Kabayel folgt Schmeling & Ali

Deutschland ist schon Weltmeister - und kaum einer kriegt's mit

imageVon Martin Armbruster
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Agit Kabayel hat sich nach ganz oben gekämpft. (Foto: Action Images via Reuters)
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29.06.2026 | 20:11 Uhr
Zum ersten Mal seit Max Schmeling hat Deutschland wieder einen Boxweltmeister im Schwergewicht. Doch Agit Kabayels historischer Triumph geht im Trubel der Fußball-WM unter. Dabei ist er ein deutsches Aufstiegsmärchen.

Agit Kabayel ging es am frühen Samstagabend wie dem FC Arsenal im Mai. Er wurde auf dem Sofa zum Champion, ohne eigenes, unmittelbares Schaffen. Um ein paar Tage abzuschalten und abzuwarten, wie der Weltverband WBC entscheiden würde, hatte sich Kabayel auf die Balearen nach Mallorca verzogen. Dort erreichte den 33-Jährigen der Anruf von WBC-Präsident Mauricio Sulaiman. Der Mexikaner übermittelte, was der Vorstand des Zweitältesten der vier großen Boxverbände entschieden hat: Agit Kabayel ist nach dem Rückzug von Oleksandr Usyk neuer WBC-Weltmeister im Schwergewicht.

"Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. In den Geschichtsbüchern zu stehen neben Namen wie Muhammad Ali, Mike Tyson (beide WBC-Weltmeister, Anm.d.Red.) und so vielen Legenden ist etwas, wovon ich als Kind geträumt habe", schrieb Kabayel auf Instagram. "Unbeschreiblich" sei es, fast 95 Jahre nach dem ikonischen Max Schmeling der erste deutsche Meister aller Box-Klassen zu sein, der erste kurdische obendrein. Die Nachricht machte schnell die Runde, die großen Medien griffen sie kurz auf. Mehr war aber auch nicht. In "Tagesschau", "Heute" und Co. lief am Wochenende natürlich Fußball.

Wie bedeutend Kabayels Erfolg ist, welche Tragweite er hat, das ist bis dato im Dauer-Trubel um die XXL-Fußball-WM in Amerika, den Sorgen und (angeblichen) Nöten der deutschen Nationalmannschaft etwas untergegangen. Was auch damit zusammenhängt, dass Kabayel den Titel am Grünen Tisch gewonnen hat, durch Funktionärs-Entscheid, und nicht im Ring, im Zweikampf mit dem herrschenden Schwergewichts-König. Kabayels spektakulärer Leberhaken-K.o. über den chinesischen Koloss Zhang Zhilei, der ihn im Februar 2025 zum Interims-Weltmeister und Usyk-Herausforderer Nummer 1 gemacht hatte, liegt lange zurück. Seither versuchte der "Leberking" den Ukrainer vor die Fäuste zu bekommen, reiste sogar zu den Pyramiden von Gizeh, um Usyk im Mai nach dessen mühevollen Sieg gegen Kickbox-Idol Rico Verhoeven von Mann zu Mann herauszufordern.

Wie Schmeling "Weltmeister im Liegen"

Doch der 39-jährige Meister hat eben andere Pläne und den Titel niedergelegt: Ein "Last Dance" soll es stattdessen sein, teilte Usyk via Instagram mit. Heißt übersetzt: ein letzter großer Zahltag gegen einen Gegner seiner Wahl. Für den alternden Regenten ist dies der gemütlichere Exit, statt die Knochen nochmal in einer Schicht mit der Körperhaken-Mühle aus dem Ruhrpott hinzuhalten. "Ich glaube, Usyk sucht mit 39 die sportliche Herausforderung nicht mehr. Es ist nicht leicht, vom Jäger zum Gejagten zu werden. Vielleicht will er in seinem Alter nicht mehr gejagt werden und hat diesen Spirit nicht mehr", vermutete Kabayel im Gespräch mit ntv Sport. Sein Trainer Sükrü Aksu hatte schon in Ägypten eine Ahnung. "Ich habe ein Foto mit Usyk gemacht, weil er einer meiner Lieblingsboxer ist, vor dem ich großen Respekt habe. Da haben alle gesagt: 'Bist du verrückt, das ist doch euer Gegner.' Da hab' ich gesagt: 'Mir doch egal, den sehen wir nicht wieder'."

Eines hat Kabayel mit seinem Weltmeister-Vorgänger aus Vorpommern gemein. Auch Max Schmeling gewann den Titel nicht so, wie man sich das gemeinhin wünscht. Im Juni 1932 war er in New York nach einem Tiefschlag seines Gegners Jack Sharkey in Runde vier auf die Bretter gegangen und in der Horizontalen geblieben. Das Schiedsgericht disqualifizierte Sharkey und erklärte den Deutschen zum Sieger. Weder in den USA noch in Deutschland kam das gut an, Schmeling wurde gar als "Weltmeister im Liegen" verspottet. Unsterblich machte er sich erst 1936 mit seinem Sensationssieg über den als unbesiegbar geltenden "Braunen Bomber" Joe Louis. Die Weltmeister-Krone stand da allerdings gar nicht auf dem Spiel.

