Es ist eine Geschichte, deren zeitliche Abfolge nur schwer zu verstehen ist. Es kommt recht selten vor, dass ein Eigengewächs in der NFL einen hochdotierten und noch dazu marktgerechten zweiten Vertrag unterschreibt und dann komplett aus der Bahn gerät und nach über einem Jahr der Abwesenheit nun versucht, sich mit öffentlich schlechtem Benehmen aus besagten Vertrag heraus zu ekeln.
Wide Receiver Brandon Aiyuk jedoch befindet sich genau in diesem Prozess. In den vergangenen Wochen und Monaten fiel er immer wieder mit fragwürdigen Videos auf seinen Social-Kanälen auf. Zuletzt skandierte er in einem "Go Commanders! Go Commanders! Go Commanders! Raise Hail! Take Command!" Besagte Commanders sind die Washington Commanders, das Team, zu dem er offenbar wechseln will. Er postete zudem ein Bild von Quarterback Mark Rypien, der nach Washingtons Triumph in Super Bowl XXVI die Vince Lombardi Trophy gen Himmel reckte. Zudem spielt sein früherer College-Teamkollege, Quarterback Jayden Daniels, auch dort, was ein weiterer Grund für seinen Wechselwunsch ist.
Und das war noch das harmloseste seiner jüngsten Postings. Angesprochen darauf, sagte 49ers-Star-Tight-End George Kittle jüngst gegenüber "Pardon My Take": "Ich habe es mir damals zur Gewohnheit gemacht, frühmorgens vor den Meetings rauszugehen, um ihm beim Training zuzusehen, weil er auch immer früh draußen war, und ich habe gesehen, wie er mit über 22 Meilen pro Stunde (ca. 35 km/h, Anm.d.Red) gelaufen ist und auf den Punkt abbremsen konnte. Er hat es immer noch drauf, aber das war vor acht Monaten, daher weiß ich es jetzt nicht so genau. Viel Spaß euch damit, würde ich sagen … Viel Spaß mit all dem, was damit einhergeht." Angesprochen darauf, dass Aiyuk endlich glücklich sein würde, wenn er tatsächlich bei den Commanders landen sollte, sagt Kittle nur schnippisch: "Du hast recht. Ich wäre auch nicht glücklich, nachdem mir ein Team 130 Millionen Dollar gezahlt hätte."
Prototyp für den Prototyp
Doch wie kam es eigentlich zu Aiyuks Animositäten mit den 49ers? Er war der 25. Pick der San Francisco 49ers im NFL Draft 2020 und entwickelte sich recht schnell zu einem der besten Offensivspieler seines Teams. Noch dazu war er der einzige Spieler dieses Kaders, der die so wichtige X-Receiver-Rolle wirklich ausfüllen konnte. Und er tat dies mit Bravour. Aiyuk war von Anfang an ein zentraler Punkt in der Offense von Head Coach Kyle Shanahan, die als Prototyp für viele andere Trainer dieser Liga gilt.
Spätestens seit Quarterback Brock Purdy im Jahr 2022 wie Kai aus der Kiste dazu stieß und als allerletzter Pick im Draft für Furore sorgte, wurde Aiyuk nochmal eine Ecke besser und wichtiger für die Niners. Gute Leistungen jedoch wecken gerade in der größten Sportliga der Welt Begehrlichkeiten. Sprich: Aiyuk wollte einen neuen Vertrag haben. In dieser Liga haben Spieler nicht allzu viele Druckmittel gegen die Teams, eine Art Streik jedoch ist ein probates Mittel.
Aiyuk, dessen Option für ein fünftes Vertragsjahr, die standardmäßig in allen Verträgen für Erstrundenpicks steht, naturgemäß gezogen wurde, ging also im Sommer 2024 in die legale Version eines NFL-Streiks - er erschien zwar zum verpflichtenden Teil des Offseason-Programms und später zum Training Camp, trainierte aber zunächst nicht mit. Da er jedoch zu den unverzichtbaren Spielern des Teams zählte, bekam er letztlich seinen Willen und einen hochdotierten neuen Vertrag.
