Direktvergleich sticht

Fatale Entscheidung: Diese FIFA-Regel macht die WM langweiliger

imageEin Kommentar von Kevin Schulte
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Das alte FIFA-Regelwerk hätte das Aus der Türkei mindestens hinausgezögert. (Foto: IMAGO/ZUMA Press)
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24.06.2026 | 17:09 Uhr
Als Trinkpause getarnte Werbeunterbrechungen, Rote Karte für Hand vor Mund, erweiterte VAR-Eingriffsmöglichkeiten: Die WM 2026 ist auch eine der Neuerungen. Eine Regel sorgt sogar dafür, dass fünf Nationen schon früher als nötig aus dem Turnier ausscheiden.

Eine Regeländerung der FIFA beschert der deutschen Nationalmannschaft am Donnerstag in New York ein entspanntes Spiel: Nichts kann passieren in der letzten Vorrundenpartie gegen Ecuador (22 Uhr/ARD, MagentaTV und im ntv.de-Liveticker). Egal, wie es ausgeht, Deutschland wird die Gruppe E als Tabellenerster beenden. Die Elfenbeinküste kann theoretisch noch punktemäßig gleichziehen, wenn Deutschland verliert und die Ivorer gegen Curaçao gewinnen, doch das spielt keine Rolle mehr. Die FIFA hat eine Regeländerung durchgeführt, wonach nicht mehr das Torverhältnis über die Abschlussplatzierung punktgleicher Mannschaften entscheidet, sondern der direkte Vergleich. Nur wenn dieser unentschieden ausgeht, kommt das Torverhältnis ins Spiel. Das hat fatale Folgen. Für die Integrität des sportlichen Wettbewerbs, für die Chancengleichheit und für die Spannung des Produkts, das die FIFA verkauft.

Wie kontraproduktiv die neue Regel ist, wird beim Blick auf den Stand in mehreren Gruppen deutlich. In Staffel A thront Gastgeber Mexiko mit sechs Punkten aus zwei Spielen an der Spitze. Südkorea liegt mit drei Punkten auf Platz zwei, Tschechien und Südafrika lauern mit einem Punkt am Tabellenende. Am letzten Spieltag trifft Mexiko im Aztekenstadion auf Tschechien. Für "El Tri" ist der Ausgang des Spiels ohne Bedeutung, für Tschechien geht es um alles. Südkorea und Südafrika befürchten, dass Mexiko die Partie zur Rotation nutzt und die sieglosen Tschechen davon profitieren könnten. Dieser - berechtigte - Gedanke ist das Ergebnis einer unüberlegten Regeländerung der FIFA.

Eine ähnliche Ausgangslage gibt es in Gruppe D. Hier wird die Problematik noch deutlicher. Vor dem Gruppenfinale liegen die USA mit sechs Punkten uneinholbar vorn. Australien und Paraguay rangieren mit jeweils drei Punkten dahinter. Die Türkei ist nach zwei Niederlagen Tabellenletzter. Zum Abschluss geht es für die USA gegen die Türkei nur noch um die Ehre. Weil die Gastgeber gegen Paraguay und Australien gewonnen haben, hätte auch eine Niederlage gegen das Schlusslicht keine Konsequenzen. Weil die Türkei nach Niederlagen gegen Australien und Paraguay keine Chance mehr auf Platz drei hat, müssen sich die Konkurrenten in diesem Spiel nicht um die Integrität des Wettbewerbs sorgen.

WM-Partie mit Freundschaftsspiel-Charakter

Die größten Verlierer sind in diesem Fall wir alle. Jeder TV-Zuschauer. Wer sich als neutraler Beobachter die USA gegen die Türkei anschaut, während zeitgleich Paraguay und Australien um Platz zwei und drei kämpfen, ist selbst schuld. Bitter ist die Bedeutungslosigkeit auch für diejenigen, die sich für teils Tausende Dollar eine Eintrittskarte für das letzte Gruppenspiel der USA sichern konnten. Klar, ein WM-Spiel zu besuchen, ist und bleibt etwas Besonderes. Sportliche Bedeutung, die über den Wert eines Freundschaftsspiels hinausgeht, wäre aber auch schön, oder?

