Es war schon spät, als die Unbekannte mit Säure wiederkam. Einige Stunden zuvor hatte sie bereits vor Yoane Wissas Haustür gestanden – wegen eines Autogramms. Ein Vorwand. Bei ihrer verhängnisvollen Rückkehr spritzte die Frau dem Fußballprofi eine ätzende Flüssigkeit in die Augen. Der Anschlag, der nun fünf Jahre her ist, verfolgte den neuen WM-Helden der Demokratischen Republik Kongo lange.
"Ich schrie und konnte nicht mehr atmen. Meine Frau rief den Rettungsdienst, und man sagte ihr, ich solle mich unter die Dusche stellen, um meine Augen auszuspülen. Im Krankenhaus teilte man mir mit, dass meine Augen Verätzungen erlitten hatten", berichtete Wissa laut ESPN bei der Gerichtsverhandlung. Fast wäre er erblindet, vorbei wäre es mit der Fußballkarriere gewesen. Und auch sein WM-Märchen hätte es nicht gegeben.
"Jedes Mal Panik, wenn ich ein Geräusch höre"
Damals hatte der Stürmer beim FC Lorient in Frankreich gespielt. Die Täterin, die Anfang 2025 zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde, hatte Wissas Tochter entführen wollen. Einen Tag später griff sie eine weitere Frau mit Säure an. Wissas Augenlicht konnte durch operative Eingriffe gerettet werden, aber auch auf der Seele hinterließ die Attacke Narben. "Seitdem gerate ich jedes Mal in Panik, wenn ich ein Geräusch höre", sagt Wissa. Er und seine Frau hätten einen Psychologen aufgesucht, seine Gattin habe unter Depressionen gelitten.
Im Sommer 2026 verblassen die schmerzhaften Erinnerungen, vor allem weil Wissa in der Form seines Lebens ist. Mit drei Toren in der Gruppenphase schoss der Angreifer sein Land erstmals in die K.o.-Runde einer WM. Die staatliche Nachrichtenagentur Agence congolaise de presse pries Wissa als "Nationalhelden". Am Mittwoch (18 Uhr, ARD und MagentaTV sowie im Liveticker bei ntv.de) warten im Sechzehntelfinale von Atlanta die Engländer. Laut Wissa "ein großes Biest", das der 29-Jährige bestens aus der Premier League kennt.
"Nicht mein bestes Gesicht gezeigt"
Dorthin war Wissa im Sommer des Anschlags gewechselt. Zunächst zum FC Brentford, für den er nur 51 Tage nach der schrecklichen Nacht debütierte. Über die Jahre mauserte er sich dort zu einem Torjäger. So zuverlässig, dass Newcastle United im Vorjahr 58 Millionen Euro für seine Dienste auf den Tisch legte. Als Teamkollege von Malick Thiaw und Nick Woltemade, aber besonders als Konkurrent des deutschen Nationalstürmers, erlebte Wissa jedoch eine bittere Premierensaison bei den Magpies.
Wegen einer Knieverletzung verpasste er die erste Hälfte der Spielzeit, insgesamt kam er auf einen einzigen Ligatreffer. Doch wieder ließ sich Wissa vom Schicksal nicht kleinkriegen. "Bei Newcastle habe ich nicht mein bestes Gesicht gezeigt, aber ich wusste, dass meine Zeit kommen würde", sagte Wissa nach seinem für das Weiterkommen entscheidenden Doppelpack im letzten Gruppenspiel gegen Usbekistan (3:1) im Gespräch mit AFP. Er sei "stolz darauf, zeigen zu können, dass ich ein guter Spieler bin". Wer hätte das zu träumen gewagt, damals in der Nacht, als die Unbekannte wiederkam.
