Ecuador steht mit dem Rücken zur Wand. Ausgerechnet gegen Deutschland muss "La Tri" gewinnen. Südamerika-Experte Johannes Skiba erklärt, was von Ecuador noch zu erwarten ist und auf welchen psychologischen Faktor das Team bei der WM nicht bauen kann.
ntv.de: Ecuador ist mit hohen Erwartungen in die WM gestartet. Nach zwei Spielen ist die Bilanz jedoch verheerend: 1 Punkt, 0 Tore. Wie konnte das passieren?
Johannes Skiba: Das größte Problem in den ersten beiden Spielen war die Chancenverwertung. Ecuador fehlt die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, sie haben bislang keinerlei Durchschlagskraft. Mit nur einem Punkt in das Spiel gegen Deutschland zu gehen, das ist fast das schlimmstmögliche Szenario.
Haben wir Ecuador zu stark geredet?
Nein. Die Leistungen waren ja auch nicht über 90 Minuten hinweg katastrophal. Die erste Halbzeit gegen die Elfenbeinküste war sogar sehr gut. Enner Valencia kann in der Anfangsphase das 1:0 machen. Ecuador trifft dreimal die Latte. Im Spiel gegen Curacao muss Valencia nach einer Minute das 1:0 erzielen. Es hat nicht viel gefehlt, dass Ecuador mit mindestens vier Punkten in das Deutschland-Spiel geht. Die Mannschaft funktioniert noch.
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Wie ist die Stimmungslage in Ecuador?
Die war schon vor dem Turnier gar nicht so gut, wie man angesichts der starken WM-Quali denken könnte. Trainer Sebastian Beccacece, ein Argentinier, hat es nie geschafft, die Herzen aller Menschen in Ecuador zu gewinnen. Das hat sich jetzt natürlich verschlimmert. Ja, auch etliche Spieler haben bislang enttäuscht. Aber Beccacece ist der Hauptverantwortliche, ganz klar.
Was wird ihm konkret angekreidet?
Dass er sich zu sehr nach dem jeweiligen Gegner richtet. Ecuador hat gegen Curacao ein anderes System gespielt als gegen die Elfenbeinküste. Logisch, das waren vollkommen unterschiedliche Gegner. Aber in Ecuador wird das dennoch als Beweis dafür genommen, dass es der Mannschaft an Spielidentität fehlt. Man wirft Beccacece vor, kein eigenes Konzept durchzuziehen. Wenn Ecuador heute ausscheidet, wonach alles aussieht, wird es definitiv das letzte Spiel von Sebastian Beccacece als Nationaltrainer von Ecuador sein.
In der WM-Qualifikation ist Ecuador herausragender Zweiter geworden, vor Brasilien. Zwar hat das Team in 18 Spielen nur 14 Tore erzielt, dafür aber nur unfassbare 5 Gegentore kassiert. Lag das nur am Heimvorteil? In Quito wird auf über 2000 Metern Höhe gespielt.
Nein. Dazu muss man mehrere Dinge wissen: Kaum ein Spieler ist aus seinem Verein derart extreme Höhenlagen gewöhnt. Fast alle spielen in Europa oder in anderen mittel- oder südamerikanischen Ländern. Von daher müssen sich auch die Ecuadorianer anpassen. Der Fußballverband ist auch längst dazu übergegangen, nicht mehr alle Heimspiele in Quito auszutragen. Sie spielen immer öfter in Guayaquil, einer Hafenstadt. Das ist die Fußballhauptstadt Ecuadors. Dort sind auch die zwei größten Vereine des Landes beheimatet: Der Barcelona Sporting Club, einst von katalanischen Einwanderern gegründet, und Club Sport Emelec. Hinzu kommt noch eine psychologische Komponente: Guayaquil ist eine der gefährlichsten Städte der Welt. Das kann man dann auch als eine kleine Einschüchterung verstehen. Solche Gedanken, so absurd sie klingen, gibt es in Südamerika immer wieder.
Johannes Skiba
Johannes Skiba ist einer der fundiertesten Kenner des südamerikanischen Fußballs in Deutschland. Der studierte Ethnologe hat sich als freier Journalist auf den Fußball in Argentinien, Brasilien, Ecuador & Co. spezialisiert. "Ich habe eine kurze Zeit in Buenos Aires gelebt, seitdem bin ich komplett angefixt", erklärt Skiba, der einen Youtube-Kanal und den gleichnamigen Podcast "Gol Olimpico" über Fußball in Südamerika betreibt.
