Wirtschaft

Startup-Mekka Ostwestfalen? Berlin ist tot. Es lebe Bielefeld

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Besser als der Ruf: Bielefeld

imago/blickwinkel

Die Stadt, die es nicht gibt, hat große Pläne: Bielefeld will zu einem Mekka für Startups werden, das sich vor den großen Städten nicht verstecken muss. Aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz sind die Voraussetzungen dafür bestens.

Es gibt Orte auf der Welt, an denen man seine wahre Herkunft verschweigen sollte, wenn man keine Lust auf lange Diskussionen hat. In den USA kann es mitunter ratsam sein, sich als Österreicher auszugeben, wenn man nicht gefragt werden möchte, ob Hitler eigentlich noch an der Macht ist. In Bayern sollte man sich unter Umständen nicht als Berliner zu erkennen geben, wenn man nicht als "Preuße" geschmäht werden möchte. Und auf Partys tun Bielefelder gut daran, sich als Gütersloher auszugeben - denn wenn sie das nicht tun, folgt fast unweigerlich der Ausruf: "Bielefeld? Das gibt's doch gar nicht!"

Vor mehr als 25 Jahren setzte ein Informatikstudent aus Kiel eine Verschwörungstheorie in die Welt, um zu zeigen, wie lächerlich Verschwörungstheorien sind: Die Existenz der Stadt Bielefeld werde nur vorgetäuscht, um etwas ganz anderes dahinter zu verbergen. Das ist natürlich Quatsch. Doch auch wenn die "Bielefeld-Verschwörung" mittlerweile hinreichend widerlegt ist, hat sie doch bleibenden Eindruck hinterlassen: Bielefeld, so die allgemein akzeptierte Lesart, ist eine Stadt, in der es nichts zu holen gibt. Doch das stimmt nicht.

Wirtschaftlich ist die Region enorm stark: Bielefeld hat nicht nur die zweithöchste Milliardärsdichte Deutschlands, es kommen auch überdurchschnittlich viele Weltmarktführer aus der Region. Allein die produzierenden Unternehmen in Ostwestfalen-Lippe stemmen einen jährlichen Umsatz von über 17 Milliarden Euro. Es sind Namen, die man auch im Rest von Deutschland kennt: Claas, Dr. Oetker, Miele, Alpecin-Hersteller Dr. Wolff und noch eine ganze Reihe weiterer großer Familienunternehmen. Ihnen allen geht es gut und doch eint sie auch ein gemeinsames Problem: Sie haben enormen digitalen Nachholbedarf.

"Das Problem ist nicht das Kapital"

Die Founders Foundation will da Abhilfe schaffen und im selben Zug etwas realisieren, was sich zunächst wie eine Fortsetzung der Verschwörungstheorie anhört: Bielefeld soll zum Startup-Mekka werden. "Wir wollen zeigen, dass Gründen eine Option ist", sagt Geschäftsführer Sebastian Borek. Und rollt Jungunternehmern dafür den roten Teppich aus: Eine zweistellige Millionensumme hat die gemeinnützige Organisation von der Bertelsmann-Stiftung bekommen, um ein Startup-System in Ostwestfalen zu etablieren, das sich vor anderen Gegenden nicht verstecken muss. In einem achtwöchigen Kurzprogramm, der "Academy", werden Gründer dafür mit dem nötigen Grundwissen ausgestattet, um dann im sechsmonatigen "Camp" ihr eigenes Startup bis zur Marktreife zu führen.

Die Chancen, dass sie es packen, stehen bei der Foundation überdurchschnittlich gut: 14 Startups haben es seit der Gründung 2016 auf dem Markt geschafft und Borek sagt stolz: "Es gab noch nie ein Startup, das wir nicht finanzieren konnten." Für findige Gründer ist die Mischung aus einem stabilen finanziellen Hintergrund und den exzellenten Kontakten der Foundation zu den alteingesessenen Unternehmen der Region ein echter Jackpot: Wer mit der entsprechenden Einstellung nach Bielefeld kommt, hat beste Chancen, hier auch erfolgreich zu werden.

Nur ist es gar nicht so einfach, Menschen für Bielefeld zu begeistern: "Das Problem ist nicht das Kapital, das Problem sind die Talente", sagt Foundation-CEO Borek. Vor allem junge Startup-Unternehmer werden von der Strahlkraft der großen Städte, allen voran Berlin, angezogen wie Motten vom Licht. Und wie die Motten verbrennen die meisten von ihnen beim unerbittlichen Kampf um die Sichtbarkeit auf dem Markt und der davon abhängigen Investitionsbereitschaft der Kapitalgeber, bevor sie überhaupt eine Chance bekommen, ihre Träume zu verwirklichen.

Pionierarbeit in Ostwestfalen

Während der Berliner Traum angesichts explodierender Mieten und der grassierenden Gentrifizierung so langsam ausgeträumt ist, ist der Bielefelder gerade erst am Entstehen. Die Voraussetzungen dafür sind jedenfalls bestens: In Ostwestfalen können sich Gründer momentan regelrecht austoben, ihrer Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Zudem bietet die Stadt selbst bereits all die Anlagen, die man braucht, um dort ein funktionierendes Startup-Ökosystem zu etablieren.

Die 24.000 Studenten vor Ort sorgen für ein abwechslungsreiches gastronomisches und kulturelles Klima, in dem man sich wohlfühlt: Bielefeld hat eine pittoreske und lebendige Altstadt und eine ganze Reihe von Cafés, Bars und Restaurants mit sehr eigenem Charme - dafür aber nur wenig vom gleichgeschalteten Eisdielen-Flair, den Fußgängerzonen in mittelgroßen deutschen Städten sonst häufig verbreiten.

Gleichzeitig gibt es in der Stadt noch viele Freiräume, die besetzt werden wollen. Einen davon hat sich der "Pioneers Club" geschnappt: Auf 800 Quadratmetern können bis zu 80 Menschen in einem Co-Working-Space arbeiten, der so auch in Paris, New York oder Berlin stehen könnte - ohne die nervöse Überdrehtheit, die solche Mietarbeitsplätze im Normalfall ausdünsten. Hier wird tatsächlich Pionierarbeit geleistet, wie der Name schon verspricht: Junge Startups treffen auf alteingesessene Mittelständler, und alle profitieren voneinander. Wie erfolgreich die Pionierarbeit in Ostwestfalen am Ende ist, wird sich zwar erst in ein paar Jahren zeigen, wenn feststeht, ob sich die von der Founders Foundation anvisierten 150 Startups in der Region tatsächlich realisieren lassen. Aber schon jetzt kann man sich ja mal ein bisschen aus dem Fenster lehnen und konstatieren: "Berlin ist tot. Es lebe Bielefeld."

Quelle: n-tv.de