Das Unheil kommt aus dem Süden. Schwere Wolken legen sich von dort über das Tal von Mexiko-Stadt. Erst reißen Blitze erste Löcher in die Schwüle des Tages, und mit dem ersten Donnergrollen versinken die verstopften Straßen im Wasser.
Binnen Minuten bilden sich unter den Brücken niemals zu Ende gebauter Schnellstraßenabschnitte riesige Wasserlachen, an ihrem Rande sammeln sich die Lieferfahrer auf ihren Motorrädern. Sie suchen Schutz und erhalten eine kurze Pause vom Verkehrsschrecken der 22-Millionen-Einwohner-Metropole.
Übers Radio ertönt die Stimme der mexikanischen Präsidentin Claudia Sheinbaum. Sie verspricht nichts weniger als eine friedliche Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 im Aztekenstadion. Kaum jemand in der Hauptstadt Mexikos will daran glauben. "Chaos" ist das beliebteste Wort für das, was sich den ankommenden WM-Touristen bietet.
130.000 verschwundene Personen
Mexiko-Stadt wird seit Tagen nicht nur von massiven Regenfällen, Sturzflutwarnungen und der großen Sorge vor Unwettern zur Eröffnung gepeinigt, sondern von unzähligen Gruppierungen als Protestplattform genutzt. Zu verlockend ist das Angebot der Eröffnungsfeier. Los ging es mit dem Radau bereits in der vergangenen Woche.
Auf dem Paseo de la Reforma, dem großen Boulevard, hatten sich protestierende Lehrer an den "Giants of Football", den Giganten des Fußballs, vergangen. Mit Seilen stürzten sie die fünf Meter hohen Statuen, wie man sonst nur Statuen gestürzter Diktatoren zu Boden reißt. Die Ausstellung verschwand, der Unmut der Lehrer blieb. Sie fordern Gehaltserhöhungen – und sie meinen es sehr ernst.

Geblieben sind auf dem Paseo de la Reforma unzählige Bilder von den über 130.000 verschwundenen Personen in Mexiko, die an Bauzäunen hängen, die überall zu sehen sind. In großen Lettern steht "Desaparecido" über den Fotos, unter ihnen das Datum des Verschwindens. Zu Füßen des historischen Wahrzeichens Mexikos, dem Ángel de la Independencia, platzieren unterdessen eine Handvoll Aktivisten schon früh am Tag ein gigantisches Plakat.
Die Polizei sperrt für diese Gruppe den Kreisverkehr vor dem Engel. Die Gruppe nennt sich "Mexicanos al grito de paz", also "Mexikaner beim Ruf des Friedens", eine Anspielung auf die erste Strophe der mexikanischen Hymne, in der es "guerra", Krieg, und nicht "paz", Frieden, heißt. Einige Touristen stehen herum und beobachten die Proteste gegen die angebliche "Narcos"-Regierung von Präsidentin Sheinbaum.
Historisches Aztekenstadion
Die eher dem konservativen Lager zuzurechnende Gruppe filmt ihr Werk mit einer Drohne. Die Polizei gibt den Verkehr wieder frei, und bald liegen sie ganz oben auf den Stufen des Denkmals flach auf der Erde, um spektakuläre Bilder von sich und dem Unabhängigkeitsengel zu schießen. Das gigantische Plakat streckt sich unter ihnen bis zum Fuße des Denkmals.
Ein wenig weiter entfernt ist der zentrale Platz Zócalo weiter gesperrt. Hier soll das Fanfest stattfinden, hier werden weiter große Proteste erwartet. Doch die wohl größten Proteste sind rund um das Eröffnungsspiel am 11. Juni angekündigt, wo sich all die Protestierenden, unter ihnen auch Rentner, Landwirte und Gesundheitspersonal, zu einer riesigen Demonstration in der Nähe des Stadions verabredet haben.
Kaum dürften sie dann Blicke haben für die zahlreichen Wandbilder auf dem Weg zum Aztekenstadion, die an die vergessene Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 1971 in Mexiko erinnern. Damals sahen über 100.000 Zuschauerinnen und Zuschauer das 3:0 der Däninnen im Finale gegen die Gastgeberinnen. Heute erinnern die Wandgemälde an die Kraft des Frauenfußballs und eine sehenswerte Doku namens "Copa 71".

Die Fußball-WM 2026 wird mit Sicherheit ebenfalls eine Doku bekommen. Welche Geschichte dabei diese fußballverrückte Metropole Mexiko-Stadt spielen wird, ist noch vollkommen unklar. Die angespannte Unruhe in dem gigantischen Wuselhaufen, in dem immer wieder auch Trikots aus den Teilnehmernationen auftauchen, lässt spannende Bilder erwarten. Die Stadt ist bereit für den Showdown am Donnerstag. Niemand kann sagen, wie dieser sich gestalten wird. Das Unheil aus dem Süden, die Sorge vor den Unwettern, ist dabei, so wirkt es, das geringste Problem.
ICE-Angst in Los Angeles
In Los Angeles bietet sich ein anderes Bild. Die Mega-Metropole an der Westküste der USA kümmert sich derzeit noch wenig um die WM. Hollywood ist Glitzer schließlich gewöhnt, auch wenn hier und da Werbebilder auf das nahende Turnier hinweisen. "Los Angeles glaubt an US-Soccer", steht da unter anderem. Und ein Adler, der eine amerikanische Flagge um die Flügel geschwungen hat, trägt eine Dose eines Brauseherstellers in den Klauen.
Lediglich die Taxifahrer, die aus Guatemala oder Griechenland stammen, sind allesamt heiß auf die WM. Einige sagen gar den großen Erfolg der deutschen Elf vollkommen überzeugt voraus. Ob bei diesen Wahrsagungen aber doch eher der Gedanke an das noch nicht entrichtete Trinkgeld eine Rolle spielt?
Auch am riesigen SoFi Stadium, dem modernsten aller WM-Stadien, wo die USA am Freitag in ihre Heim-WM starten, ist noch nicht viel los. Zuletzt teilten Stadionarbeiter mit, dass sie einen Streik in Betracht ziehen. Unter anderem geht es um die Angst, dass Agenten der US-Einwanderungsbehörde ICE das Gelände betreten könnten.

Hitze und Menschenschlange
Lediglich eine lange Menschenschlange brütet stundenlang in der glühenden Mittagshitze auf einem Betonparkplatz. Sie alle wollen eine Arbeitserlaubnis oder Akkreditierung für die WM abholen. Jedoch wissen die umherstehenden Mitarbeiter nicht genau, für wen diese menschliche Anakonda, die in einen grauen Container mit außen angebrachten Klimaanlagen führt, wirklich ist. "Try your luck", heißt es. Versuch dein Glück.
Das Thema ICE-Behörde ist auch hier allgegenwärtig. Etliche der Wartenden sprechen Spanisch und kein Wort Englisch, sie bekommen die Ansagen der Mitarbeiter übersetzt.
Wer keinen Sonnenschirm dabei hat, flüchtet sich in den Schatten von Bauzäunen, wenn es mal einen Schritt vorwärts geht. Flugzeuge vom LAX düsen im Sekundentakt über die aufgeheizten Köpfe. Hier und da fliegt auch ein Schwarm Möwen vorbei, der Pazifik ist nicht weit. Ein TV-Team kann es kaum glauben, packt direkt die Kamera aus und filmt.
Im Container gibt es dann schließlich die Erklärung für die Odyssee: Ein Drucker ist ausgefallen. Der WM-Start ist ja aber auch noch ein paar Tage hin.


