Die deutschen Kanupolo-Herren waren der Verzweiflung nah. Dieser verdammte Ball wollte zum Sieg einfach nicht mehr ins italienische Tor fallen. Von einem 1:3 hatte sich das Team in Duisburg im Finale der Heim-WM zurückgekämpft. Erik Beukenbusch hatte knapp zweieinhalb Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit ein unfassbares Tor geworfen. Der Center war von Rene Kirchhoff unter dem Tor freigespielt worden. Drei Paddel standen dem Meidericher im Weg, doch er fand eine Lösung. Tor, 3:3. Die jahrzehntealte Regattastrecke bebte.
Dieses Finale riss über 2000 Zuschauer mit. Dazu auch hochrangige Vertreter aus der Politik. Keine unwichtige Nachricht. Denn nicht nur die Region Rhein-Ruhr kämpft um die Austragung der Olympischen Spiele ab dem Jahr 2036, auch die Sportart Kanupolo möchte es unbedingt ins größte internationale Schaufenster schaffen. Dafür wurde in den vergangenen Jahren einiges getan. Die Teilnehmerfelder wurden ausgeweitet. In Duisburg nun gab es die größte WM jemals, 28 Nationen mit 76 Teams traten in vier Kategorien gegeneinander an. Zudem wurde die Dynamik des Spiels durch die Einführung einer Shotclock vor einigen Jahren nochmal deutlich erhöht.
Conrad verzweifelt am Pfosten
Die deutschen Herren hatten sich zurückgekämpft. Und sie dominierten das Spiel. Auch schon vor dem Ausgleich. Italien war ständig in der Defensive - und hatte Glück. Leon Conrad traf zweimal nur den Innenpfosten. In der letzten Minute flogen zwei Distanzwürfe von Kirchhoff knapp vorbei. Der letzte wenige Sekunden vor Schluss wäre der Matchwinner gewesen. In der Overtime wurde es richtig dramatisch. Erst ließ Tommaso Lampo eine Top-Chance beim Konter liegen. Als er den Ball weder klar aufs Tor brachte, noch gut für seinen Teamkollegen, Keeper Giuseppe Ruggiero, vorlegte. Der hatte Sekunden zuvor wieder einmal herausragend gehalten.
Aber Italien behielt den Ball, baute neu und geduldig auf. Und hatte plötzlich das Glück, das sie sich dank ihrer leidenschaftlichen Defensivarbeit verdient hatten. Lampo erarbeitete sich eine gute Position in Torwartnähe, warf und über das abfälschende Paddel von Jonas Vieren landete der Ball im Tor. Kirchhoff war machtlos. Die italienische Party brach los. Sie hätte eine deutsche sein soll, sein können. Gerade bei der Heim-WM. Viermal Gold hatte der Verband im Blick, es wurde am Ende nur eine.
Die Frauen hatten unmittelbar vor dem Herren-Finale einmal mehr ihre Ausnahmestellung bewiesen. Endspiel-Gegner Frankreich war beim 8:1 absolut chancenlos. Schon nach zwei Minuten hatte Esra Oezbay die Führung erzielt. Jill Rutzen legte kurz darauf zum 2:0 nach. Sie glänzte im Goldspiel mit drei Toren, das Team derweil mit herausragenden Spielzügen und einer extrem fokussierten Abwehrarbeit. Der Manager des neuseeländischen Teams staunte: "Sie sind außergewöhnlich, sie spielen mindestens ein Level über allen anderen." Deutschland gehört seit Jahren sowohl im Männer- als auch im Frauenbereich zur absoluten Weltspitze. Seit 2016 holten die Nationalteams bei der alle zwei Jahre ausgetragenen WM 16 Medaillen, darunter acht Mal Gold.
"Richtig, richtig stark"
Am Samstag hatten bereits die U21-Teams Medaillen geholt. Zweimal Bronze gab es für die Herren und Damen. Cheftrainerin Leonie Wagner war insgesamt zufrieden: "Gold und Silber am letzten Tag, richtig, richtig stark. Also, dass alle vier Teams im Halbfinale waren, zwei davon jetzt im Finale. Heute die Finalspiele für uns und Gold für unsere Damen. Wir können so zufrieden damit sein. Perfekt. Die Herren waren eigentlich das dominante Team und durch so eine Kleinigkeit jetzt zu verlieren, ist schade. Aber ich bin stolz auf alle."
Die Tage in Duisburg waren große Werbung für den Sport. Und der olympische Traum lebt. Vor allem hier in NRW, wo das Kanupolo-Herz mit vielen Vereinen auf wenigen Kilometern schlägt. Was allerdings auch für Berlin gilt. Olympia-Ausrichter dürfen zusätzliche Sportarten für ihre Austragung vorschlagen. Seit den Reformen der "Olympischen Agenda 2020" ist das möglich. Oft werden dabei in der Region populäre Sportarten ausgewählt. Die endgültige Entscheidung aber liegt beim IOC, dass die Sportarten nach Kriterien wie Popularität, Kosten und TV-Attraktivität bewertet. Eine einmalige Aufnahme würde indes keinen garantierten Stammplatz bedeuten.
NRW-Ministerpräsident Henrik Wüst war bereits am ersten Wettkampftag bei der WM zu Gast und machte der Sportart indirekt Hoffnungen auf eine olympische Berücksichtigung, sollte sich die Region als Bewerber am kommenden Samstag durchsetzen. "Im Konzept für Olympische und Paralympische Spiele KölnRheinRuhr ist die Duisburger Regattabahn zentraler Bestandteil. NRW ist bereit für die kompaktesten, nachhaltigsten und spektakulärsten Spiele, getragen von den vielen sportbegeisterten Menschen in unserem Land."
