Auch nach einem der bisher größten Siege seiner Karriere blieb Luis de la Fuente seelenruhig. Sachlich ordnete er das beeindruckende 2:0 seiner Mannschaft im Halbfinale gegen den Top-Favoriten Frankreich ein. Statt großer Siegerpose lächelte er bescheiden.
"Es lässt sich schwer beschreiben, was für ein Gefühl das ist", sagte der Trainer der spanischen Fußball-Nationalmannschaft und betonte, er sei "extrem glücklich". Dabei blickte er aber drein, als müsse er gleich noch die Steuererklärung machen. Luis de la Fuente ist ein Phänomen. Kaum bekannt, lange unter dem Radar, aber extrem erfolgreich und geschätzt. Nun steht er mit seinem Team vor dem nächsten großen Coup.
Frankreichs Superstars bekommen WM-Lehrstunde

Dass man nun das Finale auf großer Bühne spiele, sei "eine große Verantwortung, die wir haben für das ganze Land", sagte de la Fuente. "Das ist etwas ganz Besonderes für uns. Jetzt muss ich aber erst einmal runterkommen und das verarbeiten."
Es geht immer ums Team - Streich zieht den Hut
Vor allem lobte der 65-Jährige immer wieder seine Schützlinge. "Diese Spieler haben es einfach verdient. Sie haben es verdient, weil sie Leidenschaft auf den Platz bringen, solidarisch spielen und weil sie auch ein extrem großes Talent haben. Sie haben die nötige Erfahrung und haben ein fantastisches Spiel gezeigt. Das, was schwer erscheint, haben sie mit Leichtigkeit bewältigt."
TV-Experte Christian Streich lobte im ZDF seinen Kollegen für seinen bescheidenen Auftritt: "Er hat in dem Interview achtmal die Mannschaft erwähnt, immer von der Gruppe gesprochen, vom Land, von Dankbarkeit. Er ist ein Weltklasse-Trainer und es kommt nur Demut rüber, Ruhe, Zurückhaltung", erklärte der frühere Freiburger Trainer. "Das ist außergewöhnlich. Genauso spielt seine Mannschaft."
Und sein Team spielt beängstigend gut. De la Fuente hat die Furia Roja zu einem brutalen Turniermonster geformt. Seit nun 37 Spielen ist die rote Furie ungeschlagen, der Weltrekord von Italien (2018 bis 2021) wackelt. Ausgerechnet im Finale kann Spanien die Bestmarke knacken. Wie passend.
Traumhafter Spielzug lässt Frankreich verzweifeln

Ob dort nun Argentinien oder England wartet, dürfte fast egal sein. Spanien wird als großer Favorit antreten. Schon im Halbfinale gegen Frankreich ging der Plan voll auf. Die defensiv starken Spanier (ein Gegentor im Turnier) erstickten die französischen Angriffsbemühungen im Keim, Ousmane Dembélé und Kylian Mbappé kamen überhaupt nicht zur Entfaltung, kreierten fast gar keine Abschlüsse aufs Tor.
In der Offensive zirkulierte die Elf von de la Fuente den Ball gekonnt übers Feld. Der viele Ballbesitz, eine Art Tiki-Taka 2.0. zermürbt den Gegner. Das erinnert schon arg an die fulminanten Spanier aus dem Jahr 2010, als das Team um Xavi und Andres Iniesta Weltmeister wurde. Heute leiten Rodri und Dani Olmo das Spiel. Pau Cubarsi gibt den defensiven Betonblock. Die Lehrstunde gegen die französische Übermacht und das ganze Turnier lassen sich vor allem auch de la Fuente zuschreiben. Die Mischung aus Kombinationsspiel und hartem Pressing funktioniert bisher sehr gut.
Der spanische Coach hat einen spannenden Karriereweg hinter sich. Als Linksverteidiger bestritt er einst eine Profikarriere, unter anderem bei Athletic Bilbao und dem FC Sevilla, wurde selbst Meister und Pokalsieger. Ende der 1990er startete er seine Trainerkarriere, wobei er nicht bei den großen Klubs anheuerte. Auch hier: Sevilla, Bilbao, Deportivo Alavés. De la Fuente trainierte vor allem Reservemannschaften, machte Nachwuchsarbeit.
2013 wechselte er zum spanischen Verband, wurde dort erst U19-Trainer, dann U21-Coach - eine einzige Erfolgsgeschichte. Europameister, Olympiasieger. Zudem arbeitete er schon früher mit Stars wie Rodri, Unai Simon, Dani Olmo Mikel Oyarzabal oder Marc Cucurella zusammen. Er trieb früh die Entwicklung der Jungstars Nico Williams und Lamine Yamal voran. Die meisten Spieler kennt er aus deren Jugendtagen.
De la Fuente bringt den Erfolg zurück
Nach dem frühen WM-Aus 2022 - dem dritten in Folge, nachdem es 2010 noch den Titel gegeben hatte -, übernahm er die spanische Nationalmannschaft. Ein wahrer Glücksgriff für Spaniens Fußball. Auch dieser Weg ist von großen Erfolgen gepflastert. 2023 gewann er die Nations League, 2024 warf er Deutschland aus der EM und wurde anschließend Europameister, nun steht er mit Spanien erstmals seit 2010 wieder im WM-Finale. De la Fuente hat den Erfolg nach Spanien zurückgebracht.
Dabei ist er nicht der große Taktik-Nerd, definitiv kein Laptoptrainer. De la Fuente gilt vor allem als ein großartiger Anführer von Mannschaften, als Menschenfänger. Er kann ein Team entwickeln und durch ein Turnier führen. Wollte man sich einen Trainer und Leader malen, käme wohl eine Figur wie de la Fuente heraus. Das beeindruckt nicht nur Christian Streich. Zudem profitiert er davon, dass er die meisten Spieler schon lange kennt. Sie vertrauen ihm, schätzen ihn.
Die unaufgeregte Art kommt gut an. Er freue sich "sehr für unsere Fans", sagte de la Fuente und bedankte sich "für die Unterstützung, für die Zuneigung, für die Art und Weise, wie die Fans uns getragen haben durch das Turnier. Es ist eine große Ehre für mich, es ist ein großer Stolz, dass wir diese Fans hinter uns haben."
Und eine Art euphorische Ansage kann er dann doch auch: "Jetzt wollen wir auch den Titel", betonte er.

