Martha Leticia Garcia Cruz kann nicht weitersprechen. Tränen rinnen ihre Wangen runter und bilden einen kleinen Fluss, der das stark aufgetragene Make-up verwischt. Dann schluckt sie und sagt: "Er ist mein einziger Sohn, mein compañero des Lebens. Mein Freund. Die Angst um ihn lässt mich keine Sekunde am Tag los."
Garcia Cruz sucht ihren Sohn Cesar Ulises Quintero Garcia. Seit beinahe neun unbegreiflich langen Jahren ist er verschwunden, seit seinem 21. Lebensjahr. Stetig überschlägt sich die Stimme der Mutter und immer wieder kämpft sie gegen Tränen an, während sie erzählt, wie der junge Agro-Biotechnologie-Student im August 2017 zu einem ehemaligen Professor wollte, aber nie ankam. "In dem Moment, als er nicht ans Handy gegangen ist, wusste ich sofort, dass etwas Schlimmes passiert ist. Wir haben sofort die Polizei, Freunde und Familie eingeschaltet, aber es half alles nichts. Sein Handy haben wir noch gefunden, aber er ist einfach vom Erdboden verschwunden."
In Guadalajara, im mexikanischen Bundesstaat Jalisco, ist diese Geschichte kein Einzelschicksal. Garcia Cruz gehört zu etwa 300 Familien, die mit dem Kollektiv namens "Luz de Esperanza" (Licht der Hoffnung) nach ihren verschwundenen Familienmitgliedern suchen. Der Großteil der Vermissten sind junge Männer, Söhne. Die allermeisten Suchenden ihre Mütter.

"Sohn, hör zu"
Am Tag des zweiten WM-Spiels der mexikanischen Nationalelf versammeln sich in Guadalajara etwa zwei Dutzend Familienangehörige und kritisieren die lokalen Regierungen und Polizeibehörden. Auch gegen die WM und das viele Geld, das sie frisst, protestieren sie. Auf den Plakaten blicken die vielen Gesichter ihrer Vermissten entgegen. Auf einem selbstgebastelten WM-Pokal steht "Fuck FIFA" und ein Fußball wurde angemalt mit der Aufschrift: "Weltmeister der Verschwundenen".
"Sohn, hör zu. Deine Mama kämpft um dich", skandieren die Mütter und anderen Angehörigen. "Bruder, hör zu. Deine Schwester kämpft um dich."
Drogenkartelle, insbesondere das in der Region Guadalajara operierende Kartell "Jalisco Nueva Generación" (CJNG), das mittlerweile das größte und gefährlichste Mexikos ist, entführen hier systematisch Menschen, um sie zur Zwangsrekrutierung zu zwingen, in "Ausbildungslagern" festzuhalten oder zu illegalen Machenschaften zu zwingen. Wer die militärische Ausbildung oder das Kampftraining nicht besteht, zu fliehen versucht oder seine illegalen Aufgaben nicht leisten will, wird regelmäßig gefoltert und getötet.
In Jalisco gibt es derzeit 16.110 vermisste Personen, wie aus Daten der Kommission zur Suche nach vermissten Personen des Bundesstaates hervorgeht. Allein schon damit ist das Ausmaß der Gewalt dort seit 2019 das größte im ganzen Land. Doch es dürfte in Wirklichkeit weitaus größer sein als die offiziellen Zahlen zeigen. Das Observatorio Jalisco Cómo Vamos führte vor einigen Wochen eine Umfrage zur Wahrnehmung der Lebensqualität durch und 8,6 Prozent der Haushalte im Großraum Guadalajara gaben an, einen vermissten Angehörigen zu haben. Damit leiden etwa 123.000 Haushalte in Guadalajara unter dem Schmerz und der Ungewissheit, nicht zu wissen, wo sich ihre Angehörigen befinden und ob sie noch leben.