Das gilt genauso für das letzte Vorrundenspiel des Titelverteidigers in Gruppe J. Argentinien trifft auf Jordanien. Lionel Messi wird es sich nicht nehmen lassen, seinen Torrekord auszubauen. Aber das war's dann auch schon in Sachen Spannung. Argentinien ist vorzeitig Gruppenerster, Jordanien garantiert Tabellenletzter. Parallel spielen Algerien und Österreich um die Plätze zwei und drei.

UEFA als Vorbild

Was hat sich die FIFA nur dabei gedacht? Seit 1970 hat der Weltverband bei seinen Turnieren auf das Torverhältnis als erstes Entscheidungskriterium im Fall von Punktgleichheit gesetzt. Nun ist alles anders und die FIFA hält den direkten Vergleich für die bessere Bewertungsgrundlage. Auf diesem Weg werden Ausreißer-Ergebnisse wie das 7:1 von Deutschland gegen Curaçao weniger stark gewichtet. Das sei fairer, argumentieren Befürworter des neuen Modells.

Vorbild für die Entscheidung war die UEFA. Der europäische Fußballverband zieht bereits seit der EM 1996 den direkten Vergleich dem Torverhältnis vor. In zwei Fällen kamen seitdem Mannschaften weiter, die es mit dem Torverhältnis nicht geschafft hätten: 1996 Tschechien vor Italien, 2012 Griechenland vor Russland. Der letzte EM-Titel für Deutschland 1996 in England? Das Finale gegen Tschechien hätte es so nie gegeben.

Stichhaltig ist die Argumentation pro direktem Vergleich jedoch nicht. In der Gruppenphase hat jedes Team schließlich dieselben Gegner. Ecuador hätte Curaçao genauso deutlich bezwingen können, die Ivorer haben auch die Chance dazu. Der direkte Vergleich als Entscheider macht das einzelne Spiel wichtiger, doch genau darum sollte es in einer Gruppenphase im Jeder-gegen-jeden-Modus doch eigentlich nicht gehen. Für die sportliche Integrität des Wettbewerbs, für die Spannung, für die Attraktivität des Turniers hätte die Bevorzugung der Tordifferenz nur Vorteile: Mexiko müsste sich gegen Tschechien noch anstrengen, Argentinien, die USA und Deutschland wären zumindest theoretisch noch unter Zugzwang.

Fünf Nationen vor dem letzten Spiel schon raus

Und noch viel besser: Nach dem zweiten Spieltag wäre noch kein einziges Team vorzeitig aus der WM ausgeschieden: Haiti könnte sich noch Hoffnungen auf Platz drei in Gruppe C machen, Tunesien in Gruppe F noch genauso vorrücken wie Jordanien in Gruppe J oder Panama in Gruppe K. Und auch für die Türkei wäre die Ausgangslage nach zwei knappen Niederlagen vor dem letzten Spieltag eine gänzlich andere. Ein Sieg gegen die USA und die enttäuschten Türken könnten mit etwas Glück doch noch ins Sechzehntelfinale einziehen. In der Partie USA gegen die Türkei würde es unter den alten Regeln für beide Nationen noch um viel gehen. Die nun wahr gewordene Alternative: Es geht um überhaupt gar nichts mehr. Die FIFA macht ihr eigenes Produkt, die Weltmeisterschaft, langweiliger und sorgt dafür, dass vor dem letzten Gruppenspieltag nur noch 43 anstatt 48 Mannschaften vom WM-Titel träumen dürfen.

Ob Bundestrainer Julian Nagelsmann das bedeutungslose Spiel gegen Ecuador zur großen Rotation nutzt oder nicht, zeichnet sich noch nicht ab. Dass die Bank nicht unbedingt einen Qualitätsverlust bedeuten muss, hat die zweite Halbzeit der deutschen Mannschaft gegen die Elfenbeinküste gezeigt. Dass das DFB-Team eine ähnliche Energieleistung auch dann an den Tag legt, wenn der Ausgang des Spiels egal und die eigene Unversehrtheit (bloß keine Verletzung riskieren!) im Zweifel wichtiger ist, darf jedoch bezweifelt werden. Davon könnte Ecuador profitieren, das mit einem Sieg noch als einer der acht besten Gruppendritten weiterkommen würde. Leidtragender wären alle anderen Gruppendritten, die in einem solchen Szenario von Wettbewerbsverzerrung sprechen würden. Die FIFA hat derartigen Debatten Tür und Tor geöffnet.

Verwendete Quelle: ntv.de