Aber das allein erklärt nicht, warum Ecuador derart stark gepunktet hat. Was hat die Mannschaft ausgezeichnet?
Ecuador war über die gesamte "Eliminatorias" hinweg extrem kompakt, super schwer zu bespielen. Und wir dürfen nicht vergessen: Ecuador hat defensiv brutal viel Qualität. Willian Pacho hat mit Paris Saint-Germain zweimal hintereinander die Champions League gewonnen. Piero Hincapie stand mit Arsenal im Finale und ist englischer Meister geworden. Moises Caicedo hat mit Chelsea vergangenes Jahr die Klub-WM gewonnen. Er ist meiner Meinung nach einer der besten Sechser der Welt. Zum Abschluss der WM-Quali hat Ecuador sogar noch gegen Argentinien gewonnen, 1:0 in Guayaquil. Messi hat zwar nicht mitgespielt, aber das war der krönende Abschluss von Ecuadors WM-Quali. Nach 18 Spielen in der "Eliminatorias" Zweiter zu werden, das ist eine absurd gute Leistung. Vor allem, weil Ecuador mit drei Minuspunkten in die Qualifikation gestartet ist.
Warum denn das?
In der Qualifikation für die WM 2022 in Katar war der Rechtsverteidiger Byron Castillo Stammspieler. Einige Monate vor der WM kam raus, dass Castillo eigentlich Kolumbianer ist. Er ist an der Grenze zu Ecuador geboren, auf kolumbianischem Staatsgebiet. Seine Papiere waren gefälscht. Deshalb wurden Ecuador für die 2026er-Quali drei Punkte abgezogen.
Ecuador hat noch kein einziges Tor geschossen, aber auch nur ein einziges kassiert. Die Mannschaft kommt sehr über die Defensive, muss aber gegen Deutschland gewinnen. Was bedeutet das für das Spiel?
Ich erwarte jedenfalls keinen offenen Schlagabtausch. Vielleicht laufen Sie Deutschland zu Beginn ein bisschen höher an als üblich. Aber außerordentlich risikobehaftet werden sie zunächst nicht spielen. Sie werden erstmal schauen, dass es lange 0:0 steht. Je länger das Spiel dauert, desto mehr Risiko müssen sie allerdings gehen. Mit zwei Punkten wird sich Ecuador nicht als einer der acht besten Gruppendritten qualifizieren können.
Wer soll das goldene Tor machen? Der ewige Enner Valencia, Ecuadors Rekordtorjäger, ist noch nicht im Turnier angekommen. Kann noch jemand anderes in die Bresche springen und Deutschland überraschen?
Vielleicht, mit ein bisschen Fantasie. Kevin Rodriguez hat ein bisschen Einsatzzeit bekommen, hat aber nicht überzeugt. Jeremy Arévalo hat in Stuttgart für die zweite Mannschaft in der 3. Liga gespielt. Das ist auch nicht der richtige Mann, den du da reinwerfen kannst. Es gibt noch Jordy Caicedo, der in Argentinien viele Tore geschossen hat. Der könnte vielleicht ein Faktor sein, wenn man in den letzten Minuten noch ein Tor braucht und dann mit langen Bällen einen reindrücken will. Aber richtig gute Alternativen sind das nicht. Alle Offensiv-Hoffnungen lasten auf Enner Valencia. Bisher konnte er die überhaupt nicht erfüllen.
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Gibt es trotzdem irgendetwas, das aus ecuadorianischer Sicht Hoffnung macht?
Es gab zumindest nochmal einen Schulterschluss zwischen Mannschaft und Fans beim Training unter der Woche. Beccacece hat zunächst einen 16-minütigen Monolog an die Mannschaft gerichtet. Danach sind alle geschlossen zu den Fans. Das hatte zumindest einen symbolischen Charakter. Und die ecuadorianischen Fans können natürlich der entscheidende Faktor sein. Ich gehe davon aus, dass sie im Stadion in der Überzahl sein und bis zur letzten Minute ihr Team nach vorne peitschen werden. Was nach dem Spiel passiert, ist natürlich eine ganz andere Geschichte.
Mit Johannes Skiba sprach Kevin Schulte