Kreisverkehr für die Verschwundenen
Es sind so viele, dass das Wahrzeichen der Stadt, das "Denkmal für die Kinderhelden", das an sechs junge Kadetten erinnert, die 1847 in einem Krieg gegen die USA umkamen, im Volksmund längst in "Glorieta de las y los Desaparecidos" umgetauft wurde. In Kreisverkehr für die Verschwundenen, weil an dem Monument Hunderte Plakate und Fotos von Vermissten hängen. Stumme Schreie. Unübersehbar, unüberhörbar.
"Die höheren Zahlen sind kein Geheimnis, und dies wurde von den Opferfamilien bereits mehrfach betont", sagt Denisse Montiel Flores im Interview. "In Jalisco liegt die Dunkelziffer bei über 91 Prozent." Dabei handele es sich um einen sehr hohen Prozentsatz an Straftaten, die nicht angezeigt werden, weil die Betroffenen Angst vor Erpressung, Übergriffen durch Kartelle oder auch Behörden sowie vor bürokratischen und sehr langwierigen Verfahren hätten.
Montiel Flores ist Co-Direktorin der unabhängigen Menschenrechtsorganisation CEPAD, die seit 2006 Suchaktionen organisiert, sich um die Familien kümmert, die unter der Kartellgewalt besonders leiden, und "Colectivos" von Familien wie "Luz de Esperanza" unterstützt. "Wir bieten Opfern von Folter und Verschleppung umfassende Begleitung, um den Zugang zur Justiz, zur Wahrheit und zu umfassender Wiedergutmachung zu fördern", sagt die Direktorin.

"Nicht in Sack in der Erde finden"
"Wir suchen überall, vor allem in ländlichen Gebieten im ganzen Land", sagt Garcia Cruz, die ein großes Netzwerk von Leuten besitzt, die sie und ihr Kollektiv bei den kleinsten Informationen anrufen: "In Obdachlosenheimen, in Krankenhäusern, in Entzugskliniken, in Gefängnissen, in geheimen Vernichtungszentren der Kartelle. Aber auch in der Erde nach Leichenresten." Dann nehmen die Mütter den schweren Weg auf sich - die Suche ist außerdem aufgrund der Kartellgewalt sehr gefährlich und es ist schon zu Angriffen gekommen -, organisieren Spitzhacken, Spaten oder Bagger und graben. In der Hoffnung auf Antworten. In der ständigen Angst, die Überreste oder Leichenteile ihrer Liebsten in einem Plastiksack zu finden. Auch während der WM.
Die Mütter in Guadalajara glauben allesamt daran, dass ihre Söhne noch am Leben und nicht irgendwo verscharrt sind. "Mein Sohn hat schon immer Fußball gespielt, seit er vier oder fünf Jahre alt war und später hat er auch Kinder trainiert", erinnert sich Garcia Cruz und flüstert weiter. "Wir hätten so viele schöne Pläne für diese WM in Mexiko gehabt, mein Sohn und ich. Ich muss aber daran glauben, dass er sich jetzt über die Siege der Nationalelf freut und irgendwo diese WM erlebt."
Guadalupe Rivera Cedeño erzählt, wie ihr nun 34-jähriger Sohn vor 1501 Tagen verschwunden ist, als er für seine Oma ein paar Medikamente besorgen wollte: "Ich bin nun ganz allein. Mein Herz und meine Religion verbieten mir aber, zu glauben, dass er tot ist. Ich bete jeden Tag zu Gott, dass ich ihn nicht in einem Sack in der Erde finde. Ich will und werde in lebendig zurückhaben."
"Ich bin seine Stimme"
Auch Rivera Cedeño weint bei den Erzählungen über ihren besonders Tiere liebenden Sohn. Sie spricht sehr langsam, macht immer wieder Pausen. "Ich gehe den Weg des Lebens nur noch, weil ich ihn suchen muss. Aber mein Herz und meine Seele sind an einem fernen Ort", sagt sie. "Ich bin seine Stimme. Er hat seine schon lange verloren."
