Nur Chaos kann den DFB retten

Der Fußball, der Akten abheftet, muss ein Ende haben

imageVon Florian Papenfuhs
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Zwei, die sich fußballerisch verstehen: Lamine Yamal und Jamal Musiala. (Foto: IMAGO/Nicolo Campo)
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01.07.2026 | 10:11 Uhr
Deutschland scheidet bei einer WM erneut früh aus. Der DFB kann jetzt den Trainer entlassen und den Verband umkrempeln. Nur am Hauptgrund für das enttäuschende Turnier kann er kurzfristig nichts ändern: den Spielern.

Das hat keinen Spaß gemacht. Nach einem blutleeren und uninspirierten Auftritt scheidet die DFB-Elf gegen Paraguay aus dem WM-Turnier aus. Deutschland stürzt wieder mal ins Tal der Tränen. Naja. Ehrlicherweise wirkt das erneute Scheitern mittlerweile beängstigend gewöhnlich. Nach dem tiefen Fall der Weltmeister unter Jogi Löw in Russland 2018 und dem von politischen Diskussionen überlagerten Aus in Katar 2022 fährt Julian Nagelsmann in Nordamerika nun also den nächsten Neustart an die Wand.

Jogi Löw war 2014 selbst noch Weltmeister geworden, Supertrainer Hansi Flick hat vor seinem Engagement als Nationaltrainer mit dem FC Bayern ganz Fußball-Europa zerlegt und dirigiert seit dem Rauswurf durch den DFB die jungen Wilden des FC Barcelona an die Spitze Spaniens. Und dann wäre da noch Julian Nagelsmann. Der als Nationaltrainer genauso kommunikative Schwächen offenbarte wie schon als Vereinstrainer, der dennoch landauf, landab als Fußballfachmann gilt. Drei unterschiedliche Trainer, das heißt auch, am Übungsleiter kann es nur bedingt liegen.

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Während es an der Seitenlinie in den vergangenen Jahren keinen roten Faden gibt, sieht das im Kader anders aus. "Meine Generation hat nichts mehr zu verschenken", sagte Joshua Kimmich im September 2024 nach der von (zu viel) Euphorie begleiteten Heim-EM. Mittlerweile stellt sich die Frage, ob seine Generation je in der Lage war, überhaupt etwas verschenken zu können. Julian Nagelsmann mag Fehler gemacht haben in der Kaderauswahl, aber der Talent-Pool, den er zur Verfügung hat, bietet sowohl in der Spitze wie auch in der Breite so wenig Auswahl wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das hat auch mit der Fußballkultur dieses Landes zu tun.

Die Rettung liegt im Risiko

Durch alle drei frustrierenden Weltmeisterschaften zieht sich ein Offensiv-Fußball, der dem Zuschauer aktiv die Lebenslust entzieht. Das durch Pep Guardiola bekanntgewordene Positionsspiel ist das viel zu stabile Fundament der Art und Weise, wie hierzulande viele Menschen über Fußball denken. Spieler positionieren sich, wie es vorher besprochen wurde. Wenn sie den Ball bekommen, spielen sie ihn zu einem freien Nebenmann. Die Übung wird so lang wiederholt, bis der Spieler, der den Ball bekommt, eine klare Möglichkeit zum Torabschluss hat. Oder das Spiel zu Ende ist. Es ist ein fast klischeehaft deutscher Vortrag: ordentlich, sauber, erwartbar. Akten abheften als Sport.

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Der Ansatz kommt mittlerweile auch deswegen an seine Grenzen, weil sich ein Großteil der WM-Teilnehmer auf eine stabile Defensive verlassen kann. Immer mehr Spieler sind athletisch austrainiert, technisch gut ausgebildet und taktisch geschult. Einen präzise zu verschiebenden Block zu knacken, in dem der Underdog ob seines Wesens als Underdog rennt bis zum Umfallen, wird also immer schwieriger. Sogar Positionsspiel-Überfigur Pep Guardiola fällt sein Ansatz mittlerweile auf die Füße. In den vergangenen zwei Jahren gewann Manchester City keinen Premier-League-Titel. Auch, weil das Spiel häufig zu statisch wirkt. In diesem Sommer verkündete er seinen Abschied.

Der moderne Offensiv-Fußball lässt Spieler glänzen, die zum einen die technischen Fähigkeiten, aber zum anderen auch den Mut (!) haben, mal ins Risiko zu gehen. Etwas Überraschendes zu tun. Eben NICHT einfach nur den Ball zum Mitspieler zu schieben. Im Idealfall verlagern Mannschaften gegen einen tiefen Block das Spiel schnell von einer Seite auf die andere. Dann entsteht dort eine 1-gegen-1-Situation, die der Offensivspieler gewinnt und zu einer Torchance kommt. Genau dieses fehlende Tempo im Verlagern kritisierte DFB-Coach Julian Nagelsmann nach dem Spiel. Einerseits ist das Einüben solcher Abläufe sein Aufgabenbereich. Andererseits braucht es dann eben auch jemanden, der solch eine Situation ausnutzen könnte. Leroy Sané ging gegen Paraguay sieben Mal ins Dribbling und verlor sieben Mal den Ball. Und einen anderen klaren Flügelspieler hat Nagelsmann nicht aufbieten wollen.