Auch Kabayel erhielt die Weltmeister-Würde, wenn man so will, im Liegen: auf der Sonnenbank. Macht ihn das zu einem Champion zweiter Klasse? Mitnichten. "Wir fühlen uns als Weltmeister, wir haben hart gearbeitet und große Gegner geschlagen, die man uns hingestellt hat. Uns ist nichts geschenkt worden", betont Trainer Aksu. Der Ringfuchs verweist auf die beeindruckende Siegesserie seines Boxers. Den riesigen Russen Arslanbek Makhmudov, Kubas Toptechniker Frank Sanchez und Zhang, den schlaggewaltigen Linkshänder aus dem Reich der Mitte -, sie alle brachen auf der großen Boxbühne in Riad unter Kabayels Dauerdruck zusammen: den schweren Haken zum Kopf, vor allem aber zum Körper. Im Januar besiegte Kabayel bei seinem umjubelten "Homecoming" in Oberhausen zudem den polnischen Zwei-Meter-Hünen Damian Knyba. In Runde drei war Feierabend. "Usyk, Usyk, Usyk", forderte die 13.000-Seelen-Meute danach frenetisch und ohrenbetäubend. Vergebens.

Ein Boxermärchen wie Sylvester Stallones "Rocky"

Natürlich sei er enttäuscht, dass das Duell mit dem hochdekorierten Champion nicht zustande kommt, räumte Kabayel ein. Aber was soll er machen? Wenn Usyk das WBC-Zepter lieber abgibt, als die Widerstandsfähigkeit seiner Leber zu testen, ist das auch ein Zeichen.

Der Agit-Kabayel-Story mag somit vorläufig die dramaturgische Klimax in Form einer erbitterten Schlacht um die Königskrone fehlen. Und doch ist sie ein bedeutendes Stück deutscher Sporthistorie. Eine Geschichte des Willens. Über Aufstieg. Und Loyalität. In Hollywood gibt es seit Sylvester Stallones "Rocky" dafür die Kategorie Boxermärchen. Rocky Balboa wächst in den rauen Straßen Philadelphias auf, Kabayel im Ruhrpott. Arbeiter-Hochburgen.

Agit Kabayel wird 1992 in Leverkusen geboren, zieht mit seiner Familie aber schob bald nach Bochum-Wattenscheid. Die Eltern, kurdische Einwanderer, schuften, damit es den Kindern einmal besser geht. Zeitweise lebt die Familie in einem Hinterraum des Döner-Ladens der Kabayels. In der DAZN-Dokumentation "Unser Weltmeister" erzählte der Boxprofi, wie früh er selbstständig geworden sei, weil die Eltern als Selbstständige stets arbeiteten und kaum zuhause waren. Als Jugendlicher ist Kabayel viel auf dem Bolzplatz, wo er den heutigen Nationalspieler Leroy Sané kennenlernt und wo Nationalitäten keine Rolle spielen. Abgründe bleiben nicht aus. Nach einer Prügelei landet Kabayel als Teenager kurze Zeit hinter Gittern. Ein Aha-Erlebnis. Der Boxer schwört sich, nie wieder "Scheiße" zu bauen. Wie sehr der Knast-Aufenthalt des Sohnes den Eltern zusetzte, liest man in der Dokumentation den Gesichtern ab - ohne, dass der Vater ein Wort sagt.

Kabayels Stern ging in Riad auf

Kabayels Talent als Kämpfer entdeckt Boxtrainer Aksu, der zu seinem Mentor wird - ähnlich wie Rockys Manager "Mickey" im Märchen. Kabayel startet 2011 als Profiboxer, 2016 erobert er den Europameister-Titel. Dennoch nimmt die Karriere lange kaum Fahrt auf, auch, weil das Boxen in Deutschland nach dem Ende der Klitschko-Ära in einer Nische verschwindet. 2019 scheint ein Durchbruch nah, Kabayels damaliger Promoter SES schließt einen Vertrag mit dem US-Sender ESPN, ein Kampf gegen den schillernden Weltmeister Tyson Fury steht im Raum. Corona macht alles nichtig. Bisweilen weiß Kabayel in der schwierigen Zeit ohne Kämpfe und Gagen nicht, wie er sein Auto volltanken soll. Aber aufgeben gilt nicht. In dem kleinen UFD-Gym in Düsseldorf, in dem die Tränen der Schinderei verdampfen und sich mit gebrauchtem Atem unter der niedrigen Decke zu einer Dunstglocke vereinen, ackern Kabayel und Aksu wie die Besessenen. Sie bleiben sich treu. Der Tank ist nicht leer. Sparring gibt es in einem winzigen, 4x4-Meter-Ring (das Mindestmaß bei einem Profikampf sind 5x5 Meter). "Hier kann man nicht weglaufen, hier geht man im Training einmal durchs Feuer", sagt Kabayel. Ende 2023 bekommt er eine unverhoffte Chance.

