Rückstand, Trainer-Gelb, Rot

Rabaukenkönig Simeone leidet und verzweifelt schier an Stuttgart 

imageVon Emmanuel Schneider, Stuttgart
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Diego Pablo Simeone hatte viel zu tun. (Foto: IMAGO/STEINSIEK.CH)
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21.10.2026 | 02:49 Uhr
Kleiner Vulkanausbruch im Ländle: Star-Trainer Diego Simeone zeigt beim Champions-League-Auftritt von Atlético Madrid gegen den VfB Stuttgart die ganze Palette seiner Schaffenskraft. Am Ende eines emotionalen Abends ist er sogar mit einem Remis (1:1) zufrieden.

Es dauert genau 49 Sekunden, bis Diego Simeone aus der Coachingzone trippelt und mit einer ausladenden Schleuderbewegung der Faust seiner Mannschaft deutlich macht, was er von dem Start ins Spiel hält: nada. Keine Minute ist in diesem Königsklassen-Spiel zwischen dem VfB Stuttgart und Atlético Madrid im Stuttgarter Neckarstadion gespielt, da erhält der Argentinier eine erste Ermahnung vom Vierten Offiziellen. Es ist nur die Ouvertüre.

Denn der VfB Stuttgart kommt mit gehörig Power in dieses Heimspiel, schnürt die Spanier regelrecht ein. Gleich in den ersten Minuten erspielen sich die Schwaben mehrere gute Chancen. Ein frühes Tor liegt in der Luft. Und so ist Simeone schnell in seinem Element: Er pfeift, wedelt, animiert wie wild, schreit permanent rein. Es ist ein großartiges Schauspiel. Der VfB aber macht das Spiel, und nach sieben Minuten pfeffert der 56-Jährige seine dicke Jacke zu einem Assistenten. Er ist, das kann man wohl so sagen, nun auf Betriebstemperatur. Adretter schwarzer Anzug, schwarze Schuhe und Krawatte - und innen kocht es.

Diego Simeone, dieser Name ist ein Versprechen. Ein Versprechen auf einen guten, unterhaltsamen Fußballabend. Es wird selten langweilig, wenn "El Cholo" an der Seitenlinie auf und ab galoppiert. Auch an diesem Dienstagabend erfüllt er diese Hoffnungen.

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Mittelstädt-Appell: "Gibt keine zwei Meinungen"

Und es ist ein Name, der beim VfB Stuttgart großen Respekt auslöst. Stuttgarts Coach Sebastian Hoeneß schwärmte: "Schon seine Spielerkarriere war außergewöhnlich. Und als Trainer hat er seinen Stil: dieses Feuer, diese Leidenschaft, die nicht weniger wird. Das ist enorm. Das ist für mich die absolut oberste Kategorie." Simeone und Atlético seien das "Nonplusultra". Nun, in der ersten Halbzeit ist nicht zu erkennen, welches Team gerade auf Platz 13 der Bundesliga steht und welches mit sieben Siegen (u. a. gegen Real Madrid) auf Platz zwei der spanischen La Liga liegt.

Simeone verteilt dickes Lob an VfB

Die schwäbischen Komplimente gibt Simeone nach der Partie zurück. Auf das hohe und gute Pressing des VfB habe sein Team "nicht reagieren" können, gibt er zu. Der VfB habe Atlético die "Zeit genommen" und "uns gezwungen, unter unangenehmen Bedingungen zu spielen", so Simeone weiter. Wenn man so will, bekämpfte der Bundesligist die Star-Mannschaft aus Madrid mit ihren eigenen Mitteln.

Denn trotz all des Wedelns und Klatschens, das einen Animateur neidisch machen würde, erhört ihn sein Team zunächst nicht. Es findet einfach keine Mittel gegen die galligen Schwaben, verliert im Spielaufbau immer wieder den Ball. Über die Außen und die Zentrale um Angelo Stiller erobert der VfB viele Bälle und rollt mit schnellen Angriffen an.

In der 11. Minute kassiert Simeone die zweite Ansage vom Vierten Offiziellen. Mit erhobenen Armen blickt er seine Mannschaft an, die eben die nächste Chance durch Angelo Stiller zugelassen hat. Angetrieben von den lautstarken Fans im Neckarstadion zieht der VfB um den glänzenden Bilal El Khannouss die Schlinge enger - bis ein weiterer Atlético-Fehler bestraft wird. Nach einer Balleroberung von Stiller schlägt Jamie Leweling einen Haken und schießt dann von der Sechzehner-Grenze in der 36. Minute das überaus verdiente Führungstor.

