Collinas Erben

"Collinas Erben" begeistert Raketen bringen Aytekin nicht aus der Ruhe

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"Das Wichtigste ist, dass hier keiner verletzt wird": Deniz Aytekin.

(Foto: imago images/Camera 4)

In Berlin bleibt der Unparteiische auch dann noch gelassen, als Pyrotechnik auf den Platz geschossen wird - und bringt so ein aufgeheiztes Spiel in aller Ruhe zu Ende. Auch beim spielentscheidenden Elfmeter liegt er richtig. Derweil kommt es in Dortmund zu einer Rotation im Schiedsrichterteam.

Das Berliner Lokalduell zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC (1:0) an diesem zehnten Spieltag der Fußball-Bundesliga hatte noch nicht begonnen, da mussten sie schon aufräumen. Weil zahlreiche große Papierkugeln auf das Spielfeld flogen, die das Spiel behindert hätten, verzögerte sich der Anpfiff. Neben den Ordnern beteiligte sich auch Schiedsrichter Deniz Aytekin ein wenig an der Beseitigung der Wurfgegenstände, und er tat es mit einem Lächeln. Ein erfahrener und gelassener, mit fast zwei Metern Körpergröße gesegneter Fifa-Referee, der auch angespannte Situationen charmant entkrampfen kann, war genau das, was diese aufgeladene Partie benötigte.

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"Es ist einfach traurig, wenn so etwas passiert."

(Foto: imago images/Camera 4)

Aytekin lächelte selbst noch, als er nach zwei insgesamt sechsminütigen Unterbrechungen zu Beginn der zweiten Hälfte mit den Teams auf den Rasen zurückkehrte und noch einmal kurz mit beiden Trainern sprach, bevor es weiterging. Zuvor waren nicht mehr harmlose Papierbällchen auf den Platz geflogen, sondern brennende pyrotechnische Gegenstände. Eine Rakete landete sogar in der Nähe der Trainerbank von Union Berlin. Aytekin ging mit dieser heiklen Situation jedoch so souverän und besonnen um wie davor und danach mit den Herausforderungen auf dem Spielfeld. Er strahlte Ruhe und Sicherheit aus, bewahrte kühlen Kopf - und wollte genau das auf die Spieler und Bänke und damit auch auf die Zuschauerränge übertragen.

"Das Wichtigste ist, dass hier keiner verletzt wird", sagte der 41 Jahre alte Aytekin nach dem Spiel dem Bezahlsender Sky. "Das hat mit Fußball nichts zu tun. Es ist einfach traurig, wenn so etwas passiert." Die oberste Priorität sei es gewesen, "das Spiel nach Hause zu bringen". Dazu habe er auch in Kontakt mit der Polizei gestanden. "Am Ende des Tages geht es darum, dass wir die Verantwortung für das ganze Spiel haben, und in Abstimmung mit der Polizei haben wir es dann zu Ende gebracht", sagte der Schiedsrichter weiter.

Auch in der spielentscheidenden Situation liegt er richtig

Aytekin leitete die zwar intensive, aber faire Begegnung wohltuend großzügig und kraft seiner Persönlichkeit. Die Spieler nahmen diese Linie an. Sie nutzten die "lange Leine" nicht aus, um Härte in die Partie zu bringen. Allen war klar: Da ist ein Schiedsrichter, der in jeder Sekunde genau weiß, was er tut. Auch in der spielentscheidenden Situation lag Aytekin richtig, nämlich mit dem Strafstoß für die Gastgeber in der 88. Minute. Dedryk Boyata war bei seinem Tackling gegen Christian Gentner einen Tick zu spät gekommen und hatte den Unioner mit dem Oberkörper und dem Oberschenkel zu Fall gebracht.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dass die Herthaner so heftig protestierten, obwohl das Foul deutlich war, dürfte daran gelegen haben, dass Gentner erst nach seinem Torabschluss getroffen wurde und der Ball schließlich über das Gehäuse der Gäste flog. In solchen Situationen verzichten die Unparteiischen häufig auf den Elfmeterpfiff. Der Gedanke dahinter ist: Wenn der Abschluss erfolgt ist und der Ball am Tor vorbeigeht, entsteht dem angreifenden Team durch das Foul kein Nachteil.

Es ist eine Praxis, die es seit Jahren gibt, die viel Akzeptanz erfährt und die nur selten zu Protesten führt, obwohl sie mit dem Regelwerk nicht im Einklang steht. Denn laut Regel 12, die sich mit Fouls und unsportlichem Betragen beschäftigt, liegt nun mal ein Vergehen vor, wenn der Ball sich auf dem Feld befindet und ein Spieler einem Gegner ein Bein stellt, ihn tritt, rempelt, stößt, hält oder umgrätscht. Davon, dass das nicht gilt, wenn dieser Gegner unmittelbar zuvor einen erfolglosen Torschuss abgegeben hat, steht in den Fußballregeln nichts. Deshalb hat Aytekin richtig entschieden, auch wenn es verständlich erscheinen mag, dass die Herthaner gewissermaßen an das Gewohnheitsrecht appellierten.

