Fußball alleine, das lastet Supertalent Ayyoub Bouaddi offenbar nicht aus. Neben seiner Tätigkeit als Profifußballer studiert der 18-Jährige Mathematik. Rechnen als Ausgleich. Muss man können. "Wenn du nebenbei lernst, hält das deinen Geist wach", sagt er über sein Studium. "Mir kann Mathe helfen, das Spiel schneller zu verstehen, vor allem taktisch." Man sollte es als Warnung verstehen.
Die nächste knifflige Aufgabe, die er lösen muss, heißt Frankreich. Ausgerechnet Frankreich. Für Ayyoub Bouaddi ist das Viertelfinale am Donnerstagabend (22 Uhr/ARD, MagentaTV und im ntv.de-Liveticker) gegen die Equipe Tricolore ein ganz besonderes Duell. Es geht gegen seine Heimat.
Eiskaltes Marokko beendet kanadische WM-Träume

Denn der Mittelfeldstratege ist in der Nähe von Paris geboren und durchlief sämtliche Jugendteams der Franzosen. Als ihn dann Cheftrainer Didier Deschamps nicht für die A-Mannschaft und das WM-Turnier 2026 nominierte, entschied sich der 18-Jährige für die Heimat seiner Eltern: Marokko.
Sieben Mal lief er bislang für die Atlas-Löwen auf, bisher blieb das Team mit ihm ungeschlagen. Als Sechser und Achter ist das Mittelfeld sein Zuhause. Bouaddi kann offensiv wie defensiv. Mit einem am Fuß klebenden Ball ordnet er das Offensivspiel der Marokkaner. Für sein Alter leitet er es mit erstaunlicher Ruhe und Übersicht. Der Mittelfeld-Schlaks ist sich in der Arbeit nach hinten auch nicht für die defensive Grätsche zu schade.
Schnell nach oben
Seine Entwicklung verläuft mehr als rasant. "Ich hatte das Privileg, dass bei mir alles ziemlich schnell gegangen ist", sagte er der "L'Équipe". In der Jugend von OSC Lille wurde er groß, hier gelang ihm der Durchbruch, er wurde schnell gefördert.
Sein Vereinstrainer Bruno Génésio schwärmt: "Es ist ganz normal, dass er eine neue Dimension erreicht. Er hat viel Talent, zeichnet sich aber auch durch große Reife aus." Teamkollege Olivier Giroud attestiert ihm daneben ein sehr gutes Umfeld. "Er ist gelassen, selbstbewusst und bleibt sich selbst treu."
Bayerns 50-Millionen-Neuzugang humpelt vom Platz

Die Ambitionen sind so gigantisch wie das Talent. "Ich träume davon, alles zu gewinnen", diktierte er "L'Equipe". Da macht auch die Weltmeisterschaft keine Ausnahme. Marokko ist längst kein WM-Geheimfavorit mehr, sondern ein veritabler Mit-Favorit auf den WM-Titel. Nun geht es in die Crunchtime. Mit Top-Favorit Frankreich wartet jetzt die wohl größte Hürde, die es Richtung Pokal zu nehmen gilt. Im Mittelfeld wird Bouaddi auf Adrien Rabiot, Aurélien Tchouameni, Ousmane Dembélé und Michael Olise treffen. Ein Stresstest.
Dass er mit großen Namen mithalten kann, hat er schon nachgewiesen. In diese WM knallte er wie ein Meteorit. Gleich im WM-Debüt gegen Brasilien zeigte er eine überragende Leistung, viele Ballkontakte, hohe Passquote. All das gegen Casemiro, Bruno Guimaraes und Co.
Die Interessenten stehen Schlange
Dass er mit 18 schon derart abgezockt das Spiel an sich reißen kann wie gegen die Seleção, überraschte auch Experten. "Le Chef" nennen sie ihn nicht nur in Marokko, sondern auch bei seinem Heimatklub in Frankreich.
In Lille dürften in den kommenden Wochen einige Angebote eintrudeln. Nahezu alle großen Klubs stehen Schlange, um sich die Dienste des 18-Jährigen zu sichern. Sein Vertrag beim Klub in Nordfrankreich läuft bis 2029.
Real Madrid, Manchester City, FC Arsenal, FC Liverpool, auch dem FC Bayern wird Interesse nachgesagt. Der Marktwert Bouaddis wurde zuletzt auf 50 Millionen beziffert. Die Ablöse dürfte noch höher ausfallen. Vielleicht wird sie sogar dreistellig.
All das will das Supertalent aber nicht an sich ranlassen. "Im Moment konzentriere ich mich ausschließlich auf die Weltmeisterschaft und darauf, alles zu geben", sagte er lapidar zu den Gerüchten. "Ich bin wirklich stolz, für Marokko zu spielen."
Das beruht auf Gegenseitigkeit. Auch im Nationalteam Marokkos zieht er die Fäden. "Bei ihm muss man nichts ständig wiederholen. Er ist ein sehr intelligenter Junge", sagt Trainer Mohamed Ouahbi. Das verdeutlichen nicht nur die klugen Entscheidungen auf dem Platz und sein Mathe-Talent. Auch verbal ist er beschlagen, Mit 16 gewann er einst einen Rhetorik-Wettbewerb. Ein echter Tausendsassa.

