In den Sportbars in China ist der Jubel groß. Die Fußball-Weltmeisterschaft begeistert. Dabei ist das Land doch selbst gar nicht für das Turnier in Mexiko, Kanada und den USA qualifiziert. Nun, die Fans in den Bars von Shanghai tragen blaue Trikots - die des japanischen Teams. Und fiebern jetzt schon hin auf das Duell der Blue Samurai mit Brasilien im Sechzehntelfinale.
Es ist eine überraschende Fanfreundschaft, schließlich hat die "chinesisch-japanische Fußball-Rivalität" sogar einen Wikipedia-Eintrag. Vor den 1990er-Jahren hatte China die Nase noch vorn, doch seit 1998 konnte China Japan nicht mehr besiegen - und sich nur für eine einzige WM qualifizieren: 2002. So werden nun dem in der FIFA-Weltrangliste bestplatzierten asiatischen Team - Japan ist 17. - eben auch in China die Daumen gedrückt.
Für Japans Trainer Hajime Moriyasu eine Aufforderung: Man habe die Absicht, bei der WM den ganzen Kontinent zu vertreten, sagte er nach dem 1:1 gegen Schweden, mit dem Japan die Gruppe F als zweites Team abschließt. Ein Ziel sei es, "dass wir auch andere asiatische Mannschaften ermutigen können, und wir möchten auch ihre Hoffnung sein".
Es ist ein hehres Ziel, schließlich wartet mit Brasilien ein richtig großer Name im ersten Spiel der K.-o.-Runde (Montag, 19 Uhr im Liveticker bei ntv.de). Das Team von Star-Trainer Carlo Ancelotti ist Fünfter in der Weltrangliste, kam zum WM-Auftakt zwar nicht über ein 1:1 gegen den WM-Halbfinalisten von 2022, über Marokko, hinaus, besiegte aber die deutlich schwächer eingeschätzten Teams aus Haiti und Schottland jeweils mit 3:0. Der Rekordweltmeister plant nichts Geringeres als den sechsten Titel.
Testspielsieg gibt Japan Mut
Der letzte Triumph der Südamerikaner ist allerdings schon 24 Jahre her - 2002 gab es im Finale gegen Deutschland bekanntlich den Sieg. 2022 und 2018 war jeweils bereits im Viertelfinale Schluss. Und auch die Bilanz gegen Japan liest sich eindeutig: Elf Duelle in der Vergangenheit gewann Brasilien, Japan siegte nur zweimal. Allerdings: Das letzte Aufeinandertreffen ist eben einer dieser beiden Siege: Im Testspiel im Oktober 2025 gewann Japan mit 3:2. "Vielleicht sind sie gerade deshalb noch motivierter", mutmaßte Moriyasu. Man habe damals bewiesen, "dass wir kein leichter Gegner sind, und das allein ist schon ein großer Fortschritt für uns".
Als schwerer Gegner hat sich Japan auch bei dieser WM bislang einen Namen gemacht. Gegen die Niederlande erkämpften die Asiaten zum WM-Auftakt ein spektakuläres 2:2, Tunesien hatte beim 4:0-Sieg der Japaner nicht den Hauch einer Chance. Auch gegen Schweden gingen sie durch Daizen Maeda (56.) in Führung, ehe Anthony Elanga nur sechs Minuten später ausgleichen konnte. Dieses Spiel hatte Japan locker angehen lassen können, es war klar, dass schon ein Remis sicher für den Einzug in die K.-o.-Runde reicht.
Dieses Wissen tat dem Spiel der Japaner in der ersten Halbzeit nicht gut. Es hatte wenig vom furiosen offensiven Kombinationsspiel, das sie noch gegen Tunesien gezeigt hatten. Als sie gezeigt hatten, warum sie als Geheimfavorit ins Rennen gehen - und längst wegen ihres Spiels und nicht nur aufgrund ihrer so sympathischen Fans geschätzt werden. MagentaTV-Expertin Tabea Kemme sagte über das Team, dass es eines der unterschätztesten im Turnier sei: "Sie sind ein Garant für Überraschungen."
Der eine Trainer bewundert den anderen
Allerdings konnten die Japaner ihr Können bei Weltmeisterschaften bislang nicht beweisen. Noch nie konnten sie ein erstes Spiel nach der Gruppenphase gewinnen. Wird der Fluch nun ausgerechnet gegen den Rekordweltmeister gebannt? Die Brasilianer würden zwar "perfekt" spielen und er habe "großen Respekt" vor der Mannschaft, sagte Japans Coach. "Aber dennoch glauben wir, dass wir eine Chance auf den Sieg haben."
Ein Erfolg würde freilich Brasilien ins Tal der Tränen stürzen - wobei Neymar schon nach dem Sieg gegen Schottland weinte. Der Superstar hatte nach 981 Tagen Wartezeit zum ersten Mal wieder für sein Nationalteam spielen dürfen. In der 76. Minute - da war das Spiel längst entschieden - durfte er auf den Platz. Blieb blass, feierte aber dennoch mit seinen Kindern. Es wird für Japans Trainer Moriaysu ein Aufeinandertreffen mit dem Trainer, den er "bewundert". Ancelotti hat bei ihm Eindruck hinterlassen. Fünfmal hat der Italiener die Champions League gewonnen, konnte Meisterschaften in Italien, England, Frankreich, Spanien und Deutschland feiern. Seit einem Jahr ist er nun Brasiliens Nationaltrainer. Nicht nur Moriaysu ist sich gewiss, dass dieser Job keine leichte Aufgabe ist, "aber er liefert Ergebnisse".
Die will auch der Japaner liefern. Für seine Heimat, aber auch für ganz Asien.




