Längste Serie bald futsch?In Europa bahnt sich die große Meister-Sensation an

Die famose Bayern-Serie ist schon vor zwei Jahren gerissen. Doch ganz im Osten Europas siegt sich ein Klub schier unendlich zu Meistertiteln. Damit ist jetzt wohl bald Schluss - zur Freude der Traditionalisten. Im wilden Wald wird es stiller.
Erinnern Sie sich noch an 2012? Der US-Präsident hieß Barack Obama, Formel-1-Weltmeister war Sebastian Vettel, die Menschen hierzulande tanzten zu dem damals größten Song, dem brasilianischen Hit "Ai Se Eu Te Pego!". Nossa!
Und Ludogorez Rasgrad holte den ersten Meistertitel in Bulgarien. Den ersten von 14 in Serie. Bis heute hat das Team aus der Provinz des osteuropäischen Landes diese Serie sensationell ausgebaut. Doch schon bald könnte die längste aktive Serie in Europa enden. Traditionsklub Lewski Sofia stand nach Ende der regulären Saison bei 70 Punkten und hatte damit zehn Zähler Vorsprung auf den Dauer-Champion.
Am vergangenen Wochenende ist nun die Meisterschaftsrunde gestartet. Dort spielen die Top-4-Teams nochmal je zwei Mal gegeneinander, es gibt also sechs zusätzliche Partien. Die in der Hauptrunde erzielten Punkte werden mitgenommen. Wer am Ende dann oben steht, ist Meister. Ein weiter Weg also für Rasgrad zu Titel Nummer 15, der sie zum alleinigen Rekordteam machen würde. Das erste Spiel ging direkt verloren, Lewski hingegen gewann. 13 Punkte in fünf Spielen, da müsste schon ein sehr großes Fußball-Wunder her.
Steiler Aufstieg in der Provinz
Kommt es jetzt also tatsächlich zur Entthronung, wäre dies nicht nur das Ende der längsten aktiven, sondern auch generell längsten Meisterfolge des Kontinents. Diese Ehre in Europa teilt sich Rasgrad aktuell mit Lincoln Red Imps (Gibraltar, 2003 bis 2016) und Skonto Riga (Lettland, 1991 bis 2004). Der FC Bayern steht ebenfalls weit oben mit elf Titeln in Folge in den Jahren 2013 bis 2023. Erst Bayer Leverkusen und Xabi Alonso crashten diese Ära vor zwei Jahren ins Aus.
Nun ist auch die Erfolgsserie von Rasgrad atemberaubend, kommt aber bei genauerer Betrachtung wenig überraschend und missfällt vor allem den Traditionalisten.
Schon mit dem Aufstieg metamorphosierte der Klub zum einzigartigen Dominator. Der Hintergrund ist wenig fußball-märchenhaft: Der Klub hat einen reichen Gönner. Der bulgarische Oligarch und Pharma-Unternehmer Kyril Domustschiew übernahm den Verein 2010/11 und setzte sofort erfolgreiche Finanzspritzen. Klub-Operation geglückt: Bereits zur Winterpause wurde das Personal eifrig ausgetauscht, flugs folgte also der Aufstieg in die oberste Parwa Liga.
In dem Tempo ging es dann weiter. In der ersten Erstliga-Saison gelang das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Supercup. Eine historische Leistung, denn das gelang bislang nur dem FC Levadia Tallinn. Leckerbissen aus Europas Daten-Museum.
Märchen aus dem "wilden Wald"?
Dieser rasante Aufstieg war indes ein Schlag ins Gesicht für die beiden großen Traditionsklubs aus der Hauptstadt Lewski und ZSKA (nicht zu verwechseln mit ZSKA 1948 Sofia, das nach dem finanziellen K.o des alten Klubs neu gegründet wurde). Die beiden ewigen Rivalen, die sich bisher meist die Macht teilten. Lewski führt die ewige Tabelle an, ZSKA ist mit 31 Titeln Rekordmeister vor Lewski (26). Ludogorez hat sich mit den 14 Meisterschaften in dieser Bilanz schon auf den dritten Rang geschoben. Wegen der neuen mit Geld gepamperten Konkurrenz aus dem Nordosten des Landes fielen die beiden Schwergewichte ins zweite Glied. Eine bittere bulgarische Pille: Abgehängt vom künstlich angeschobenen Prestige-Projekt in der unbekannten 30.000-Einwohner-Stadt. Und das von einem Provinzklub, dessen Name Ludogorez so viel wie "wilder Wald" oder "verrückter Wald" bedeutet.