Die neuen Promoter-Herren aus Saudi-Arabien ziehen in Riad eine große Boxshow mit den Superstars Anthony Joshua und Deontay Wilder auf. Im Rahmenprogramm soll mit dem gefürchteten Russen Makhmudov der künftige Sensenmann der Schwergewichtsklasse inszeniert werden. "Die haben uns als Verlierer eingekauft", erinnert sich Aksu. Wenn der stiernackige Makhmudov seinen riesigen Schädel von links nach rechts knacken lässt, machen sich viele in die Hose. Der boxerisch haushoch überlegene Kabayel walzt das "Monster" dagegen in vier Runden platt. Angestachelt von Aksu, der nach zwei Runden poltert, sein Mann solle "jetzt mal Stoff" geben. Seither ist der Deutsche eine Nummer im Geschäft. Mit dem Knockout-Sieg gegen Zhang avanciert Kabayel dann selbst zum "Bogeyman". Zur Schreckgestalt, der man lieber aus dem Weg geht.

"Wir sind doch kartoffeliger als die größte Kartoffel"

Als "großen Zeh Gottes" hat der amerikanische Schriftsteller und Pulitzer-Preisträger Norman Mailer den Weltmeister im Schwergewicht einmal bezeichnet. Das mag heute allzu pathetisch klingen. Ohne Zweifel aber umweht den Meister aller Klassen eine gewisse Aura, ein Mythos, zuweilen hat der Titel gar etwas Politisches. Das weiß auch Kabayel. In einer Zeit, in der das Thema Migration eine Konfliktlinie durch die deutsche Gesellschaft zieht, steht der Boxchampion voll in der Mitte und verkörpert so vieles: das ins Wanken geratene Versprechen, dass Aufstieg möglich ist. Dass sich harte Arbeit lohnt. Dass man entspannt stolz sein kann auf Deutschland - und genauso auf Wurzeln, die woanders liegen, in seinem Fall in Kurdistan. "Wir sind perfekte Beispiele für Integration", sagte Kabayel zu ntv Sport über sich und DFB-Star Deniz Undav, der mit seinen Toren bei der WM zurzeit Fußball-Deutschland glücklich macht. "Wir sind Deutschland extrem dankbar, was uns hier geboten worden ist, dass wir unseren Sport ausüben können, dass wir ein gutes Beispiel sein können für die Jugend. Völlig egal, welche Herkunft man hat. Man schafft Großes, kann Großes erreichen und darauf ist man stolz." Jetzt kann Deutschland stolz sein auf seinen zweiten Boxweltmeister im Schwergewicht. Ist es das?

Agit Kabayel ist am Ziel, "nach 16, 17 Jahren Arbeit", wie er in seinem Instagram-Video betonte. Und doch "geht es bei uns immer um die Frage nach dem nächsten Kampf", merkt Trainer Aksu an. Dieser Kampf betrifft das Boxen, aber eben auch den nach gesellschaftlicher Anerkennung. Diese wäre sicher einfacher gewesen, hieße das Duo Kabayel/Aksu Müller/Schulze. "Wir sind doch kartoffeliger als die größte Kartoffel", hat Aksu in einem Youtube-Video seines Schützlings einmal im Spaß gesagt. "Kurdish Power, German Discipline", lautet Kabayel Social-Media-Slogan. Disziplin, Präzision, Ausdauer, das Streben nach Weltklasse - Agit Kabayel geht tatsächlich als teutonisches Musterbeispiel durch. Fleischgewordene "deutsche" Tugenden. Kabayel aber ist ein "moderner" Teutone, einer des 21. Jahrhunderts, kein sagenhafter blonder. Für das "postmaterielle" Deutschland vielleicht sogar schon zu Deutsch. Die Gier, den Willen, es gegen die vielen, vielen Widerstände nach oben zu schaffen, dafür zu ackern wie ein Blöder, bis es wehtut - dieses einst "klassische" deutsche Aufstiegs-Narrativ steckt in vielen Geschichten "mit Migrationshintergrund". Kabayel verkörpert sie nun als Schwergewichts-Weltmeister. Für Deutschland, jedenfalls für sehr viele Deutsche.

Im Boxen gibt es einen Ehrentitel, der bisweilen wichtiger ist als die golden glitzernden WM-Gürtel der Drei-Lettern-Organisationen à la WBC. People's Champion. Champion des Volkes. Als Agit Kabayel seine erste Millionen-Börse verdient hatte, zog er nicht weg in ein Steuerparadies. Er blieb bei seinen Freunden in Wattenscheid und renovierte das elterliche Haus. Umfunktioniert zum Mehrgenerationenhaus wohnt der Weltmeister im Schwergewicht dort, wo das Herz des Ruhrpotts schlägt, mit Ehefrau, Töchterchen und den Eltern, die einst mit ein paar Koffern nach Deutschland kamen.

Verwendete Quelle: ntv.de