Guadalajara, das ist Fußball in Reinform. Die Stadt atmet den Sport wie kaum eine andere weltweit. Auch deshalb feiern die Fans beim einzigen Gruppenspiel des Co-Gastgebers Mexiko in Guadalajara eine Megaparty, die für diese sagenumwobene WM-Stimmung sorgt, die in den USA oftmals vermisst wird. Die Fußball-Seele hat.
Und die El Tri dank des 1:0 (0:0)-Sieges über Südkorea zum Gruppensieger und direkt ins Sechszehntelfinale des Turniers katapultiert. Als Bonus gibt es das erste K.-o.-Spiel nun sicher im Aztekenstadion in Mexiko-City. Der Freudentaumel und die ohrenbetäubenden Gesänge wollen nach Spielende überhaupt nicht mehr aufhören, die Fußballer tanzen im Mittelkreis wie Heranwachsende auf einer Quinceañera.
Ganzes Stadion brüllt: Mexiko-Fans sorgen für Gänsehaut

Allerdings: Guadalajara ist auch Verschleppung, Tod und Trauer. Die Stadt im mexikanischen Bundesstaat Jalisco gilt als neue Hochburg der Gewalt der Drogenkartelle und nirgendwo sonst im Land ist die Rate der Vermissten so hoch wie hier. Beim Bau des neuen WM-Stadions wurde viele Massengräber gefunden. Mehr als 500 Leichen oder Leichenteile wurden in der Umgebung ausgegraben, die früher ein abgelegenes Naturschutzgebiet war.
Twerk-Party, Grillgeruch, Girlanden
Diese makabren Hintergründe wollen die Leute hier aber vergessen, um diese WM-Feier zu leben. Etwa als vor dem Stadion eine Liveband mit Posaunen, Saxofon, Trommeln und Trompeten mit traditionellen Tamborazo-Klängen loslegt und eine spontane Tanzparty entsteht. Die Umherstehenden pfeifen, kreischen, tröten. Ein paar hundert Meter weiter legt ein DJ auf und scharrt vor allem junge Menschen um sich. Mit Daddy Yankees "Gasolina" holt er sie sofort ab, Mädchen wie Jungs zeigen ihr Twerk-Können. "Mexiko. Korea. Wir machen gemeinsam Party", ruft der DJ.
Hauptsache fiesta loca. Nicht umsonst hat man hier in Guadalajara die Mariachi-Musik und den Tequila erfunden. Rund um das Stadion wie auch in jedem Shop in der Stadt flattern die kleinen WM-Fähnchen. Denn farbenfrohe Girlanden, Papel Picado genannt, sind Pflicht auf jeder mexikanischen Party. Im gesamten Stadion duftet es ununterbrochen nach Grillgut. Ein paar Spinnen und Falter schaffen es auch rein.
Mexiko zittert sich gegen klägliches Südkorea in K.-o.-Phase

Das ist WM. Das hat Seele. Das hat Emotionen. Das ist, was die FIFA nicht verstehen will und was sich die Fans hier aber einfach selbst entwerfen. Trotz teurer Tickets, die für Normalverdiener in Guadalajara unter keinen Umständen erschwinglich sind. Eine willkommene Antithese zum sterilen High-End-Entertainment in vielen US-Stadien.
Beste Trinkpause der WM
Die 45.522 Zuschauer im Estadio Akron machen von Anfang an so viel Lärm, dass ein Dezibelmessgerät auf der Leinwand unfassbare 149 anzeigt. Eine Kurz-Recherche klärt auf: Das ist so laut wie ein in unmittelbarer Nähe startendes Düsenflugzeug oder ein Gewehrschuss. Etliche Medienschaffende holen nun die Ohrstöpsel heraus. Bei der Nationalhymne, die alle Mexikaner im Rund mitschmettern, hat das Messgerät aber sicherlich die 200er-Marke durchbrochen.
Doch fußballerisch gibt es trotz ununterbrochener Gesänge in einer schlechten Partie wenig Partygründe. Das erste Highlight der El Tri ist eine Rettungstat (16.): Nach einem Heber von Heung-Min Son über den mexikanischen Keeper verteidigt Kapitän Edson Alvarez das Spielgerät Zentimeter vor der Torlinie per Helden-Fallrückzieher weg. Auch wenn abseits gepfiffen wird, die Partie erwacht immerhin mal kurz.
In der 20. Minute folgt beinahe die Führung der Mexikaner: Der Kopfball von Julian Quinones, der schon im Eröffnungsspiel für das 1:0 gesorgt hatte, aus sieben Meter findet aber in Torhüter seinen Meister in Torwart Seung-Gyu Kim. Danach allerdings übernehmen die kompakten Taeguk Warriors das Zepter - und werden gnadenlos ausgepfiffen.
