Keine erneute Zaubershow, doch der Titeltraum lebt: Das französische Milliardenensemble hat seinen Charaktertest im Glutofen von Philadelphia mit viel Mühe bestanden. Die Équipe Tricolore bezwang den erneut aufmüpfigen Deutschland-Schreck Paraguay mit 1:0 (0:0) und wirkte dabei erstmals bei dieser Fußball-WM verwundbar. Ein Foulelfmeter nach Videobeweis von Kylian Mbappé (70.) rettete Les Bleus, nachdem deren furchteinflößende Staroffensive zuvor lange wirkungslos geblieben war.
Ein großes Fußballfest lieferte das Team von Didier Deschamps zu den Feierlichkeiten der 250-jährigen Unabhängigkeit der USA wahrlich nicht, dennoch löste der Topfavorit bei fast 40 Grad Außentemperatur sein Ticket für das Viertelfinale am Donnerstag (22 Uhr MESZ) in Boston gegen Marokko. Paraguay machte es dem zweimaligen Weltmeister im Geburtsort der USA lange schwer, blieb aber letztlich im Umschaltspiel nach vorne zu harmlos - und verpasste seinen zweiten Einzug unter die letzten acht.
Deschamps: "Sie haben endlos gefoult"

"Wir haben gezeigt, dass wir nicht nur Offensivfußball spielen können", sagte Mbappé, der nach dem Abpfiff erleichtert seine Freude herausgebrüllt hatte. Er ergänzte mit Blick auf die ruppige Gangart des Gegners: "Wenn wir uns die Hände schmutzig machen müssen, dann machen uns die Hände schmutzig. Ich habe kein Problem damit. Sie wollten nur kämpfen. Wir können auch dreckig spielen, aber waren trotzdem besser als sie."
Bereits auf dem Weg zum ersten WM-Titel im Jahr 1998 hatten Les Bleus Paraguay aus dem Weg räumen müssen, damals gab es ein mühsames 1:0 durch Golden Goal. Diesmal sollte das Aus der deutschen Mannschaft gegen die Südamerikaner als mahnendes Beispiel dienen.
Paraguay-Spieler schlägt völlig wild gegen Mbappé zu

"Es ist kein Zufall, wenn man das Achtelfinale einer WM erreicht", warnte Deschamps. Paraguay hoffte bei laut Wetterdienst gar gefühlten 46 Grad auf den Hitzevorteil, da man die Bedingungen aus der Heimat kenne.
Stars sind massiv genervt
In der Anfangsphase fühlte sich der Außenseiter wohl in seinem Element und stellte sich wie schon gegen das DFB-Team hinten rein. Frankreich hatte zwar über 80 Prozent Ballbesitz, drosselte aber angesichts der hohen Temperaturen etwas das Tempo. So entstand vor dem Tor von Elfmeter-Killer Orlando Gill kaum Gefahr, ein abgefälschter Fernschuss von Manu Koné, Vertreter des angeschlagenen Aurelien Tchouaméni, war nach 22 Minuten der erste Abschluss.
Die Superstars Mbappé und Michael Olise wirkten zunehmend genervt, weil sie sich immer wieder in der vielbeinigen und hart in den Zweikämpfen agierenden Abwehr von "La Albirroja" festliefen. Mitunter agierten deren Spieler unsportlich und mindestens am Rande der Tätlichkeit.
DFB-Schreck legt Treter-Auftritt gegen Frankreich hin

Im Fokus stand auch immer wieder der usbekische Schiedsrichter Ilgiz Tantashev. Dieser verfolgte insgesamt eine sehr weiche Linie und ahndete kaum Attacken Paraguays gegen die französischen Spieler. "Zur Schiedsrichterleistung habe ich nichts zu sagen", schimpfte Rayan Cherki.
"Wie viele Fouls waren es? 30? 40? Und keine einzige Gelbe Karte?" Der frühere Bundesliga-Referee Patrick Ittrich sprach von der "schlechtesten Schirileistung dieser WM". Als Unparteiischer "hast du das Spiel zu managen, das ist hier komplett in die Hose gegangen", sagte er bei MagentaTV.
Mbappé: "Wir können auch dreckig spielen"

Ein weiterer abgefälschter Schuss von Ousmane Dembélé war noch das Gefährlichste (38.), eine klare Chance erspielte sich die bislang scheinbar unaufhaltsame Offensive vor der Pause nicht.
Nach dem Seitenwechsel zogen Les Bleus etwas das Tempo an, Gill wurde bei einem Fernschuss von Koné erstmals ernsthaft geprüft (54.). Es brauchte aber einen Foulelfmeter nach einem Tritt von Diego Gomez gegen den eingewechselten Desiré Doué, Mbappé blieb anders als einige DFB-Spieler gegen Paraguays Schlussmann eiskalt. Der Angreifer von Real Madrid kommt damit auf insgesamt 19 WM-Treffer und liegt nur noch ein Tor hinter dem argentinischen Rekordhalter Lionel Messi. In der Schlussphase mussten die Südamerikaner somit ihre Defensiv-Taktik aufgeben, für die Franzosen ergaben sich ganz neue Räume.
