Zwei Kurden für Deutschland

"Extrem stolz": Undavs und Kabayels Traum von der WM

imageInterview: Martin Armbruster
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Während die DFB-Elf in Amerika um die WM spielt, könnte Agit Kabayel der erste deutsche Schwergewichts-Weltmeister seit Box-Ikone Max Schmeling werden. (Foto: IMAGO/Moritz Müller)
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22.06.2026 | 15:21 Uhr
Agit Kabayel ist drauf und dran, Deutschlands erster Schwergewichts-Weltmeister seit Max Schmeling zu werden. Sein Kumpel Deniz Undav entfacht derweil mit seinen Toren für die DFB-Elf WM-Euphorie. Ein Gespräch über Nationalstolz und Identität.

Wir erreichen Agit Kabayel auf der Gartenmesse in Köln. Der Schwergewichts-Boxer braucht noch ein paar Möbel für die Terrasse im heimischen Wattenscheid. Im Herzen des Ruhrpotts wohnt der 33-Jährige in einem Mehrgenerationenhaus mit Frau, Töchterchen und seinen Eltern. Hier ist sein Zuhause. In ein Steuerparadies auswandern, um die hart erkämpften Millionen-Börsen zu schonen, das kommt für den "Leberking" nicht infrage. "Wenn ich ein paar Wochen mal weg bin, will ich immer wieder nach Hause, nach Wattenscheid", sagt er.

Zuhause drückt er auch der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und seinem Kumpel Deniz Undav die Daumen. Deutschlands neuer "Bomber der Nation" hat wie Kabayel kurdische Wurzeln. Im Gespräch mit ntv Sport sagt Kabayel, welche Bedeutung Undavs Tore für die kurdische Gemeinschaft haben, warum sie ein gutes Zeichen für Integration sind, und warum man problemlos stolz sein kann auf zwei "Identitäten".

ntv Sport: Deniz Undav ist der Mann der Stunde. Gegen die Elfenbeinküste kommt er rein, schnürt einen Doppelpack und ganz Deutschland ist im Undav-Fieber. Sie kennen ihn gut, sind befreundet. Wie haben Sie sich gefühlt, als er das Spiel gegen die Ivorer entschieden hat?

Agit Kabayel: Extrem stolz. Extrem stolz auf ihn. Wir haben die gleiche Herkunft, sind Migrationskinder, beide Kurden, die Deutschland repräsentieren. Das macht einen schon sehr stolz, wenn man sieht, dass er solche Leistungen bringt. Und es freut mich, dass wir in Deutschland wieder auf einem guten Weg sind, was Integration angeht. Dass wir alles vernünftig machen und dass gewisse Themen auch mal anerkannt werden. Das ist sehr wichtig. Deniz legt jetzt vor, denn der Fußball hat natürlich eine enorme Reichweite. Wir sind extrem stolz auf ihn.

Sie kennen sich im Fußball sehr gut aus. Was zeichnet Deniz Undav als Fußballer aus?

Er macht nicht viel Schnickschnack. Er macht das, was er kann und das macht er am besten. Er ist einfach ein sehr guter Stürmer. Er kann sich gut fallen lassen, um auch mal Bälle aus dem Mittelfeld zu holen. Was er macht, macht er perfekt. Sein Stellungsspiel ist überragend, da gibt es keinen, der ihm was vormacht. Er kann den Ball überragend halten, 'verstecken'. Und dann natürlich Annahme und Abschluss. Er weiß ganz genau, schon bevor der Ball bei ihm ist, wo er hingehen wird.

Gerd Müller auf kurdisch ...

(lacht) 100 Prozent. Er hat uns wirklich sehr stolz gemacht. Wir hoffen, dass wir dieses Jahr eine Doppel-WM feiern: Agit Kabayel, Weltmeister im Schwergewicht und Deutschland Weltmeister im Fußball.

