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Die Fluggastbrücken sind fertig - fehlen nur noch die Flugzeuge, die am BER starten und landen.
Die Fluggastbrücken sind fertig - fehlen nur noch die Flugzeuge, die am BER starten und landen.(Foto: Sonja Gurris)
Samstag, 02. Dezember 2017

Führung auf dem Flughafen BER: Der Airport, über den Berlin lacht

Von Sonja Gurris

Der Hauptstadtflughafen ist die wohl berühmteste Baustelle Deutschlands. Gerade, weil ständig neue Pannen an die Öffentlichkeit geraten, wollen die Berliner den BER anschauen. Die Besichtigungstour offenbart das ganze Drama.

Vor rund 2000 Tagen sollten hier eigentlich die ersten Flugzeuge mit glücklichen Passagieren abheben. Eigentlich. Denn wenn derzeit am Flughafen BER auf eines Verlass ist, dann darauf, dass sich der Eröffnungstermin regelmäßig verschiebt. Der Nicht-Fortschritt ist in Berlin sogar eine Art Attraktion geworden. Die derzeit geschätzten Kosten liegen bei 6,5 Milliarden Euro. Dieses Drama wollen viele bestaunen.

Sara Araia gibt einen Überblick über den BER.
Sara Araia gibt einen Überblick über den BER.(Foto: Sonja Gurris)

An diesem Nachmittag versammeln sich ein Dutzend Berliner, um sich diesen Pannenflughafen einmal selbst anzuschauen und sich ein Bild zu machen. "Wir haben so viel über den BER gehört, jetzt wollen wir das auch mal mit eigenen Augen sehen", erklärt ein Besucher.

Mit dem Reisebus geht es aufs Gelände - über die A 113, die einzige Zugangsstraße, die Passagiere künftig zum neuen Hauptstadtflughafen bringen wird. Dann taucht sie auf, die Baustelle, die scheinbar niemals fertig wird. Ein Koloss aus Glas und Stahl, von außen sieht alles fertig aus. Man könnte fast das Gefühl haben, gleich in den Urlaub zu starten.

Die technischen Arbeiter sind quasi unsichtbar

Doch wer ins Terminal eintritt, der bemerkt die Stille. Kein Rattern, kein großer Baulärm, nur verwaiste Schalter. Tourguide Sara Araia von der Unternehmenskommunikation Flughafen Berlin Brandenburg zeigt die einzelnen Bereiche des Airports. Im Abflugterminal schaut sich die Gruppe erstaunt um, denn vieles sieht schon fertig aus. "Hier im Terminal arbeiten täglich etwa 400 bis 500 Mitarbeiter", erklärt sie auf Nachfrage. Zu sehen sind die allerdings nicht. Einmal hallt ein lautes Dröhnen durch die Halle, bei der Rundtour durch den Flughafen bekommt man aber nur drei Personen mit Helm und Sicherheitsweste zu Gesicht. Die vielen Arbeiter, die die technischen Pannen am Airport BER beheben müssen, arbeiten eher "unsichtbar" in den unteren Ebenen.

Flugziele sind hier noch keine angezeigt, aber zumindest funktionieren die Monitore.
Flugziele sind hier noch keine angezeigt, aber zumindest funktionieren die Monitore.(Foto: Sonja Gurris)

Täglich kommen bis zu drei Besuchergruppen vorbei, die sich die Baustelle ansehen. Die Airport-Touristen sehen das Projekt wie viele Berliner kritisch und stellen auch Fragen, die den Betreibern wehtun müssen: "Jetzt erklären Sie uns doch mal, warum das hier vor sechs Jahren quasi fertig war und es immer noch nicht eröffnet wurde. Was machen die denn hier?", fragt eine ältere Frau. Es sind die zentralen Fragen, die sich alle Besucher stellen, die den Pannenflughafen sehen. Am Tag vor der Führung treten durch Medienberichte wieder neue technische Mängel zutage. Das wissen auch die Besucher.

"Aktuell ist man zum Beispiel dabei, die Automatiktüren beziehungsweise die Steuerung fertigzumachen. Da sind wir derzeit bei 80 Prozent. Und die technischen Anlagen müssen abgenommen werden. Der Plan ist, dass man das bis August 2018 hier im Terminal abgeschlossen hat", so Sara Araia. Eine echte Erklärung ist wohl schwierig.