Und Simeone? Zuckt nur kurz und zählt demonstrativ mit seinen Fingern bis fünf. "So viele Chancen habt ihr zugelassen", soll das wohl heißen. Danach geht's für Simeone erstmals auf die Bank - aber nur kurz. Würde der Trainer seine Meter am Seitenrand tracken, es kämen sehr, sehr viele zusammen. Mit dem Halbzeitpfiff schießt er konsterniert in die Kabine. Dort wird offenbar Tacheles geredet. Nach dem Spiel erklärt Simeone, man habe in der Pause darüber gesprochen, wie man zurückkommen könne. Er selbst sei davon überzeugt gewesen.

Atletico zeigt eine Reaktion und kommt zurück

Und siehe da: Keine zwei Minuten nach Wiederanpfiff verwandelt der im Sommer heftig umworbene Stürmer Julián Álvarez per Direktabnahme die erste wirkliche Torchance der Rojiblancos zum Ausgleich. "Ein Traumtor", schwärmt Simeone später. Die Mannschaft habe eine Reaktion gezeigt, resümiert er. Nun ist es ein Spiel auf Augenhöhe - bis zum erneuten Wendepunkt der Partie.

Auf Höhe des Mittelkreises senst Atléticos Morten Hjulmand VfB-Stratege Stiller böse von hinten um, trifft ihn mit offener Sohle am Bein (63.). Schiedsrichter Serdar Gözübüyük zückt sofort die Rote Karte. Simeone protestiert nicht - er hadert zwar kurz, geht dann aber sofort mit den Co-Trainern mögliche Systemumstellungen und Wechsel durch. Die Rote Karte sei "gerechtfertigt" gewesen, sagt Simeone auf der Pressekonferenz. Seine Spieler warne er sogar immer vor solchen Grätschen, erklärt er. "Jedes Mal, wenn du zu einer Grätsche ansetzt, bist du nahe daran, vom Platz gestellt zu werden." Bei allem Geschrei und Gehader - ins Unsportliche und Provozierende driftet Simeone am Dienstag nicht ab.

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Prömel haut eine VfB-Kampfansage raus

Es werden aber lange 30 Minuten für Atlético, das weiß auch Simeone. Aber leiden können sie in Madrid. Der Coach stellt auf eine Fünferkette um und wechselt zunächst defensiv. Das Spiel kippt nun wieder zugunsten des VfB, Atlético konzentriert sich darauf, die Räume eng zu machen und zu verteidigen. Die DNA des von Simeone geprägten Cholismo-Fußballs. Ex-Bayern-Star Thomas Müller bezeichnete Atlético schon vor Jahren als die größten "Rabauken" des europäischen Fußballs. Zwar hat der Coach diesen Cholismo (benannt nach Simeones Spitznamen) in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Atlético spielt nun insgesamt deutlich offensiver und mit mehr Ballbesitz, die Zeiten des Catenaccio-angehauchten "Terror-Fußballs" sind vorbei. Aber leiden geht eben immer. Geschlossener Einsatz des Kollektivs.

Voller Körpereinsatz

In den letzten 30 Minuten läuft also ein bisschen die alte Atlético-/Simeone-Schule ab. Intensives Verteidigen, harte Zweikämpfe. Aus dem Mahner Simeone wird jetzt der Motivator. Der Einsatz der Mannschaft habe ihm gut gefallen, attestiert er. Auch Simeone selbst hat noch viel zu tun. Voller Körpereinsatz. Immer wieder zeigt er mit beiden Armen die beruhigende Auf-und-ab-Geste: Calma, calma. Angeleitetes Leiden für Atlético. Im Volleinsatz rennt er dem Linienrichter in der 82. Minute hinterher, um ihm klarzumachen, dass gerade eine Abseitsstellung vorlag. Der Schiedsrichterassistent hebt die Fahne, dafür gibt's kräftigen Simeone-Applaus. An der Seitenlinie leidet er extrem mit, verrenkt seinen Körper bei Torschüssen oder Flanken. Nur ein Wechsel geht ihm nicht schnell genug, fürs hektische Toben sieht er dann doch die Gelbe Karte. Als in der Schlussphase der gesamte Atlético-Verbund im eigenen Sechzehner steht und eine Doppelchance der Schwaben abblockt, feiert Simeone die Aktionen mit der Doppelfaust wie einen Treffer. Irgendwie inefable. Unbeschreiblich.

Und schon ein paar Sekunden, bevor die offizielle Nachspielzeit abgelaufen ist, zeigt er allen im Stadion und dem Schiedsrichter mit beiden Armen wischend an: Isch over. Abpfiff. Schnurstracks schreitet Simeone in die Katakomben. Genug gelitten für heute. Mit angekratzter Stimme beantwortet er noch die Fragen der spanischen Reporter. Dann hat der Rabaukenkönig auch mal Feierabend.

Verwendete Quelle: ntv.de