Welche Bedeutung haben Sie und Deniz Undav für die kurdische Gemeinschaft in Deutschland?

Ich glaube, wir machen viele Leute sehr stolz. Und es ist doch einfach schön. Wir sind perfekte Beispiele für Integration. Ich denke, ich kann auch für Deniz reden, wenn ich sage: Wir sind Deutschland extrem dankbar, was uns hier geboten worden ist, dass wir unseren Sport ausüben können, dass wir ein gutes Beispiel sein können für die Jugend. Völlig egal, welche Herkunft man hat. Man schafft Großes, kann Großes erreichen und darauf ist man stolz.

Aber jetzt kann Deutschland doch auch mal Ihnen dankbar sein oder nicht?

Ja klar. Es ist ein Geben und Nehmen. Wir haben uns so gut integriert in diesem Land, machen sehr, sehr viel. Ein bisschen mehr Anerkennung würde nicht schaden. Bei Deniz wird das sicher etwas schneller laufen, weil er Fußballer ist. Ich hänge da ein bisschen in der Warteschleife und bin seit Jahren etwas am kämpfen. Man muss sehen: Wir reden von fast 100 Jahren, in denen wir keinen Weltmeister im Schwergewicht mehr hatten. Jetzt sind wir so nah dran, wie noch nie und nur wenige berichten darüber.

Agit Kabayel wartet. Auf Oleksandr Usyk. Und auf den Weltverband WBC. Der hat dem ukrainischen Box-Meister aller Klassen eine Frist gesetzt. Bis Ende Juni muss Usyk Butter bei die Fische geben, ob er den Weltmeister-Gürtel gegen Interims-Champion und Pflichtherausforderer Kabayel verteidigt. Tut er das nicht, müsste der WBC Usyk den Titel eigentlich entziehen und den Mann aus Wattenscheid zum Weltmeister erklären. Deutschland hätte dann den ersehnten Nachfolger von Faustkampf-Ikone Max Schmeling, der von 1930 bis 1932 Weltmeister war.

Sicher ist das alles noch nicht - auch, weil man beim WBC um Präsident Mauricio Sulaiman nie so recht weiß. Kabayel hält sich bedeckt. In dieser Woche finden wieder Gespräche mit dem WBC statt, verrät der Revierkämpfer, danach wisse er vielleicht mehr. Am liebsten wäre ihm natürlich ein Kampf gegen Usyk. Aber wenn dieser nicht wolle - "dann muss der Interims-Weltmeister eigentlich zum vollwertigen Weltmeister hochgestuft werden". Für Kabayel heißt es weiter abwarten und Chai trinken.

Sie wirken immer sehr entspannt, wenn es um Themen wie Herkunft, Nationalstolz oder Patriotismus geht, wirken wie ein fröhlicher Patriot aus dem Pott, der schon immer für Mulitkulti steht. Ist es nicht selbstverständlich, dass man gleichzeitig stolz auf Deutschland sein kann, aber genauso stolz auf die - in Ihrem Fall - kurdischen Wurzeln und diese stolze und jahrhundertealte Kultur?

Man kann stolz auf sein Land und seine Herkunft sein. Das Wichtigste ist, dass man kein Faschist ist. Man soll stolz darauf sein, wo man herkommt, seine Identität meiner Meinung nach auch nicht leugnen. Aber: auch stolz sein, dass man ein Teil Deutschlands ist. Wie viele Beispiele haben wir gehabt, dass Fußballer für die deutsche Nationalmannschaft gespielt haben, und dafür fertig gemacht wurden, weil sie für Deutschland kicken, und nicht für 'ihr' Land, das Land ihrer Eltern. Man muss sehen, wie viel uns das Land hier geboten hat, wie viel uns geebnet wurde, dass wir unseren Weg gehen konnten. Da muss man einfach dankbar sein.

Mit Agit Kabayel sprach Martin Armbruster

Verwendete Quelle: ntv.de