Sport

EM-Klatsche nervt Handballer Das war richtig, richtig schlecht

Wie lässt sich der erschreckend schwache Auftritt der deutschen Handballer gegen Spanien erklären? Dafür braucht auch der Bundestrainer Zeit. Er muss nun aber schnell große Problemfelder bearbeiten, sonst könnte die EM zum Desaster werden.

Hendrik Pekelers Blick wurde deutlich aggressiver, die Augen funkelten. Vermutlich hatte der Abwehrchef der deutsche Handballer befürchtet, dass ihm diese Frage gestellt werden würde, weil sie gestellt werden musste. "Nein", sagte er bestimmt und die Mimik verdeutlichte die Klarheit dieses einen Wortes. Pekeler war gefragt worden, ob sich aus der Niederlage gegen die Spanier Parallelen zur Europameisterschaft vor zwei Jahren ableiten lassen. Bei der EM in Kroatien beendeten die Deutschen das Turnier mit einer in der Art und Weise blamablen Pleite gegen Spanien. Im Ergebnis wiederholte sich die Geschichte an diesem Samstag in Trondheim, allerdings nicht in der Tragweite.

Nach der 26:33-Pleite ist die EM für die Auswahl des Deutschen Handballbundes noch nicht beendet - und die Gründe waren andere. "Die Spanier waren auf jeder Position besser als wir", urteilte Uwe Gensheimer. Der Kapitän der Nationalmannschaft schlich mit gesenktem Kopf aus dem Spektrum in Trondheim, vor und hinter ihm taten es ihm die Kollegen gleich. Die Enttäuschung und der Frust der deutschen Spieler war greifbar, was daran lag, dass Anspruch und Wirklichkeit im zweiten Gruppenspiel meilenweit voneinander entfernt waren.

"Das Ergebnis passt zu 100 Prozent, wir waren sechs bis zehn Tore schlechter", fasste Bob Hanning zusammen. Dem DHB-Vizepräsidenten fehlte wie jedem im Lager der deutschen Handballer eine Erklärung für den schwachen Auftritt aller. "Wir haben keinen Leistungsträger gehabt, der sein Niveau erreicht hat." Unter dem Strich lässt sich der Auftritt gegen die Spanier einfach beschreiben: er war richtig, richtig schlecht. Im Gegensatz zu der Niederlage vor zwei Jahren in Varazdin gegen den gleichen Gegner lagen die Gründe dafür aber nicht in einem gestörten Verhältnis zwischen den Spielern und Bundestrainer Christian Prokop, sondern im mangelnden Vertrauen in sich selbst. Dem Team fehlte gegen den Titelverteidiger schlichtweg der Mut.

"Es war das Worst-Case-Szenario"

"Wenn du nicht mit 100 Prozent auf die Abwehr draufgehst, sondern nur Alibi-Kreuze spielen willst, dann ist das genau das, was die Spanier haben wollen. Und genau das haben wir heute geliefert", erklärte Pekeler. Der Abwehrchef war mit fünf Toren erfolgreichster Werfer, blieb aber trotzdem wie die Kollegen unter dem eigenen Niveau. "Es ist jetzt so wie es ist: Eine Katastrophe - das Ergebnis." Er und seine Kollegen wirkten vor dem Spiel sehr konzentriert und entschlossen. Sie wollten mit einem Sieg über Spanien eine Botschaft an die Konkurrenz und an sich selbst senden, dass bei dieser EM mit ihnen zu rechnen ist.

f2d23f1523719403a04b6f4978d0bd8d.jpg

"Eine Katastrophe - das Ergebnis": Hendrik Pekeler.

(Foto: via REUTERS)

Ihnen war bewusst, dass sie mit einem Erfolg die Chance auf die Halbfinal-Qualifikation erheblich vergrößern können - die Nationalspieler waren sichtlich bis in de Haarspitzen motiviert. Vielleicht liegt darin ein Grund für die haarige Anfangsphase, die zu einem 1:6-Rückstand nach nicht einmal zehn Minuten führte. Drei Fehlabspiele leisteten sich die Deutschen in dieser Phase, drei klare Chancen ließen sie ungenutzt. "Es war das Worst-Case-Szenario, dass man so in das Spiel reinkommt und so viele Würfe liegen lässt", sagte Keeper Johannes Bitter.

Letztlich griff dadurch die Verunsicherung wie ein Bazillus um sich. Die Deutschen, so der Eindruck, wollten zu viel, verlangten von sich selbst zu viel und wurden von stark und cool aufspielenden Spaniern dafür hart bestraft. Mit einem erwartbaren Sieg am Montag (ab 18.15 Uhr im Liveticker bei ntv.de und im ZDF) gegen den krassen Außenseiter Lettland dürften sich die Deutschen für die Hauptrunde qualifizieren, werden dann aber mit null Punkten in die zweite Turnierphase starten. Die ursprüngliche Zielsetzung Halbfinale wird dadurch schwieriger zu erreichen sein, aber sie ist auch nicht unmöglich geworden. "Nein, die Ziele muss man nicht abhaken", sagte Prokop: "Wir haben heute aufgezeigt bekommen, dass wir, wenn es nicht richtig läuft, schon Probleme haben."

bdd26c303f32c726e4d1a877fe028043.jpg

"Schnell wieder die Köpfe hoch bekommen": Uwe Gensheimer.

(Foto: imago images/PanoramiC)

Es bedarf deshalb einer klaren Analyse des schwachen Auftritts, um im Turnier noch einmal Schwung bekommen zu können. "Ich hoffe, dass wir ehrlich zueinander sind", forderte Hanning. Wenn das passiert, bietet die Klarheit der Niederlage gleichzeitig die Chance, einen Schritt nach vorne zu kommen. Möglicherweise kann sich das Team zusammenraufen und enger zueinanderfinden. "Wir müssen wieder aufstehen", forderte Kapitän Gensheimer: "Es gab auch in anderen Turnieren Niederlagen in der Vorrunde. Wir müssen schnell wieder die Köpfe hoch bekommen, um in den nächsten Partien eine bessere Leistung zu zeigen." Die deutschen Handballer liegen, in der Boxer-Sprache ausgedrückt, nach einem Wirkungstreffer auf dem Boden - aber sind noch nicht K.o. gegangen.

Wer noch einmal detailliert lesen möchte, wie dieses zweite EM-Spiel der deutschen Handballer gegen die aus Spanien in Trondheim verlief, dem sei der Live-Ticker des Kollegen Till Erdenberger ans Herz gelegt.

Quelle: ntv.de