Ein magischer Kanarienvogel in Mexiko-Stadt hat den Weltmeistertitel für die deutsche Nationalmannschaft vorhergesagt. Nach dem Schicksal von Bundestrainer Julian Nagelsmann befragt, legte sich der bunte Hüpfer im Gespräch mit ntv Sport fest. Er hat nur einen Hinweis: Nagelsmann darf nicht von seinem Plan abweichen.
Die Vorhersage ist die Krönung einer mythischen Verbindung der Mexikaner mit ihren Tieren. Sie spenden Hoffnung und Freude in wenig erfreulichen Zeiten. Zum Auftakt der Fußball-Weltmeisterschaft macht sich das Land auf die Suche nach einer Ente im Trikot der Nationalmannschaft. Sie verkauft Wasser. Sie wurde beim Eröffnungsspiel in der Stadt gesehen.
Da unterscheidet sich Lateinamerika nicht von Europa. Sonst jedoch gibt es signifikante Unterschiede. Denn nichts kann einen auf die Lautstärke von Mexiko-Stadt vorbereiten. Wenn der Tag einmal begonnen hat, gibt es kein Entkommen mehr.
Busse voller Totenmasken
Auf den Straßen türmen sich die Autos, die Busse und die übervoll beladenen Müllfahrzeuge. Sie alle unterhalten sich mit wilden Hupkonzerten und plötzlichen Spurwechseln. Meistens geht es gut, hin und wieder legt sich ein Motorradfahrer hin, springt auf und hadert mit seinem Schicksal.
Auf den Bürgersteigen trägt jede zweite Person ein Trikot der mexikanischen Nationalmannschaft. Der Auftaktsieg gegen Südafrika lässt den Co-Gastgeber träumen. Nicht nur von der nächsten Runde, sondern gleich vom ganz großen Coup: dem Gewinn der Weltmeisterschaft.
Nicht anders ist es auf der Plaza Garibaldi im Stadtzentrum. Dort halten am Abend der dritten und finalen Eröffnung der WM mit dem Spiel USA gegen Paraguay Partybusse und spucken Fans in Totenmasken aus. Sie feiern das Leben und ihre Nation, die während dieser nur 13 Spiele andauernden WM in Mexiko den Fußball und das Weltturnier feiert.
Der Kampf der Mariachis
Diese Ausgelassenheit, das Eröffnungsspiel im magischen Aztekenstadion und die große Liebe für den Fußballsport lassen die Entscheidung der FIFA für nur so wenige Spiele und das jähe Ende der WM in Mexiko nach dem Achtelfinale immer zweifelhafter erscheinen.
Aber das interessiert die Menschen nicht, die an diesem Abend in die Mariachi-Bars der Plaza Garibaldi strömen. Dort werden sie am Eingang erst auf Waffen durchsucht und dann in den Wahnsinn des Kampfs der Mariachis entlassen. In den Bars balgen sich die Bands um das Publikum. Mindestens zwei sind in jeder zu finden.
Sie ziehen von Tisch zu Tisch und singen ihre Lieder über verflossene Lieben und Leben. An diesem Ort verdichtet sich der Lärm der Stadt zu einer einzigen Kakophonie aus Klagen, Violinen, Trompeten, Gitarren, Vihuelas und dem tiefdröhnenden Bass der Guitarróns. An den Tischen träumen sie vom WM-Titel.
Die Tradition der Glücksvögel
Ausgerechnet dort sticht nun also ein mexikanischer Kanarienvogel hinein in diese vollkommen losgelöste Stimmung. Er macht eine gewagte Prognose. Die, wenn sie denn eintrifft, ausgerechnet das Land des ewigen Weltschmerzes, Deutschland, vollkommen euphorisieren dürfte - und für einen Moment zumindest für lateinamerikanische Verhältnisse in Mitteleuropa sorgen dürfte. Der mexikanische Kanarienvogel legt sich fest: Deutschland wird Weltmeister.
Die Sache ist so: Es ist nicht irgendein Kanarienvogel, sondern ein magischer Kanarienvogel, der die Zukunft vorhersagen kann. Die Pajaritos de la suerte, die Glücksvögel Mexikos, sind dabei eine aussterbende Art. Aus Tierschutzgründen verschwinden die Orakel langsam aus dem Straßenbild, hier an der Plaza Garibaldi, inmitten des Wahnsinns der Hauptstadt, haben sie noch ihren festen Platz.
Der Ablauf ist einfach. Dem Vogel wird eine Frage gestellt, sein Eigentümer, der Merolico, ein alter Quacksalber, lässt ihn aus seinem verzierten Holzkäfig, und der Kanarienvogel pickt sich zwei Zettel aus einer Box voller zusammengefalteter Zettel. Auf denen steht die Zukunft. Einmal die öffentliche Zukunft und dann die geheime Zukunft der entsprechenden Person.
Was Nagelsmann beachten muss
Während die Klänge der Mariachis immer lauter, immer dramatischer werden, äußert sich der Kanarienvogel nun im Exklusiv-Gespräch mit ntv Sport auch zu der drängenden Frage nach dem Schicksal des deutschen Nationaltrainers in den kommenden Wochen. Er hat ausschließlich gute Nachrichten.
"Nutze die großen Möglichkeiten, die sich dir bieten, und gute Menschen werden in dein Leben kommen und dich unterstützen", steht auf dem ersten Zettel. Doch der geheime Zettel ist die Zutat, die Nagelsmann auf eine Stufe mit Sepp Herberger, Helmut Schön und Joachim Löw heben dürfte.
Dabei geht der magische Kanarienvogel exakt auf die Kritik an Nagelsmanns Personaltableau für die WM ein. Durch seinen Zettel sagt er: "Halt an deinen Plänen fest und nutze die Chance, die sich dir in dem nächsten Monat des Glücks bietet." Klar: Ein Kanarienvogel muss mystisch bleiben, darf nicht zu konkret werden, doch die Botschaft ist eindeutig und lässt keinen Zweifel zu. Deutschland wird Weltmeister.
Dafür muss der Bundestrainer nun also gegen alle Kritiker an seinem System festhalten, besonders auf der Torhüterposition nicht von seinem Plan abweichen und schon versetzt er Deutschland in große Euphorie. Die Wahrheit steht auf den Zetteln des Pajarito de la suerte.
Eine Ente namens Merlyn
Doch nicht nur quacksalbernde Kanarienvögel faszinieren, sondern auch eine Ente namens Merlyn, die während des Eröffnungsspiels der WM mit einem Trikot der Nationalmannschaft auf den Straßen der Stadt gesehen wurde. Gemeinsam mit ihrer Besitzerin verkaufte sie dort Wasser gegen die Schwüle des Spieltags.
Die freundliche Ente, die rund um den El Ángel de la Independencia auf dem Paseo de la Reforma freundlich watschelte und von unzähligen Menschen fotografiert wurde, hat sich in den vergangenen Tagen zu einem Star in den sozialen Medien entwickelt.
Während sich die nationale und internationale Presse auf die Suche nach Merlyn und ihrer Besitzerin macht, freut sich der Rest darüber, dass es in Mexiko-Stadt zwar viel zu sehen und zu hören gibt, aber wenig zu verstehen. Es ist eine Stadt voller magischer Kanarienvögel, watschelnder Enten und der mythischsten Orte der WM-Geschichte. Es ist die Stadt, die mehr verdient hätte.