Nebenbei erzählt Frau Araia auch, dass das Steigenberger-Hotel am BER zwar komplett fertig ist, aber erst mit Flughafeneröffnung Gäste willkommen heißen wird. Das hatte sich die Hotelkette wohl auch etwas anders vorgestellt. Ebenso wie manche Fluggesellschaft.

Das Erbe von Air Berlin

Im Terminal hängt auch die Kunst-Installation.
Im Terminal hängt auch die Kunst-Installation.(Foto: Sonja Gurris)

"Wie lange Vorlauf brauchen denn die Fluggesellschaften, um hier den Betrieb aufzunehmen?", fragt ein Mann. "Das ist unterschiedlich. Die kürzeste ist ein halbes Jahr". Natürlich ist auch der Wegfall der insolventen Air Berlin ein zentrales Thema. Schließlich sollte der gesamte südliche Pier für die weiß-rote Fluggesellschaft reserviert werden. Auch vieles andere war auf Air Berlin zugeschnitten: "Lufthansa und Air Berlin wurden hier schon bestimmte Check-In-Inseln zugewiesen, Lufthansa zum Beispiel 3 und 4; die 1 und 2 waren für Air Berlin vorgesehen. Da muss man natürlich auch schauen, wie man das jetzt handhabt." Die Logos von Lufthansa hängen schon an den Check-In-Bereichen. Die von Air Berlin musste niemand abbauen, weil sie noch nicht hingen. Zufällig werden draußen gerade einige Air-Berlin-Flugzeuge umlackiert.

Über den nie fertig werdenden Flughafen in Berlin lacht die halbe Welt. Besonders skurril wird das Ganze, wenn man sieht, dass viele Hinweisschilder zum Check-In, zur Sicherheitskontrolle oder zum Zoll fertig sind, währenddessen gleichzeitig technische Angelegenheiten noch nicht beendet sind. Und ein rotes Kunstobjekt, eine Art Teppich, schwebt über den Schaltern. Hauptsache, die Deko hängt.

Schon viele Besucher haben die BER-Baustelle besichtigt.
Schon viele Besucher haben die BER-Baustelle besichtigt.(Foto: Sonja Gurris)

Auch Detlef Becker ist heute mit seinen Freunden hergekommen. Er hat die Tickets zur Flughafenführung zu seinem 70. Geburtstag bekommen. Auch ihn ärgert es ein bisschen, dass der BER immer noch nicht fertig ist: "Ich glaube, wenn man ein Unternehmen damit betraut hätte, den Flughafen schlüsselfertig zu übergeben, hätte das auch geklappt." Die Besuchergruppe zeigt oft ihr Unverständnis - die Frage "Wann wird denn der Flughafen eröffnet?" wagt sich aber niemand im Raum zu stellen.

"Richtige Fachleute"

Weiter geht es vom Terminal in Richtung Rollfeld, entlang der aufgereihten Fluggastbrücken, die die Passagiere vom Flugzeug ins Flughafengebäude leiten - irgendwann einmal. Die Nachmittagssonne zeigt ihr schönstes Licht über dem BER, als wollte sie sagen: "Ist doch schön hier, oder?". Ja, es wirkt fast etwas romantisch, dieses leere Rollfeld. Viele Fluggastbrücken - aber keine Flugzeuge. Für den Riesenflieger A380 gibt es an der Ecke extra zwei Fluggastbrücken. Sieht schick aus, aber bis der Jumbo hier anlegt, wird es wohl noch eine Weile dauern. Bis dahin kann man sich das als Besucher von außen mal ganz genau anschauen, wie so eine Fluggastbrücke konzipiert ist.

Nach diesem Stopp geht es auf einem anderen Weg zurück in Richtung Schönefeld. An einem großen Glasgebäude stehen viele Autos. Ein klares Indiz: Hier arbeiten Menschen. "Unter unserem Vor-vor-vor-Geschäftsführer Mehdorn haben sich hier zahlreiche Fachleute in den Büros niedergelassen, die sind auch geblieben", erklärt Araia. Das Wort "Fachleute" bleibt im Ohr hängen. "Ja, richtige Fachleute", seufzt eine Frau und lacht ein wenig in sich hinein. Die anderen lachen mit - beim Thema BER hilft bei vielen nur noch der Humor.

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Quelle: n-tv.de

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