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Kickboxer verpasst SensationNur ein "ganz schlechter Witz" hält Usyk auf dem Box-Thron

24.05.2026, 09:28 Uhr
imageVon Martin Armbruster
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Oleksandr Usyl (l.) steckte gegen Kickbox-Idol Rico Verhoeven reichlich ein, ehe er mit einem glücklichen Sieg davonkam. (Foto: dpa)

Oleksandr Usyk geht gegen Kickbox-Idol Rico Verhoeven als haushoher Favorit in den Kampf. Vor den Pyramiden von Gizeh erlebt der Schwergewichts-Pharao aber beinahe sein blaues Wunder. Am Ende steht ein umstrittener Sieg mit einem dicken "G'schmäckle".

"I hope I can find my words so I can eat them", sagte Box-Ikone George Foreman einmal, als er mit einer Kampfprognose für den US-Sender HBO voll daneben gehauen hatte. Ihre Worte finden müssen heute auch viele Kritiker - den Autor dieser Zeilen eingeschlossen -, die Oleksandr Usyks Kampf an den Pyramiden von Gizeh gegen Kickbox-Idol Rico Verhoeven als sportlich wertlose Schau abgetan haben.

Usyk ist nach einem spektakulären Kampf in Ägypten zwar weiterhin Weltmeister im Schwergewicht. Aber der Ukrainer ist dies nur dank eines höchst umstrittenen Abbruch-Siegs über Verhoeven, der erst seinen zweiten Profikampf nach Boxregeln bestritt, den ersten seit 2014. Dass Verhoeven im Kickboxen "eine glatte Eins" ist, "der beste schlechthin, der beste wahrscheinlich ever im Schwergewicht", wie DAZN-Experte Bernd Bönte anmerkte, wusste man zwar. Dass der Holländer aber Ausnahmekönner Usyk gefährlich werden könne -, das hielten eigentlich alle für unmöglich. Verhoeven hat sie Lügen gestraft.

"Wollt ihr mich verarschen?!"

Mit seinem unorthodoxen Stil machte der 36-jährige Außenseiter dem Weltmeister das Leben schwer und bestimmte sensationell einen Großteil des auf zwölf Runden angesetzten Gefechts. Usyk wirkte wie ein Schatten früherer Tage, in denen er Tyson Fury und Anthony Joshua je zweimal vermöbelt hatte. Von seiner einzigartigen Beinarbeit, den Finten, den Schlagwinkeln, war kaum etwas zu sehen. Der 39-Jährige sah zum ersten Mal in seiner Karriere alt aus. Zwei Punktrichter werteten den Kampf nach zehn Runden remis, einer hatte Verhoeven knapp in Front. Viel zu knapp nach Ansicht der meisten Beobachter. Die "World Boxing News" etwa sahen die Kickbox-Legende mit 7:3-Runden (97:93) vorne, Mike Coppinger, Reporter der Box-Bibel "The Ring", gab Usyk zwei, "maximal" drei Runden. Eine der größten Sensationen der jüngeren Boxgeschichte lag vor den Pyramiden von Gizeh in der Luft - und eine Blamage für den Meister aller Klassen.

Doch dann kam Runde elf. Usyk besann sich seiner Stärken, machte Druck und Tempo, deckte seinen Herausforderer mit harten Händen ein. Gegen Ende des Durchgangs schickte er Verhoeven mit einem mustergültigen rechten Aufwärtshaken zu Boden, drosch dem Niederländer dabei den Mundschutz heraus. Ringrichter Mark Lyson zählte den Kickbox-Veteran an, der auf wackeligen Beinen in seine Ecke torkelte. Das Schiedsgericht stoppte die Uhr, damit sich Verhoeven seinen Mundschutz einstecken konnte. Als der Ring wieder frei war, legte Usyk nach. Praktisch mit Ertönen der Glocke sprang Lyson plötzlich dazwischen und winkte überraschend zum Feierabend: Technischer Knock-out. "Unfassbar. Das ist ein Witz und zwar ein ganz schlechter. Das ist absolut nicht in Ordnung", kritisierte der langjährige Klitschko-Manager Bönte im Live-Kommentar für DAZN: "Man kann nicht sagen, dass Verhoeven verteidigungsunfähig war, und das ist das Kriterium. Das ist echt lachhaft."