Aytekin bat selbst um das Review

Warum es nach der Entscheidung in Abstimmung mit dem Video-Assistenten zu einem On-Field-Review kam, erklärte der Spielleiter so: "Das war eine sehr wichtige Entscheidung. Ich habe das genauso auf dem Platz wahrgenommen, wie ich es letztlich bestätigt bekommen habe. Allerdings wollte ich es mir noch einmal ansehen." Boyata sei "einfach in sehr hohem Tempo unkontrolliert in den Zweikampf" gesprungen. Und da der Ball im Spiel war, "ist es eben ein Strafstoß". Er habe sich "noch mal Sicherheit holen" wollen, sagte Aytekin. "Dafür haben wir die Möglichkeit, es anzugucken, und dann ist es beim Elfmeter geblieben."

Es war also kein Review auf Intervention des Video-Assistenten, sondern der seltenere, aber ebenso in den Regularien verankerte Fall, dass der Unparteiische von sich aus um die Bilder bittet. Ein kluges Vorgehen angesichts der aufgeheizten Atmosphäre und des spielentscheidenden Charakters des Elfmeterpfiffs. Vertretbar war es auch, dem bereits verwarnten Boyata nicht die Gelb-Rote Karte zu zeigen. Denn rücksichtslos war dessen Einsatz nicht unbedingt, und die Unterbindung eines aussichtsreichen Angriffs durch ein Foul im Strafraum, bei dem der Ball nur knapp verfehlt wird, ist laut Regeln nicht verwarnungswürdig. Nach dem Schlusspfiff war dann auch niemand Aytekin wirklich gram. Und wenn das doch der Fall gewesen wäre, dann wäre dieser den Beschwerden im Zweifelsfall wieder mit einem souveränen Lächeln begegnet.

Was sonst noch wichtig war:

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    Rot für Jérôme Boateng: Schiedsrichter Markus Schmidt.

    (Foto: dpa)

    Das Unheil für den formschwachen FC Bayern München im Spiel bei Eintracht Frankfurt (1:5) nahm schon nach neun Minuten seinen Lauf, als Jérôme Boateng bei einem Konter der Hausherren ein Stockfehler unterlief und er anschließend Gonçalo Paciência an der Strafraumgrenze nur durch ein Foul stoppen konnte. Regeltechnisch verhinderte er damit eine offensichtliche Torchance. Schiedsrichter Markus Schmidt entschied erst auf Strafstoß und zeigte dem Münchner die Gelbe Karte, bevor Video-Assistent Sascha Stegemann intervenierte, weil sich das Vergehen knapp außerhalb des Sechzehnmeterraums ereignet hatte. Die Folge: Es gab nur einen Freistoß für die Eintracht, dafür aber einen Feldverweis für Boateng. Das war korrekt, denn während eine "Notbremse" im Strafraum, bei der der Ball nur knapp verfehlt wird, seit der Saison 2016/2017 lediglich zu einer Verwarnung führt, wird sie außerhalb des Strafraums immer mit einer Roten Karte geahndet. Ob den Bayern das bewusst war, als sie so vehement gegen den Elfmeterpfiff protestierten?
  • Weil sich in der Partie zwischen Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg (3:0) Schiedsrichter Tobias Welz nach einer halben Stunde verletzte, musste einer seiner Assistenten die Spielleitung übernehmen. In solchen Fällen gibt es eine klare Regelung: In die Rolle des Schiedsrichters schlüpft der Ranghöchste. Das ist entweder der Vierte Offizielle, sofern es sich um einen Unparteiischen der ersten oder zweiten Bundesliga handelt, oder einer der Assistenten an den Seitenlinien, wenn dieser als Schiedsrichter in der zweiten Liga tätig ist. In Dortmund setzte Welz‘ Verletzung eine regelrechte Rotation in Gang: Assistent Martin Thomsen, sonst Unparteiischer im Unterhaus, kam zu seinem ersten Spiel als Referee in der Bundesliga. Der Vierte Offizielle Marcel Pelgrim ersetzte ihn an der Seitenlinie, während Welz Pelgrims Aufgabe übernahm. Dass diese Prozedur mehrere Minuten dauerte, lag an der Technik: Der Vierte Offizielle verfügt über ein "Push to talk"-System, das heißt, er schaltet sich nur bei Bedarf per Sprechfunk zu. Die Funkkanäle von Schiedsrichter und Assistenten dagegen sind dauerhaft geöffnet. Deshalb mussten im Team nicht nur die Rollen, sondern auch die Headsets getauscht werden, samt dazu gehöriger Funkeinheiten.

Quelle: n-tv.de

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