der Koran überall auf der Welt gleich. Übertragungen bieten die Möglichkeit, Akzente zu setzen.
Im arabischen Original ist der Koran überall auf der Welt gleich. Übertragungen bieten die Möglichkeit, Akzente zu setzen.(Foto: REUTERS)
Freitag, 13. April 2012

Salafisten nutzen speziellen Koran: Übersetzung ist entscheidend

von Nora Schareika

Die Koranaktion einer islamistischen Splittergruppe sorgt in Deutschland für Aufsehen. An diesem Wochenende verteilen Salafisten wieder Korane in Fußgängerzonen. Nach Ansicht von Experten handelt es sich um eine Art Self-Made-Exemplar, das das arabische Original besonders streng auslegt.

25 Millionen Exemplare des Koran wollen muslimische Aktivisten verteilen, um für den Islam zu werben. Besser gesagt: Für ihr Verständnis der Religion. Denn während das arabische Original unveränderlich ist, gibt es bei Übertragungen ins Deutsche großen Spielraum. Aus diesem Grund steht auf dem verteilten Koran auch "Der edle Qur'an. Die ungefähre Bedeutung in der deutschen Sprache".

Das Herkunfsland des Islam, Saudi-Arabien, gilt als wichtiger Financier für radikale Gruppen.
Das Herkunfsland des Islam, Saudi-Arabien, gilt als wichtiger Financier für radikale Gruppen.(Foto: REUTERS)

Die Möglichkeit, das arabische Original in anderen Sprachen ohnehin nur auslegen zu können, kommt der Union kämpft gegen Gratis-Korane entgegen, die an diesem Wochenende in mehreren deutschen Städten weiterging. Inzwischen ist jedoch bekannt, dass es wohl doch keine 25 Millionen Exemplare sind.

Initiator ist der Kölner Ibrahim Abu Nagie. Der gebürtige Palästinenser vertreibt unter anderem T-Shirts mit dem Aufdruck "Die wahre Religion" und pflegt eine gleichnamige Internetseite. Unter dem Motto "Lies!" werden Mitglieder salafistisch orientierter Gemeinden Koranexemplare ausgeben. Verfassungsschutz warnt aber nur für Nicht-Muslime. Gläubige hingegen müssen 3 Euro pro Exemplar bezahlen. "Damit werden die Kostenlos-Korane gegenfinanziert", erklärt ein Sprecher des Verfassungsschutzes.

Übersetzung ist entscheidend

Salafismus in Deutschland
  • Die Salafisten werden in Deutschland als islamistische Bewegung seit 2010 verstärkt wahrgenommen.
  • Rund 4000 Muslime und Konvertiten zählen zu der Strömung. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes handelt es sich nicht um eine strukturierte Gruppe.
  • Salafisten pflegen einen Islam, der sich an dem orientiert, was von den frühen Muslimen überliefert ist. Dabei legen sie den Koran und die Sunna (Überlieferung der Taten des Propheten Muhammad) wörtlich aus.
  • Zentren des Salafismus in Deutschland sind Frankfurt, das Rhein-Ruhr-Gebiet, Berlin und Ulm.
  • Sicherheitsexperten unterteilen den Salafismus in zwei Strömungen: Die politische Bewegung, deren Anhänger sich formal an die Gesetze halten, sowie die dschihadistische Fraktion, deren Anhänger Gewalttaten und Anschläge als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ideologie betrachten. Diese militante Strömung der Salafisten ist in Deutschland allerdings kaum vertreten. (rts)

Welche Geldgeber sonst hinter der Aktion stecken, ist bislang nicht klar. Saudi-Arabien investiert jedoch seit Jahren in vielen Ländern in derartige Aktionen und unterstützt radikale Gemeinden. Gedruckt wird in Baden-Württemberg, es soll sich um eine eher billige Produktion handeln, die Qualität ist jedoch auf den ersten Blick nicht schlecht. Allein auf die darin enthaltene Übersetzung komme es jedoch an, um zu beurteilen, was die Salafisten in den Fußgängerzonen unters Volk bringen wollen, merkt die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer an.

Bei den Verteilexemplaren handelt es sich um die Übersetzung von Abu-r-Rida' Muhammad Ibn Ahmad Ibn Rassoul, ein Muslim, dessen Übertragung ins Deutsche in salafistischen Kreisen für eine gehalten wird, die der von ihnen vertretenen Lehre am nächsten kommen. "Wissenschaftlich ist so eine Übersetzung nicht so bedeutsam" urteilt der Koranforscher Dirk Hartwig von der Freien Universität Berlin. Allerdings sei der Salafisten-Koran vermutlich leicht lesbar und enthalte inhaltlich andere Nuancen.

Erfolg beim Publikum fragwürdig

Während Salafisten als potentiell gefährlich eingestuft und beobachtet werden, ist die Koran-Aktion an sich für den Verfassungsschutz nicht beobachtungswürdig. Sie ist durch die Religionsfreiheit gedeckt. Dass die Kostenlos-Korane beim Publikum einen weitreichenden Effekt haben werden, bezweifeln Sicherheitsexperten.

Je nach Lesart eine andere Interpretation

Der Arabist Hartwig geht davon aus, dass der Überträger von einer Lesart des Korans ausgegangen ist, die in Saudi-Arabien und den meisten Teilen der islamischen Welt verbreitet ist (Hafz-Lesart). "Die Zusammenhänge der jeweiligen Glaubenslehre werden immer mitübersetzt", erklärt der Arabist. "Es macht einen Unterschied, ob das Wort 'Dschihad' mit 'heiliger Krieg' oder 'Bemühen' übersetzt wird." In der fünften Sure etwa gehe es um Juden und Christen. Je nach Lesart könne ein Muslim aus der Passage ableiten, er solle sich die Anhänger der anderen Religionen nicht zum Freund oder nur nicht zum Verbündeten machen.

Die verschiedenen Lesarten des Koran und sich daraus ableitende Interpretationen sorgen in der islamischen Welt dafür, dass es zum Teil weit voneinander abweichende Meinungen gibt, welcher Islam der "wahre" Islam ist. So werden auch die Salafisten dafür gesorgt haben, dass in der von ihnen verteilten Übersetzung die aus ihrer Sicht wahre Lehre vermittelt wird.

Quelle: n-tv.de