Rasgrad fuhr mit einer speziellen Transferpolitik jahrelang erfolgreich. Vor allem aus Brasilien, Portugal und Afrika kommen Talente, die dann oft weiterverkauft werden. Mit vielen Leihgeschäften schiebt der Klubs Spieler hin und her, ist eine Art Hub in Osteuropa. Vor dieser Saison kamen so 15 Spieler ins Team. Bulgarische Talente findet man eher seltener, diese sollen aber dennoch Identifikation stiften.
Aus dem aktuellen Kader haben die eher unbekannten Brasilianer Rwan Cruz, Erick Marcus und Caio Vidal mit jeweils 3,5 Millionen Euro den höchsten Marktwert. Gefährlichster Mann ist der Bulgare Ivaylo Chochev mit 16 Toren und fünf Vorlagen. Auch ein deutscher Profi steht im Kader, Keeper Hendrik Bonmann, der einst bei Borussia Dortmund II, 1860 München und RW Essen spielte. In dieser Saison kam er auf 34 Pflichtspieleinsätze. Weiteres bekanntes Gesicht aus Deutschland: Vor der Saison wechselte der zentrale Mittelfeldspieler Filip Kaloc vom 1. FC Kaiserslautern nach Ludogorez (49 Partien für den FCK).
Regelmäßig tritt die Mannschaft international an, in der Conference League, Europa League und sogar schon in der Champions League.
Kein Publikumsmagnet
Den denkwürdigsten Auftritt gab auf dem Weg dorthin 2014: Im Playoff-Rückspiel zur Champions League gegen Steaua Bukarest schlug die große Stunde von Abwehrspieler Cosmin Moti. Zum Ende der Nachspielzeit der Verlängerung flog der eigene Keeper vom Platz. Alle Wechsel waren erschöpft, Moti rückte als Feldspieler ins Tor und stieg zum Helden auf. Im Elfmeterschießen traf er selbst und hielt zwei Schüsse. Paraden zur ersten Qualifikation für die Champions League. Seither ist eine Tribüne des Stadions nach dem Rumänen benannt.
Als einzige deutsche Gegner empfing Rasgrad bisher Bayer Leverkusen und TSG Hoffenheim. Böse Zungen würden sagen: Rasgrad ist in etwa das bulgarische Hoffenheim – nur eben erfolgreicher. Ein Retortenklub. In dieser Saison flogen die Bulgaren international in den EL-Playoffs gegen Ferencvaros Budapest raus.
Trotz der nationalen Erfolge ist der Klub kein Zuschauermagnet. Lewski führt in dieser Hinsicht deutlich (8790), Ludogorez liegt nur auf Rang sieben. 1637 Menschen sehen im Liga-Alltag im Schnitt den Dauermeister. In die eigene hochgezogene Arena passen rund 10.000 Menschen.
Dort konnten die Anhänger Im Vorjahr schon fünf Spieltage vor Schluss die Meisterschaft als fix feiern. In dieser Saison aber lief es nicht nach Schema F. Zwar kommt Rasgrad in der Liga nur drei Niederlagen, sammelte aber ungewöhnlich viele Unentschieden (neun).
Lewski wittert historische Chance
Anfangs noch Tabellenführer rutschte das Team zeitweise auf Rang drei ab, nun ist Ludogorez seit Wochen wieder erster Verfolger von Lewski. Trainer Rui Mota wurde im November ausgetauscht. Eine Phase mit mehreren Unentschieden und Niederlagen wurde ihm zum Verhängnis. Klub-Mäzen Kyril Domustschiew ist für seine schnellen Rauswürfe trotz allen Erfolgs bekannt. Neuer Trainer ist der erfahrene Norweger Per-Mathias Hogmo, der Rückstand aber ist weiter groß.
So wittert Lewski endlich seine Chance. Der wohl beliebteste Klub des Landes mit seiner anti-kommunistischen Vergangenheit ist der große Gegenspieler des ehemaligen Armeeklubs ZSKA. Seit 2009 warten die Fenove (bulgarisch für Fans) auf die Meisterschaft. Große Teile der 2010er und 2020er Jahre waren bitter, geprägt von Chaos und dem sportlichen Absturz. Titelchancen? Eher selten. In dieser Saison hilft vor allem die stabilere Defensive mit nur 22 Gegentoren, die Spitzenposition zu festigen. Der torgefährlichste Mann ist der Brasilianer Everton Bala, der schon 18 Treffer erzielte.
Der schlafende Riese erwacht also im Jahr 2026 wieder und nutzt die ungewohnte Schwäche von Rasgrad. Lewski will auch Rache für die Schmach von 2013. Denn damals holte das "junge" Ludogorez den Titel nur wegen eines Last-Minute-Patzers von Lewski (Eigentor) im Fernduell die zweite Meisterschaft. Nun dürften "die Blauen" die längste Serie Europas zerschlagen. Es würde vermutlich nicht nur in der Hauptstadt Bulgarien viele Fans freuen.