Die Mutter kritisiert, dass die ganze Stadt unter diesem "Trauma der Vermissten" leide, jedoch die lokale Regierung schlichtweg nicht bei der Suche und der Identifizierung von Leichen helfe. "Aber wir erhoffen uns von der Politik auch nichts, denn die steckt leider mit den Kartellen unter einer Decke. Es heißt nicht umsonst: Narco-Regierung. Wir müssen also selbst kämpfen und uns selbst beschützen." Auch Garcia Cruz merkt an: "Ich konnte nicht mehr arbeiten und auch mein komplettes Sozialleben ist zugrunde gegangen, weil ich ihn suchen muss. Wenn ich es nicht tue, wird es niemand tun."
Montiel Flores von CEPAD erklärt bezüglich der Themen Strafverfolgung, Zugang zur Justiz und Straflosigkeit, dass es die Behörden mit zu vielen Vermisstenfällen überfordert seien. Von 14.109 Ermittlungsverfahren im Land, verteilt auf gerade einmal 43 Staatsanwaltschaften, hätten lediglich 510 Fälle die gerichtliche Phase erreicht. Nicht einmal fünf Prozent. "Von diesen vor Gericht verhandelten Fällen gibt es nur 69 Urteile - sowohl Freisprüche als auch Verurteilungen -, was weniger als ein Prozent der Gesamtzahl der aktiven Fälle ausmacht. Diese Zahlen belegen nicht nur die Unzulänglichkeit des Justizsystems, sondern deuten auch auf die Entstehung einer strukturell bedingten Straflosigkeit hin", so Flores.
Kritik an WM-Geldern

Guadalajara erreichte die internationale Öffentlichkeit im Februar, als in dieser Gegend tödliche Unruhen wüteten, nachdem die mexikanische Armee im Februar Nemesio Oseguera Cervantes, genannt "El Mencho", getötet hatte. Den Boss des CJNG. Die Mütter nutzen nun das Scheinwerferlicht der WM, um auf die schlimme Lage mit Verschwundenen hinzuweisen. Ein Thema, das es sonst nur selten über die Landesgrenzen schafft.
Wie es sich für sie anfühlt, dass das Turnier nun im Land ist? "Fatal", gibt Rivera Cedeño zu. Sie verzieht den Mund. "Die Regierung will ein falsches Bild malen und steckt deshalb Millionen um Millionen in das Turnier." Die Vermissten-Bilder ihres Sohns hat sie zur WM im Stil von Panini-Stickern von Fußballern drucken lassen. Wie Tausende andere hängen sie in der Stadt, an Hauswänden, an Laternenpfosten, an der FIFA-Fanmeile. "Ich bin nicht gegen die WM, mein Sohn liebt Fußball ebenfalls", sagt die Mutter und richtet sich auf. "Aber wir sind Menschen. Mit echtem Schmerz und diesem riesigen Problem der Vermissten. Das sollte doch weitaus wichtiger sein. Man könnte das ganze Geld etwa dafür benutzen, um Leichen zu identifizieren, denn damit kommt die regionale Regierung überhaupt nicht hinterher."
"Heute ist jeder Tag schwarz"
"Für die WM wurde viel Geld ausgegeben, um Guadalajara als wunderschön darzustellen", kritisiert auch die Lehrerin Brenda Santiago Toribio, die seit fast drei Jahren ihren Bruder sucht. "In Wahrheit ist es hier aber nicht schön. Wenn es so weitergeht, wird es bald in jeder einzelnen Familie einen Vermissten geben. Oder drei oder vier."
800 Meter entfernt von den trauernden Müttern findet das offizielle FIFA-Fanfest statt. Tausende in den grünen Trikots der Nationalelf feiern dort ausgelassen. Santiago Toribio sagt, sie habe die Hoffnung für ihren Bruder noch nicht aufgegeben, aber es werde immer schwerer. Sie blickt zu Boden. "Wenn ich wüsste, dass er tot ist, könnte ich wenigstens richtig um ihn weinen." Stille. "Nichts ist mehr, wie es war. Ich fühle oft gar nichts. Heute ist jeder Tag schwarz."



