Sport

Läuferinnen wie Klosterhalfen Fatales Ideal: Ist nur dünn auch schnell?

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Konstanze Klosterhalfen ist dünn. Sie bestreitet aber eine Mangelernährung.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Wer Läuferinnen wie Konstanze Klosterhalfen anschaut, denkt schnell an Magersucht. Die 23-Jährige ist erstaunlich dünn und ebenso schnell. Sie selbst schiebt das Tabuthema weit von sich. Andere Athletinnen aber warnen vor den Folgen - weil sie selbst unter ihnen leiden.

Dünne Ärmchen, kaum Busen und Po, hervorstehende Knochen: Viele Mittel- und Langstreckenläuferinnen der Weltklasse haben scheinbar jedes Gramm Fett wegtrainiert. Die Debatte um ungesundes Hungern schwelt in der Leichtathletik schon länger - geredet wird hinter vorgehaltener Hand. Neu ist, dass sie nun auch öffentlich geführt und vor Spätfolgen gewarnt wird.

Als im vergangenen Jahr Dopingvorwürfe gegen den amerikanischen Startrainer Alberto Salazar vom Nike Oregon Project aufkamen, gab es danach die nächste Anklage von Mary Cain: Die ehemalige Salazar-Athletin, einst das größte US-Lauftalent, sagte der "New York Times", sie sei bei dem Coach "körperlich und geistig misshandelt" und systematisch zum Abnehmen gedrängt worden. Die Folgen: Über drei Jahre sei ihre Periode ausgeblieben, sie habe fünf Knochenbrüche erlitten. Salazar bestreitet Dopingvorwürfe, sagte aber zum Thema Gewichtsreduzierung: "Vielleicht muss sich das ändern."

Klosterhalfen: 48 Kilogramm bei 1,74 Meter

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Corinna Harrer weiß, wie groß der Druck des vermeintlichen Ideals ist.

(Foto: imago/Beautiful Sports)

Dass es bei Salazar "so krass abging, war ja nie ein Geheimnis", sagte Corinna Harrer, die mehrfache deutsche Meister auf den Mittel- und Langstrecken. Das Gewichtsthema, so die 29 Jahre alte Regensburgerin in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung", sei in Läuferkreisen seit einer Weile ein großes: "Ich habe schon das Gefühl, dass es ein vorherrschendes Ideal gibt: Wenn du erfolgreich sein willst, musst du dünn sein. Beziehungsweise: Wenn du drei Kilo zu viel hast, bist du schlecht. Das hat es früher so extrem nicht gegeben."

Noch aktive Läuferinnen sprechen sehr selten in Interviews über das Thema. Konstanze Klosterhalfen, die beim früheren Salazar-Assistenten Pete Julian in den USA trainierende Leverkusenerin, sagte vor der WM im Oktober in Doha dem "Spiegel": "Wenn man nicht genug isst, hätte man ja gar nicht die Energie, um auf so einem hohen Niveau Sport zu machen oder nach einer hohen Belastung schnell zu regenerieren. Das würde nicht funktionieren." Ansonsten ist das Thema - nicht nur bei der 48 Kilo leichten und 1,74 Meter großen Bronzemedaillengewinnerin über 5000 Meter - irgendwie tabu. Womöglich zurecht, nur sie selbst wird wissen, ob ihr Körperbau nicht einfach ihre normale Konstitution ist. "Konstanze und viele andere kriegen es offenbar hin, so viel zu essen, dass es reicht, aber die Frage ist ja schon: Wie viel ist gesund? Das ist eine ganz andere Frage wie: Wie viel Essen macht mich erfolgreich?", sagte Harrer.

95 Prozent der Betroffenen sind Frauen

"Je stärker die Gewichtsoptimierung ausgereizt wird, desto stärker verändert sich der Hormonspiegel", erklärte die frühere Handball-Nationalspielerin und heutige Sportmedizinerin Petra Platen von der Ruhr-Universität Bochum im "Spiegel". "Im Hochleistungssport, in Sportarten, in denen Körpergewicht ein entscheidender Leistungsfaktor ist, kann das System schnell kippen." Das weibliche Geschlechtshormon Östrogen stimuliere auch das Knochensystem. Bei einem Mangel könne sich eine Osteoporose entwickeln, daraus wiederum eine Stressfraktur.

