Christian Prudhomme stand vor dem Brandenburger Tor und staunte nicht schlecht. Die historische Kulisse, die Schauplatz des Grand Départ der Tour de France 2029 werden könnte, aber auch das tonnenschwere Gastgeschenk der deutschen Bewerber verblüffte den Direktor der Frankreich-Rundfahrt. "Üblicherweise erhalten wir bei solchen Anlässen Schokolade oder eine gute Flasche Wein", sagte Prudhomme und zeigte stolz auf das Andenken aus der Bundeshauptstadt: "Hier wurde uns ein Stück der Berliner Mauer überreicht. Das ist wirklich außergewöhnlich."
Prudhomme und sein Generaldirektor Yann Le Moënner waren als Vertreter des Tour-Veranstalters Amaury Sport Organisation (A.S.O.) nach Berlin gereist. Drei Tage nach dem Ende der 113. Austragung in Paris nahmen sie offiziell die vielversprechende Bewerbung für den insgesamt fünften Tour-Start in Deutschland entgegen. "Le vélo, c'est la liberté - Freiheit in Bewegung", steht auf dem Bewerbungsbuch, das im Beisein hochrangiger Vertreter aus Politik, Sport, Wirtschaft und Diplomatie übergeben wurde.

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Berlin lässt sich nicht "auf einen späteren Zeitpunkt verschieben"
Das wichtigste Radrennen der Welt soll 2029 - 40 Jahre nach der Friedlichen Revolution und dem Fall der Berliner Mauer - nach Berlin und Mitteldeutschland geholt werden. Unterstützt wird die Bewerbung vom Bund sowie den Ländern Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Vergabeentscheidung trifft allein die A.S.O., voraussichtlich Anfang 2027.
"Die Bewerbung, die uns heute überreicht wurde, ist zweifellos äußerst attraktiv. Wir werden sie mit größter Aufmerksamkeit prüfen. Es ist ein äußerst überzeugendes Projekt", sagte Prudhomme. "Die Tour de France war immer dort zu Hause, wo Geschichte geschrieben wird - echte, große Geschichte. Sollte die Tour im Jahr 2029 tatsächlich in Berlin starten, dann wäre sie Teil eben dieser Geschichte."
Man erhalte viele Bewerbungen für den Grand Départ, ergänzte er. "Der Unterschied zur deutschen Bewerbung besteht darin, dass sie zeitlich eng mit dem historischen Jubiläum des Mauerfalls verknüpft ist. Dieser symbolische Bezug lässt sich nicht einfach auf einen späteren Zeitpunkt verschieben", meinte Prudhomme.
Die Ministerpräsidenten der Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner hörten gut zu, wenngleich Prudhomme in seiner Muttersprache redete. Als man zuvor im Reichstagsgebäude zusammengekommen war, hatte man die positiven Signale der A.S.O. aber deutlich vernommen.
Tour-Start schon viermal in Deutschland
Die deutsche Politik warb bei der französischen Delegation für ihre Regionen, die Geschichte, die europäische Idee und deutsch-französische Freundschaft, die auch dem Elsässer Prudhomme "sehr viel" bedeutet. Auf Deutsch wandte sich der 65-Jährige deshalb an die Anwesenden: "Ich glaube, dass die deutsch-französische Freundschaft das Herz von Europa ist."
Die Große Schleife soll in Berlin beginnen und anschließend durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen führen. Die Initiatoren rechnen mit zwölf Millionen Besuchern, sie erhoffen sich zudem einen wirtschaftlichen Mehrwert von rund 150 Millionen Euro.
Die A.S.O. bewertet die Bewerbungen nach mehreren Kriterien. Entscheidend sind der sportliche Wert, die Attraktivität der Strecke aus Sicht der Fernsehübertragung, die organisatorischen Voraussetzungen sowie der politische Rückhalt. All diese Voraussetzungen sieht Prudhomme in Deutschland erfüllt. Hinzu komme die außergewöhnliche historische Symbolkraft eines Starts 40 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer. "Ich hoffe sehr, dass wir gemeinsam an diesem Projekt arbeiten und einen Traum verwirklichen können, den wir miteinander teilen", sagte Prudhomme.
2027 beginnt die Tour in Edinburgh. Nach dem Start in der Champagne 2028 ist für 2029 erneut ein Grand Départ im Ausland vorgesehen. Die Frankreich-Rundfahrt hat in ihrer langen Geschichte viermal in Deutschland begonnen, zuletzt 2017 in Düsseldorf. Zuvor waren Köln (1965), Frankfurt/Main (1980) und West-Berlin (1987) Gastgeber des Grand Départ.