"Also ganz ehrlich, das ist das Krankeste, was ich je gesehen habe. Rico gewinnt jede Runde, und in dem Moment, in dem der Ringrichter sieht, dass er's beenden kann, bricht er den Kampf ab - wollt ihr mich verarschen?!", polterte Box-Promoter und Influencer Jake Paul auf X: "Ich bin der größte Usyk-Fan, aber Bruder, den Kampf hast du verloren."

Verhoeven wird für Kabayel zum Problem

Lyson raubte Verhoeven die Chance, sich in der einmütigen Pause auf dem Schemel zu sammeln und womöglich zurückzukommen. Und er raubte den Zuschauern eine sicherlich spektakuläre Schlussrunde. Von Usyks 25. Sieg im 25. Profikampf bleibt ein dickes, fettes G'schmäckle - das Deutschlands Schwergewichts-Hoffnung Agit Kabayel die Tour vermasseln könnte. Der 33-Jährige aus Bochum war zu den Pyramiden gereist, um persönlich sein Recht auf einen Kampf gegen Usyk einzufordern. Die WM-Chance steht Kabayel als Interims-Weltmeister des Verbandes WBC seit geraumer Zeit zu.

Im Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft kletterte der "Leberking" aus Wattenscheid am Nil in den Ring. "Ich habe so lange auf diesen Kampf gewartet. Ich bin bereit, und ich glaube, Deutschland ist bereit für diesen Kampf. Lass es uns in einem deutschen Stadion machen. Ich denke, das wollen alle Fans", sagte Kabayel. Usyk antwortete kurz angebunden: "Lass es uns machen, kein Problem." Er blieb allerdings vage. Der Ball liege beim saudischen Box-Mogul Turki Al-Sheikh, auch eine Revanche gegen Verhoeven sei möglich.

Verhoeven wird für Kabayel somit zum Problem. Nach dem umstrittenen Ende in der Wüste schreit die Boxwelt nach einem Rematch zwischen Box- und Kickbox-König. Kabayel könnte erneut in die Röhre gucken und auf seiner langen Bank des Wartens hocken bleiben. Letztlich wird Al-Sheikh mit seinen Millionen aus dem saudischen "Public Investment Fund" bestimmen, wohin die Reise geht. Der Boss der "General Entertainment Authority" von Kronprinz Mohammed bin Salman hat auch die gigantomanisch anmutende Show zu Fuße der Pyramiden von Gizeh bezahlt. "Turki Al-Sheikh hat das Scheckbuch", betonte Kabayels Manager Spencer Brown. Und dieser Al-Sheikh wünschte sich noch in Ägypten einen zweiten Teil mit Usyk und Verhoeven - diesmal in den Niederladen. Eine schlechte Nachricht für Kabayel.

Usyk berichtet von erschütternder Nachricht

Der enttäuschte Verhoeven zeigte nach seiner Niederlage Größe und verzichtete auf krawallige Ansagen. "Ich fand, der Kampf wurde zu früh abgebrochen", sagte er bei DAZN. Er sei aber "super stolz auf meine Leistung, und hoffentlich nimmt mich die Boxwelt als Boxer an". Usyk tat dies, lobte Verhoeven als großen Gegner und sprach von einem "harten Kampf".

Während sich die Box-Experten nach dem Pyramiden-Spektakel die Frage stellen, ob der auf die 40 zugehende Usyk "über Nacht" gealtert ist, offenbarte der Ukrainer, dass sich die härteste Schlacht in seinem Kopf abspielte. "Jetzt, in diesem Moment, wird die Ukraine bombardiert, mein Land, meine Leute. Meine Leute sitzen in Bunkern, meine Familie", kommentierte er die schweren russischen Luftangriffe auf Kiew und berichtete von einer erschütternden Nachricht: "Meine Tochter hat mir geschrieben: 'Papa, ich liebe dich, du gewinnst. Ich habe Angst.' Ich sagte mir: 'Oh, mein Gott.'" Am Ende habe er seinen Job erledigt, sagte der Weltmeister: "Danke, Gott."

Quelle: ntv.de

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