Mexiko - Südkorea 1:0 (0:0)
Tore: 1:0 Luis Romo (50.)
Mexiko: Rangel - Sanchez, Alvarez, Vázquez, Gallardo - Romo (71. Vargas), Lira, Gutiérrez (71. Pineda) - Alvarado (80. Reyes), Jimenez (80. Gimenez), Quinones (84. Huerta). - Trainer: Aguirre
Südkorea: Kim Seung-gyu - Lee Han-beom, Kim Min-jae, Lee Gi-Hyeok - Kim Moon-hwan (71. Eom Ji-Sung), Hwang In-beom, Paik Seung-Ho (77. Cho Gue-Sung), Seol Young-woo (71. Yang Hyun-jun) - Lee Kang-in, Son Heung-min (57. Oh Hyeon-Gyu), Lee Jae-sung (57. Hwang Hee-chan). - Trainer: Hong Myung-bo
Schiedsrichter: Gustavo Tejera (Uruguay)
Zuschauer: 45.522 in Guadalajara
Gelbe Karten: Lee Kang-in, Paik Seungho
Und weil es so gar keine Chancen mehr gibt bis zum Pausentee, erhalten auch die Mexikaner Buhrufe von ihren nach Offensivaktionen lechzenden Fans. Aber egal, dann nutzt man eben die Trinkpausen, um zu feiern. Diese sonst für Zuschauer eher nervige Unterbrechung mutiert hier zur besten Pause der WM: Eine traditionelle Liveband heizt ein, die Fans brechen in wilde Tänze aus. Mit dem letzten Ton geht das Spiel weiter.
"Kacktor" als Koreas Geschenk
Immerhin kommt El Tri besser aus der Kabine und erhält prompt mit ganz Guadalajara ein Geschenk mit Schnürchen von Keeper Kim überreicht: Eine einfache Bogenlampe hat er schon sicher, rennt aber in seinen Mitspieler und lässt im eigenen Fallen auch die Kugel los. Luis Romo sagt Gracias und schiebt blitzschnell ein (50.).
Ein Treffer, der Arnd Zeiglers "Kacktor"-Reihe alle Ehre macht. Aber was interessiert das hier schon jemanden? Endlich hat das Stadion die komplette Ekstase, die alle herbeigehofft hatten. Das Design des Estadio Akron basiert auf einem Vulkan - und in diesem Moment ist er ausgebrochen. 220 Dezibel? Locker.
In der 75. gibt es beim Grätschschuss von Raul Jimenez noch einmal einen lauten Aufschrei, aber diesmal hält Torwart Kim sicher. Südkorea hat bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Schuss aufs Tor geschafft. In der 87. Minute überschlagen sich die Ereignisse auf einmal, weil Mexikos Torhüter Raul Rangel mit einem wilden Doppelreflex auf der Linie die einzige Chance Südkoreas entschärft. Der Applaus ist fast so laut wie beim Tor.
Erst WM, dann den Rest des Lebens
Dann ist Schluss. Bei der WM 1970 riefen in Guadalajara Plakate die Menschen in die übertragenden Kinos, um die Partien der legendären Brasilianer zu verfolgen: "¡Hoy! No trabajamos porque vamos a ver a Pelé", stand da geschrieben. Heute arbeiten wir nicht, weil wir Pelé gucken. Das Motto könnte etwas abgewandelt wieder hervorgekramt werden. Schließlich wurde auf der Fanmeile in der historischen Altstadt schon den ganzen Tag über getrommelt und getanzt, was das Zeug hält. Trotz glühender Mittagshitze.
Doch auch hier entkommt man den Gegensätzen dieser Stadt nicht: Die Fotos von unzähligen Vermissten an den Laternenmasten auf den Fanfesten erzählen eine Geschichte abseits der WM. Die der Gewalt der Drogenkartelle. Noch im Februar herrschten tödliche Unruhen, nachdem die mexikanische Armee im Februar Nemesio Oseguera Cervantes, genannt "El Mencho", getötet hatte. Den Boss des mächtigsten Kartells des Landes.
Im Estadio Akron, bei Grillgeruch und Mariachi-Musik ist das alles für 90 Minuten vergessen. Dort fühlt sich das Megaparty-Spiel wie das Wichtigste auf der Welt an. Vielleicht braucht die geschundene Seele Guadalajaras exakt das, genauso wie dieses Turnier. Jetzt ist Fußball, jetzt ist WM - und dann gibt es noch den Rest des Lebens.



