Lionel Messi weint und feiert, er sinkt auf die Knie und hält sich die Hände vors Gesicht - so emotional aufgewühlt ist der argentinische Superstar nach dem furiosen Comeback seiner Argentinier gegen Ägypten. Der Titelverteidiger hatte gerade das Achtelfinale mit 3:2 (0:1) gewonnen, stand aber am Rande einer Niederlage. Argentinien lag bereits zwei Tore zurück - auch, weil Messi einen Negativ-Rekord aufstellte.
Der Ausnahme-Fußballer, der sonst Bestmarken sammelt wie seine Fans ihre Sammelbilder, verschoss beim Stand von 0:1 den zweiten Elfmeter im Turnierverlauf. So ein Lapsus war bislang noch keinem Spieler in der WM-Geschichte unterlaufen, Elfmeterschießen nicht eingerechnet. In der 21. Minute der Partie in Atlanta scheiterte Messi mit einem halbhohen Schuss an Torwart Mostafa Shoubir. Die Ägypter führten zu dem Zeitpunkt nach einem Treffer von Yasser Ibrahim (15.) mit 1:0.
Total fertiger Messi macht die Tränenschleuse auf

Auch schon beim 2:0 in der Gruppenphase gegen Österreich mit einem Elfmeter gescheitert. Er hatte das Tor verfehlt, danach aber beide Tore für den Titelverteidiger erzielt. Insgesamt war es bereits der vierte verschossene Elfmeter des 39-Jährigen aus dem Spiel heraus bei seinen sechs WM-Teilnahmen - bei acht Versuchen. Macht eine Quote von nur 50 Prozent. 2018 in Russland hatte er einen Elfmeter gegen Island verschossen, 2022 auf dem zum Titel in Katar einen weiteren gegen Polen.
Wie gegen Österreich machte Messi aber auch diesmal seinen Fehlschuss wett: In der 84. Minute traf er zum 2:2-Ausgleich, nachdem Cristian Romero das Anschlusstor (79.) erzielt hatte, das Messi mit einer Flanke vorbereitet hatte. Enzo Fernández sorgte in der Nachspielzeit mit dem Siegtor für unbändige Euphorie bei der Albiceleste (90.+2).
Für Messi war es das neunte WM-Spiel hintereinander, in dem er traf. Zudem bedeutete der 125. Länderspieltreffer sein achtes Tor nach fünf Spielen im laufenden Turnier. Die WM-Torbestmarke, bei der er Miroslav Klose (16) abgelöst hatte, baute er mit seinem 21. WM-Tor aus. "Ehrlich gesagt gibt es kaum noch Worte, um ihn zu beschreiben. Er ist eine Legende, der beste Spieler der Welt - der Geschichte", sagte Julian Alvarez über seinen Kapitän.
Lautaro Martínez würdigte ihn als "Wegweiser, unser Bezugspunkt, unser Anführer". Als Messi nach dem Schlusspfiff Tränen des Glücks vergoss, habe er ihm noch auf dem Platz gesagt, "er soll es genießen, weil er es verdient hat. Wir werden weiterhin alles für uns geben, aber vor allem für ihn, weil es seine letzte Weltmeisterschaft ist und er uns so viel gegeben hat."
Argentiniens Trainer war gar nicht mehr zu halten: "Ich kann nicht mehr. Tut mir leid. Das ist zu viel. Was für eine Gruppe von Spielern", sagte er nach der Partie und musste das Siegerinterview abbrechen. Wie wird es wohl erst um seine Emotionen bestellt sein, wenn der Weg in Richtung Titelverteidigung noch weiter geht?
Im Viertelfinale trifft Argentinien auf die Schweiz oder Kolumbien. Der Turnierbaum meint es scheinbar gut mit Messi und Co.: Die Gruppe war mit Algerien, Österreich und Jordanien bewältigbar. Doch dann ging es schon los mit den aufmüpfigen "Kleinen". Im Sechzehntelfinale ging es gegen den WM-Neuling Kap Verde - was Argentinien aber mächtig viel Mühe kostete. Beim 3:2 brauchten die Südamerikaner die Verlängerung. Nun war auch Ägypten eine größere Hürde als erwartet. Wer weiß also, was das Viertelfinale dem Titelverteidiger abverlangt. Im Halbfinale würde dann ein Kracher warten - mit dem Duell aus dem Sieger zwischen Norwegen und England.
Eins scheint aber sicher: Messi macht sein Tor. Selbst, wenn er zuvor einen Elfmeter verschießt.


