Luke Littler ging lieber zum Boxen. Während sich die Konkurrenz für die EM in Dortmund einwarf, schwänzte der Darts-Weltmeister die Generalprobe in den Niederlanden und schaute beim Kampf des britischen Schwergewichtsstars Daniel Dubois in London vorbei. Auf die nächsten Anfeindungen hatte Littler schlicht keine Lust, sein Heldenstatus als umjubeltes Wunderkind hat Risse erlitten.
"Es hat einfach keinen Sinn, dass ich anreise und meine Zeit verschwende, während ich ausgebuht werde", hatte Littler zuletzt geschimpft und einen Boykott angekündigt. Bei den World Series Finals in Amsterdam Ende September war dem 19-Jährigen der Zorn der Zuschauer entgegengeschlagen - nicht zum ersten Mal. Also zog Littler Konsequenzen, das letzte Turnier der European Tour in Maastricht am vergangenen Wochenende ließ er sausen.
Ein Titel, der ihm noch fehlt
In der Dortmunder Westfalenhalle steht Littler wieder am Oche. Ab Donnerstag (19 Uhr/Sport1 und DAZN) wird dort das Saisonfinale der European Tour ausgespielt. Littler startet am Freitag gegen den Iren William O'Connor ins Turnier. In seiner Sammlung fehlt dieser Majortitel noch, als einziger neben dem Sieg bei den European Open in Salzburg, die im kommenden Jahr erstmals ausgetragen werden.
Der Titelhunger ist einer der wenigen Gründe für Littlers Gastspiel in Germany. Turnierteilnahmen hierzulande sind zu einer Ausnahme geworden, die macht er meist für große oder lukrative Events: neben der Premier-League-Station in Berlin, der Team-WM in Frankfurt oder ebenjener EM auch für eine Gala in Köln kurz vor der WM im Dezember. Auf die sechs deutschen Turniere der European Tour in diesem Jahr verzichtete Littler.
Littler nimmt das persönlich
Den Ursprung hat sein Boykott in München. Bei einem Turnier der European Tour im vergangenen Jahr wurde Littler derart ausgepfiffen, dass ihm schlicht die Lust verging. Es folgten vergleichbare Erfahrungen, wie zuletzt in Amsterdam. Die Fans wollen die unantastbare Nummer eins verlieren sehen - und Littler nimmt das persönlich. In seiner Heimat erfährt der zweimalige Weltmeister noch viel Liebe, aber auch dort ist er nicht mehr unumstritten. Mehrere Arroganz-Anfälle wie Gesten gegenüber Gegnern überschatten das Bild des Teenagers, der die Dartswelt so sensationell eroberte.
"Es wird ihm auf Dauer mehr schaden, als dass es ihm einen Gefallen tut", sagt Werner von Moltke, Geschäftsführer der PDC Europe im Interview mit dem Sportinformationsdienst: "Wenn jemand Multimillionär ist oder ein privilegiertes Leben führt und sich dann recht empfindlich zeigt, ist das nie hilfreich. Da erwartet man, dass die ein bisschen was aushalten können."
Derzeit führt Littlers Weg aber zum Bad Boy der Szene, wie es der Australier Paul Nicholson oder Ex-Weltmeister Gerwyn Price (Wales) einmal waren. "Ich will einfach nur Darts spielen - und natürlich Autogramme geben", beteuerte Littler. In Dortmund könnten die nächsten Pfiffe warten.