Unkonventioneller Undav, leidender Musiala

Andere Mannschaften haben sie, diese Spieler, die Kompetenz und Mut zusammenbringen. Frankreich verfügt beispielsweise über eine ganze Batterie an Jungs, die Spiele im Alleingang entscheiden können. Bayerns Michael Olise, Real-Stürmer Kylian Mbappé oder Weltfußballer Ousmane Dembélé. Oder Bradley Barcola. Oder Rayan Cherki. Oder Desiree Doué. England hat mit Phil Foden und Cole Palmer zwei Akteure, die in der DFB-Elf klare Fixpunkte wären, nicht einmal mitgenommen. Brasilien kann sich auf die gruselige Konstanz verlassen, mit der Vini Junior an seinem Gegenspieler vorbeikommt und danach einen gefährlichen Abschluss verzeichnet. Und Spanien sah gegen Kap Verde erst mit der Einwechslung Lamine Yamals gefährlich aus. Als er gegen Saudi-Arabien von Beginn an spielte, gewann der amtierende Europameister 4:0. Und Yan Diomande von der Elfenbeinküste oder Ghanas Antoine Semenyo beweisen, dass solche Spielertypen keinesfalls ein Privileg der Spitzen-Nationen sind.

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Auf Vereinsebene hat nur ein einziger DFB-Akteur (zumindest in der Vergangenheit) die Aufgabe, im Alleingang Torabschlüsse zu produzieren: Jamal Musiala. Ob er diese Fähigkeiten auch hätte, wenn er in Deutschland statt in England ausgebildet worden wäre, daran darf man zweifeln. Nach seiner schweren Verletzung präsentiert sich der Bayern-Dribbler leider noch immer völlig außer Form. Und dann wäre da noch Florian Wirtz. Er ist wahrscheinlich so etwas wie der Best-Case aller deutschen Fußballakademien. Irre ballsicher, außerordentlich spielintelligent. Ähnlich wie Kevin De Bruyne oder Andres Iniesta kann Florian Wirtz eine gut funktionierende Mannschaft aufs nächste Level heben.

Die Leute kommen einfach ihrer Arbeit nicht nach

Er ist jedoch - wie der Rest der deutschen Offensivspieler - nicht der Spielertyp, der im Alleingang Torgefahr erzeugen kann. Und eine gut funktionierende Mannschaft hatte Wirtz in Nordamerika leider nicht zur Verfügung. Kurioserweise prägt stattdessen einer das Turnier, der noch nie ein Nachwuchsleistungszentrum von innen gesehen hat: Deniz Undav. Er wirkt genau deswegen so erfrischend. Kreativität, Stringenz, die Lust aufs Tore schießen - all das versprühte er über große Teile als Einziger.

Fairerweise: Der Beamtenfußball in der Offensive erklärt die Flut an Gegentoren noch nicht. Wie also kann es sein, dass die DFB-Elf die seltene Fähigkeit besitzt, gegen jeden noch so unterklassigen Gegner ins Schwimmen geraten zu können? Die Antwort auf diese Frage findet sich in einem der bekanntesten deutschen Videos aller Zeiten. "Die Leute kommen einfach ihrer Arbeit nicht nach, das ist ihr Problem", meckert Kranführer Ronny Schäfer dort. Es geht um das Verdichten von Kranplätzen. Verdichtet wurde in der deutschen Defensive während der WM 2026 wenig.

Mehr Pike, mehr Tunnel, mehr Distanzschüsse

Es ist kurios: Während in der Offensive zu wenig Risiko gegangen wird, ist es in der Defensive zu viel. Die Kernkompetenz, das Verteidigen, gerät scheinbar zusehends ins Hintertreffen. Das fällt auf, sobald man die DFB-Defensive auf ihre Kernaufgaben überprüft. Joshua Kimmich soll im Spielaufbau helfen. Aleksandar Pavlovic soll im Spielaufbau helfen. Nico Schlotterbeck soll im Spielaufbau helfen. Nene Brown soll mit seinen Läufen Gefahr im letzten Drittel sorgen. Felix Nmecha soll mit seinen Läufen für Gefahr im letzten Drittel sorgen. Und so sind es mit Jonathan Tah und dem später in die Startelf gerutschten Antonio Rüdiger ganze anderthalb Spieler, die in erster Linie daran denken, das Tor zu verteidigen. Das ist wenig. Und so sah die deutsche Defensive im Turnier dann auch aus.

Klar ist, der deutsche Fußball kann sich keinen Lamine Yamal oder Ousmane Dembélé backen. Auch keinen alles abräumenden Supersechser wie Ecuadors Moises Caicedo. Kurzfristig ist in der Offensive zu hoffen, dass Lennart Karl nicht noch von der DFB-Verbeamtung eingeholt wird, sondern weiter so wild und unkonventionell spielt wie bisher. Dass Jamal Musiala vielleicht irgendwann wieder der Alte wird, wäre auch hilfreich. Langfristig sollten sich die Akademien in Deutschland nach diesem dritten WM-Aus hintereinander fragen, ob der Fokus noch der richtige ist. Der deutsche Fußball braucht (offensiv!) dringend wieder mehr Chaos. Mehr Distanzschüsse, mehr freche Schüsse aufs kurze Eck, mehr Abschlüsse mit der Pike und verteilte Tunnel. Zum einen wäre das deutlich erfolgsversprechender. Und zum anderen hätte die Nation endlich mal wieder Spaß am Fußballschauen.

Verwendete Quelle: ntv.de