Aiyuk unterschrieb damals eine Vertragsverlängerung um vier Jahre und 120 Millionen Dollar - 30 Millionen Dollar im Schnitt waren seinerzeit nahe dran an den Topverdienern seiner Position. Zuvor noch hatte es laute Trade-Gerüchte gegeben, die New England Patriots soll er abgelehnt haben, den Pittsburgh Steelers jedoch war er zugeneigt. Am Ende blieb er in der Bay Area.
Kindische Tirade im Training
Allerdings führte das nicht dazu, dass plötzlich wieder alles gut war zwischen dem Spieler und der Organisation. Stattdessen verhielt er sich teilweise wie ein kleines Kind. Überliefert ist, dass er eines Tages zum Training mit einer roten kurzen Hose erschien, während der Rest der Mannschaft wie angeordnet in schwarzen Shorts trainierte. Shanahan ermahnte ihn vor versammelter Mannschaft, und Aiyuk zog sich die Hose aus, kickte sie weg und zog dann widerwillig die schwarze Hose an. Das ereignete sich vor Woche 4 der Regular Season, also Ende September.
Da er die komplette Vorbereitung verpasst hatte, tat er sich indes schwer, in Tritt zu kommen und legte einen schwachen Saisonstart hin. Und bevor er seine Form wiederfand, kam auch noch Pech dazu: Er verletzte sich schwer am Knie in Woche 7 im Spiel gegen die Kansas City Chiefs. Diagnose: Kreuzbandriss, Innenbandriss und ein Meniskusschaden. Die Saison 2024 war für ihn beendet.
Wie wir heute wissen, war dies auch das letzte Spiel seiner 49ers-Karriere, denn was folgte, ist schwer zu erklären. Anstatt zur Reha zu erscheinen, wie man es von einem professionellen Sportler mit seinem Vertrag und seiner Verletzung erwarten durfte, blieb er dem Team häufig fern und erschien schließlich gar nicht mehr zum Dienst. Die Folge war, dass San Francisco hierin einen Vertragsbruch sah und die übrigen Garantien in seinem Vertrag löschte. Im Dezember wurde er sogar auf die "Reserve/Left Team List" gesetzt, was bedeutet, dass sie ihm gar kein Gehalt mehr zahlen mussten.
Im Juni 2026 ist Aiyuk rein formell immer noch ein Teil der 49ers, doch haben diese bereits klargestellt, dass das wohl nur noch eine Frage der Zeit ist. General Manager John Lynch erklärte bereits im Januar, dass es "sicher zu sagen" sei, "dass Aiyuk seinen letzten Snap für die Niners gespielt hat." Einfach entlassen wollte man ihn jedoch nicht, in der Hoffnung, in einem Trade zumindest noch eine kleine Kompensation für ihn zu erhalten.
Eine Frage des Egos
Bislang jedoch hat sich noch kein Team diesen Klotz ans Bein gebunden. Immerhin stünden ihm auf dem Papier noch rund 85 Millionen Dollar zu. Nichts davon bekanntermaßen garantiert. Die Frage nun scheint jedoch nur noch zu sein, wer zuerst klein beigibt, die 49ers mit einer Entlassung oder die Commanders, wenn sie ihn denn wirklich wollten via Trade für eine sicher überschaubare Kompensation.
Wirklich unter Druck stehen aber die 49ers auch nicht, denn solange Aiyuk nicht zur Arbeit erscheint, hat er auch keinen Anspruch auf Gehalt. Und damit wird es auch eine Frage des Egos. Wenn Aiyuk wirklich einen Wechsel will, dann wird er wohl oder übel auf sein noch aktuelles Team zugehen müssen, ob er will oder nicht.

