Bei der Tour de France werden mehrere Topfahrer von nächtlichen Dopingkontrollen überrascht. Der Däne Jonas Vingegaard muss vor einer schweren Etappe um 2 Uhr aus dem Bett, um eine Probe abzugeben, der Gesamtwertungsführende der Tour, Tadej Pogacar, um 5 Uhr. Weil Vingegaard auf der Etappe später schwer stürzte und die Frankreich-Rundfahrt aufgeben musste, entbrannten wütende Diskussionen. Im Fahrerfeld und bei Ex-Stars herrschte Wut, sogar die Missachtung von Menschenrechten wurde angeführt. Dabei sind die Kontrollen regelkonform. Warum sie für die Dopingfahnder auch wichtig sind, erläutert Eva Bunthoff von der Nationalen Anti Doping Agentur Deutschland (NADA).
Hallo Frau Bunthoff, bei der Tour de France führen nächtliche Dopingkontrollen zu hitzigen Diskussionen. Warum sind die Kontrollen aus ihrer Sicht so wichtig?
Eva Bunthoff: Zunächst einmal muss man sagen, dass die Kontrollen regelkonform sind. Der Welt-Anti-Doping-Code erlaubt grundsätzlich die Durchführung von Dopingkontrollen in der Nacht. Und die Kontrollen sind wichtig, um potenziellen Dopern zu signalisieren: Es gibt keine freien Zeiten, die Kontrollbehörden können eben nicht nur zwischen 6 und 23 Uhr kommen. Der Radsport trägt eine lange Geschichte mit sich. Wir hatten immer wieder Vorfälle, wo die Nachtzyklen ausgenutzt wurden. Wo Fahrer über die Flure gelaufen sind, um etwa nach einer Insulingabe nicht für immer einzuschlafen.
Sie sprechen die Regelkonformität der Kontrollen an. Aber dafür braucht es ja offenbar eine richterliche Genehmigung und "schwerwiegende und übereinstimmender Verdachtsmomente". Liegt das vor?
Nun, ich kann da nur für Deutschland sprechen. In Frankreich gibt es nochmal andere Gesetze. Ich bin sicher, dass die ITA (Anmerk. d. Red: International Testing Agency) die Durchführung der Dopingkontrollen in der Nacht vorher sorgfältig geprüft hat. Es wurden Athleten kontrolliert, die vorne mitfahren, da gibt es viele Punkte in der Kontrollplanung, die begründen, warum man eine Dopingkontrolle ansetzen kann. Das ist auf Basis verschiedener Parameter legitimiert. Allerdings ist auch klar, dass man die Athleten nicht jede Nacht wecken kann. Den Athletinnen und Athleten wird viel abverlangt. Da muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. Aber angesichts der lange Doping-Geschichte des Radsports ist es eben auch so, dass ich als Sportler, wenn ich mich diesem strengen Kontrollsystem unterwerfe, sagen kann: Schaut her, ich bin sauber. Ich lasse mich jederzeit testen.
Nach dem folgenschweren Sturz von Mitfavorit Jonas Vingegaard wurde darüber diskutiert, ob die nächtliche Kontrolle mit den Folgen für den Schlaf womöglich ursächlich für den Crash und die Tour-Aufgabe waren. Wie sehen Sie das?
Ich kann das ehrlich gesagt gar nicht kommentieren. Mir fehlen zu der Kontrolle die relevanten Fakten und der Kontext.
Kommen wir nochmal auf das nächtliche Zeitfenster zu sprechen: Lässt sich das tatsächlich so ausnutzen, um effektiv zu dopen?
Ja, es gibt eben Substanzen mit sehr kurzen Nachweiszeiten, die große Wirkungen haben. Wenn ich eine perfekte Anleitung für das Dopen schreiben würde, dann würde ich sagen: den Trainingszyklus ausnutzen und im Wettkampf keine Einnahme verbotener Substanzen. Da lassen sich die besten Effekte erzielen. Deswegen sind für uns die Trainingskontrollen auch so essentiell. Aber weil man genau ausrechnen kann, wann Substanzen nicht mehr nachweisbar sind, ist es sinnvoll auch die nächtlichen Kontrollen einzusetzen. Dies aber unter Beachtung der Verhältnismäßigkeit und mit Begründung.
Sie haben die Geschichte des Radsports angesprochen. Die Leistungen werden gefühlt jedoch immer krasser als noch zu den Jahren des systemischen Dopings. Gibt es weiter einen Pauschalverdacht?
Nein. Die Maßnahmen seit damals (Anmerk. d. Red.: 1980er bis in die 2000er-Jahre) wurden enorm verbessert. Aber es ist eben so, dass besonders große Leistungssprünge und außergewöhnliche Leistungen in der Kontrollplanung immer ein Thema sind. Das gilt übrigens auch für Athleten, die überraschend große Einbrüche haben. Es gibt also verschiedene Kriterien, eine Risikobewertung darüber, wann eine Kontrolle sinnvoll ist und wann nicht. Und dann ist der Zeitpunkt nachts natürlich immer auch ein Überraschungseffekt. Und den hat man hier auf jeden Fall gesetzt.
Mit Eva Bunthoff sprach Tobias Nordmann
