Tadej Pogacar schaute verwirrt. Der Mann im Gelben Trikot verstand die Frage nicht. Oder hielt sie für völlig abwegig. Warum er denn an diesem Tag, so früh in der Tour de France, unbedingt diesen Etappensieg und Gelb haben wollte? "Na, weil wir das Rennen lieben. Und weil wir hier sind, um zu gewinnen", sagte der Weltmeister in halb gespielter Empörung. Um dann neckisch zu grinsen.
Die Tour hat ihren "Pogi" wieder! Der Großmeister des Radsports hatte die Frankreich-Rundfahrt 2025 zwar nach Belieben dominiert und seinen vierten Gesamtsieg gefeiert. Doch Spaß? Freude? Empfand der Slowene dabei nicht. Zu zäh war es, zu einseitig, niemand wollte ihn attackieren. Über drei lange Wochen. Selten hatte es in Paris einen so frustrierten Triumphator wie Pogacar gegeben.
Zum 55. Mal im Gelben Trikot
Ein Jahr später ist dies vergessen. Pogacar, frisch blondiert und bestens ausgeruht, sprüht vor Energie, genießt jeden Tag. Wie am Montag, als er im Pyrenäen-Weiler Les Angles mit unvergleichlichem Bergaufsprint seinen 22. Tour-Etappensieg feierte. In der Manier eines Bulldozers, wie "L'Équipe" titelte, der hochkarätige Konkurrenten wie Jonas Vingegaard plättete. Und wie am Dienstag in Carcassonne, wo er zum 55. Mal in Gelb zu einer Tour-Etappe antrat.
"Dieses Trikot ist der Traum jedes Radfahrers. Deshalb genieße ich jeden Moment darin", sagte Pogacar. Und strahlte eine kindliche Freude aus, die bemerkenswert bei jemandem ist, der mehr gewonnen hat als jeder, der nicht Eddy Merckx heißt. Doch was treibt den 27-Jährigen, der sich in seiner Karriere eigentlich nur noch wiederholen oder selbst übertreffen kann, zu Höchstleistungen wie am Montag an?
Da ist zum einen sein junger Teamkollege Isaac del Toro. Im Mexikaner begegnet Pogacar quasi seinem jungen Ich, zeigt sich begeistert von der Mischung aus Angriffslust und schierer Loyalität des 22-Jährigen, dem er am Sonntag in Barcelona den Etappensieg überließ. Del Toro zahlte mit einer übermenschlichen Helferleistung am Montag im Schlussanstieg zurück. "Deswegen hatte ich im Finale die Extra-Power", sagte der Champion.
Kein skrupelloser Diktator
Teile und herrsche - nach Pogacar-Art. Der Slowene ist teamintern kein skrupelloser Diktator wie einst Lance Armstrong, sondern fügt sich trotz exponierter Stellung ins Gesamtkonstrukt. Neid kommt so nie auf. "Er ist ein herausragender Teamplayer und schafft es so, dass jeder von uns gern alles für ihn gibt", sagte sein deutscher Teamkollege Nils Politt der ARD.
Dann ist da der Wettkampf, den Pogacar im Vorjahr nicht hatte. Vingegaard scheint stark wie nie, dazu Florian Lipowitz, Remco Evenepoel, Paul Seixas - Rennfahrer, die der Slowene schätzt. "Die Duelle mit Jonas waren immer spektakulär", sagt Pogacar, "ich hoffe, das geht noch über ein paar Jahre."
Und schließlich macht Pogacar aus, dass er stets Tag für Tag betrachtet, nie zu weit vorausschaut. Ob er die Tour nun zum fünften Mal gewinnen werde? Ob er den Tagessieg-Rekord von Mark Cavendish brechen könne? Kümmert den Meister des Momentums wenig. "Vielleicht war das ja heute mein letzter Sieg, wer weiß das schon?", sagte Pogacar am Montagabend. Er denke nicht weiter. Denn: "Meine Karriere hat schon jetzt meine wildesten Vorstellungen übertroffen."