Sportlerinnen mit Essstörungen haben seit 2018 eine offizielle Anlaufstelle: An der Universität Tübingen bietet Christine Kopp eine Sprechstunde für Kadersportler an - für das "relative Energiedefizit im Sport, im Fachbegriff RED-S". Essstörungen im Leistungssport seien "ein ernstzunehmendes Phänomen geworden", sagte die Sportmedizinerin in einem Interview des Fachblatts "Leichtathletik". Das gilt natürlich auch für andere Sportarten - wie zum Beispiel die Rhythmische Sportgymnastik.

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Yvonne van Vlerken leidet heute unter den Folgen ihrer Mangelernährung.

(Foto: imago images / VI Images)

95 Prozent der Betroffenen seien Frauen. Das Ausbleiben der Regelblutung - teilweise über Jahre hinweg - sei eine Begleiterscheinung. Dazu: Ermüdungsfrakturen, Depressionen und häufige Infekte. In besonderen Fällen lege sich der ausgemergelte Körper die von Babys bekannte Lanugo-Behaarung als Schutz vor Kälte zu. Zudem können anhaltende Hormonstörungen eine ganze Lebensplanung verändern - weil sie die Fruchtbarkeit beeinträchtigen können. Ab einem Bodymaßindex von 17, erklärte Kopp, sollte man aufmerksam werden. Klosterhalfens liegt bei 15,9. Als normal gilt bei Frauen ein Wert zwischen 20 und 24. Platen sieht die Gewichtsreduzierung nicht grundsätzlich negativ - "nur muss es praktisch so geschehen, dass es praktisch gerade noch gesund ist".

"Symptome von vorzeitigen Wechseljahren"

Erstaunlicherweise können untergewichtige Läuferinnen trotzdem Weltklasse-Leistungen bringen. Der Verdacht von Magersucht kommt bei Experten und Zuschauern schnell auf angesichts von spindeldürren Ausdauerspezialistinnen. "Ja, man kann mit leerem Kühlschrank Weltklasse werden. Die Frage ist allerdings, wie lange der Körper dies dann mitmacht", betonte Kopp. Viele Athletinnen trainieren regelmäßig mit leerem Magen. Yvonne van Vlerken rät dringend von dem "vielen Nüchterntraining" ab. Die 41 Jahre alte Niederländerin, die inzwischen ihre Karriere beendet hat, war über viele Jahre Weltklasse im Triathlon - also auch Marathon-Spezialistin. In einem ungewohnt offenen und persönlichen Bericht auf "tri-mag.de" hatte van Vlerken Ende vergangenen Jahres von "Frauensachen" berichtet: "Mit dem Ziel, mal Aufmerksamkeit für dieses Thema zu kriegen, Mädels zu informieren und Tabus zu durchbrechen."

Die frühere Weltrekordhalterin und dreimalige Siegerin des Ironman von Roth warnte, dass das Ausbleiben der Menstruation "definitiv nicht okay" ist und unschöne Konsequenzen haben könne. Offen sprach sie über sexuelle Unlust als Folge der Dysbalance der Hormone, die bei ihr nach der langen Karriere "auf dem Kopf" stünden. "Hätte ich das alles gewusst, was ich jetzt weiß, hätte ich vieles anders gemacht. Dann hätte ich vielleicht in den vergangenen Jahren viele Schwimmeinheiten über Nacht nicht im Bett gehabt, denn Hitzewallungen und Schweißausbrüche sind die ersten Symptome von vorzeitigen Wechseljahren", sagte Vlerken über die schweißnassen Nächte. "Auch darüber wird ja nie gesprochen."

Quelle: ntv.de, Ulrike John, dpa

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