Maly sagt WM-Start freiwillig abIm deutschen Eisschnelllauf fliegen heftig die Fetzen

Die Krise in der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft weitet sich aus. Ein Sportler rebelliert offen gegen die Verbandsführung und sagt seinen Start bei der WM ab. Der Boss wehrt sich vehement gegen die Vorwürfe.
Bescheiden sind sie nicht gerade, die Hausherren im Thialf. "Hier schlägt das weltweite Herz des Eisschnelllaufs", heißt es in der Selbstbeschreibung des Eisstadions von Heerenveen. Hier werden "Legenden geboren". Und tatsächlich: Was Wimbledon für die Tennisprofis oder Wembley für die Fußballer ist, das ist das Oval in Friesland für alle Eisschnellläufer. Wenn hier eine WM vor Tausenden fanatischen Oranje-Fans stattfindet, wollen sie alle dabei sein.
Umso bemerkenswerter sind die Zeilen, die der Deutsche Felix Maly am Dienstag schrieb. Er habe seinem Verband mitgeteilt, eine mögliche Nominierung "nicht wahrzunehmen". Maly verzichtet auf das Erlebnis Thialf, auf ein Highlight in seinem Leben als Leistungssportler, aus Solidarität zu seinem Teamkollegen Fridtjof Petzold, denn der bangt nach seiner Suspendierung durch die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) um die Fortsetzung seiner Karriere.
Fragwürdiges Verständnis von Pressefreiheit
Malys Startverzicht ist der vorläufige Höhepunkt einer Krise, die längst mehr ist als eine Verbandsposse. Für Mittwoch stand das Thema auf der Tagesordnung im Sportausschuss des Bundestages, das für den Sport zuständige Bundeskanzleramt sollte vor den Abgeordneten Stellung beziehen. Die DESG und ihr Präsident Matthias Große stehen nach einem ARD-Bericht während der Olympischen Spiele unter Druck, Große wehrte sich vehement - mit fragwürdigem Verständnis von Pressefreiheit.
Das Getöse um den Ausschluss der Journalisten Hajo Seppelt und Jörg Mebus von einer DESG-Pressekonferenz überlagerte in der vergangenen Woche das Schicksal, das Fridtjof Petzold droht. Der hatte in Mailand von strukturellen Defiziten im Verband gesprochen und mangelnde Betreuung kritisiert. Das brachte ihm Großes Zorn ein. "Dann kommt jemand, der keine Leistung bringt, der sich nicht an die Regeln hält, stellt sich vor die Kamera und pestet", sagte der Präsident.
Die Konsequenz: Petzold verpasst nach einer vorläufigen Sperre die WM. Schlimmer noch: Sein Status als Bundeskaderathlet ist ausgesetzt. Für den unabhängigen Verein Athleten Deutschland ein unhaltbarer Zustand. "Athletinnen und Athleten müssen Kritik üben können, ohne dadurch ihre Kaderzugehörigkeit zu riskieren. Das Verhalten der DESG sendet das gegenteilige Signal - wer Probleme anspricht, wird eingeschüchtert und im Zweifel rausgeworfen", sagte Geschäftsführer Johannes Herber.
Keine Einzelfälle
Für Felix Maly ist klar: "Als Leistungssportler bin ich auf faire, transparente und verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen. Dazu gehört für mich auch die Möglichkeit, Missstände oder Kritikpunkte anzusprechen, ohne befürchten zu müssen, dadurch sportlich benachteiligt zu werden." Schweren Herzens folgte daher sein Verzicht. "Die Entscheidung des Verbandes gegenüber meinem Teamkollegen Fridtjof Petzold hat mich persönlich und sportlich stark beschäftigt", sagte er.
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wollte zu den Entwicklungen keine Erklärung abgeben, nach Informationen des Sportinformationsdienstes hat er die DESG zu einer Stellungnahme aufgefordert. Der Dachverband beruft sich auf die im Grundgesetz verankerte Verbandsautonomie. Für Hendrik Dombek, Athletensprecher in der DESG und Präsidiumsmitglied bei Athleten Deutschland, greift das allerdings zu kurz: "Die Verbandsautonomie darf künftig nicht mehr als Schutzschild für Fehlverhalten herhalten."
Zumal die Vorwürfe aus der ARD-Doku und von Petzold laut der Athletenvertretung keine Einzelfälle sind. "In den vergangenen Jahren haben sich wiederholt Eisschnellläuferinnen und Eisschnellläufer an uns gewandt und auf Fehlentwicklungen in der DESG hingewiesen", teilte der Verein mit. Hoffnung auf ein faires Verfahren für Petzold haben die Athleten nicht, da in der Disziplinarkommission der DESG, die über mögliche Sanktionen entscheidet, "ausgerechnet jene Personen vertreten sind, die Gegenstand der Kritik sind".