Wirtschaft

Ferngesteuerte Toys im Trend Corona lässt "Sex-Tech"-Branche boomen

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Der "Sexual Wellness"-Markt erwartet einen Milliardenumsatz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Vibratoren nach eigenen Bedürfnissen programmieren, per Videochat daten und sich vom weit entfernten Partner mit Sextoys per App verwöhnen lassen: Corona sorgt für mehr Experimentierfreude in Deutschland. Ein Blick in eine expandierende Branche, deren Marktpotenzial lange unterschätzt wurde, lohnt sich.

Während viele Unternehmen unter den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie ächzen, kann sich eine Branche kaum vor der rasant wachsenden Nachfrage retten. "Sex-Tech" erlebt in Deutschland einen gewaltigen Schub und verbucht Millionenumsätze mit den Technologien rund um Sexualität und Weiblichkeit.

Der Markt um die sexuellen Bedürfnisse der größtenteils weiblichen Zielgruppe stehe in Deutschland noch am Anfang, sagt Johanna Rief im Gespräch mit ntv.de. Als Kommunikationschefin der Wow Tech Group Europe, die Vibratoren und Sextoys weltweit vertreibt, setzt sie sich für die Enttabuisierung des weiblichen Orgasmus ein und hat die erste Sex-Tech-Konferenz in Deutschland im vergangenen Jahr mit ins Leben gerufen.

"Die Sex-Tech-Branche ist eine schnell wachsende Branche, wenn auch noch wesentlich kleiner als viele andere. Aber offensichtlich hat die Corona-Zeit, die wir zwangsweise alle zu Hause verbringen mussten, dazu geführt, dass die Menschen auch mehr Zeit für sich selbst und ihre Sexualität hatten und auch eher bereit waren, mal etwas Neues zu versuchen", so Rief. Die Lust-Spielzeuge in Deutschland seien dennoch häufig ein Tabuthema: "Viele denken da immer noch an einen pinken Dildo aus einem schlüpfrigen Sexshop". Das sei eine völlig falsche Annahme, dahinter steckten Technologien und viel Ingenieursarbeit. Immer mehr Experimentierfreudige trauen sich mittlerweile an die Spielzeuge fürs Schlafzimmer. Aktuelle Zahlen zeigen, dass der sogenannte "Sexual-Wellness"-Markt weltweit stark wächst.

Umsätze in Milliardenhöhe

Programmierbare Vibratoren, elektrisch steuerbare Liebeskugeln und interaktive Sex-Toy-Apps - die Tech-Innovationen für das sexuelle Ausleben entwickeln sich immer vielseitiger. Für dieses Jahr prognostiziert das Marktforschungsinstitut Technavio einen weltweiten Umsatz von knapp 28 Milliarden Dollar (rund 24 Milliarden Euro) mit Sextoys. In den nächsten drei Jahren soll die Branche rund um die spielerische Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse weiter zulegen, bis 2023 werden 34 Milliarden Dollar Umsatz erwartet.

Den Grund für das Wachstum sieht Rief vor allem darin, dass die Menschen offener werden und sich stärker mit ihrer Sexualität auseinandersetzen - aber vor allem auch in der wachsenden Bedeutung der Technologien, "die in unserem alltäglichen beruflichen Leben enorm zugenommen haben". Durch die Corona-Krise und die damit verbundene Zeit zu Hause seien neue Zielgruppen dazugekommen. Diese Entwicklung spüren auch Anbieter auf dem deutschen Markt.

Die Folgen der Pandemie haben das Geschäft der Wow Tech Group, die zu den weltweit führenden Anbietern von Produkten für das Liebesleben gehören, befeuert. Im Zeitraum von März bis Juni verkaufte das Unternehmen 97 Prozent mehr Modelle ihres Marken-Vibrators als noch in den Vorjahresmonaten. Das Unternehmen will mit seinem Umsatz dieses Jahr noch die 100 Millionen-Euro-Marke knacken. Das wäre ein Zuwachs von 25 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr.

Ferngesteuerte Vibratoren sind Topseller

Ähnlich sieht es auch bei anderen Toyherstellern wie EIS, Amorelie und Fun Factory auf dem deutschen Markt aus, die durch ihren Onlinehandel punkten: "Mit Beginn der Ausgangssperre ist der Verkauf von Solo-Sexartikeln mit 300 Prozent Wachstum bei Masturbatoren für Männer und Druckwellen-Geräten für Frauen, extrem gestiegen. Auch die Bestellzahlen von Partnerprodukten erhöhten sich um 250 Prozent", sagt Nina Barz, die als Kommunikationschefin der Triple A Internetshops EIS-Produkte vermarktet, im Gespräch mit ntv.de. EIS habe die Produktion verdreifachen müssen und eine zweite größere Logistik eingeführt, um die wachsende Nachfrage befriedigen zu können. Der Umsatz habe sich damit zum Vorjahr verdoppelt.

Im Corona-Alltag wollen Paare mehr Abwechslung beim Sex und kommunizieren ihre Wünsche deutlicher - das stellt Lina Marie Gralka, Marketing-Chefin bei Amorelie, weiter fest. Der Absatz von Sets und Boxen mit Spielzeugen fürs Bett sei um 65 Prozent gestiegen. In Zeiten von Social Distancing und auch nach dem Peak der Corona-Krise können viele Menschen ihre Partner nicht häufig sehen, deshalb boomten Sexspielzeuge, die per App aus der Ferne steuerbar seien, in diesem Jahr besonders, so Gralka.

Den Verkaufstrend spürt auch der Hersteller Fun Factory. Bis zu 40 Prozent mehr Abrufe verbucht das Unternehmen auf seiner Website. Vibratoren, Menstruationstassen und sogenannte "Smartballs" sind die Dauerbrenner seit März, heißt es aus dem Unternehmen. Auch beim Techgiganten Amazon gehören Vibratoren für Frauen und für den Sex zu zweit zu den Topsellern im Sextoy-Bereich. Ähnlich wie auch die Onlineversandhäuser profitieren damit auch die Anbieter Amorelie, EIS und andere von der Krise, die den stationären Handel lähmt.

Ein finanzieller Einschnitt war der Lockdown besonders für den Anbieter Orion, der als Marktführer für Sextoys im stationären Handel, 154 Läden wochenlang geschlossen lassen musste. Seit das Unternehmen seine Geschäfte wieder öffnen kann, macht auch hier die Nachfrage nach Vibratoren einen Sprung nach vorn. "Die Nachfrage nach Sextoys und Vibratoren ist eindeutig gestiegen und wir haben in den letzten Wochen Anmeldungen für unsere Bonusprogramme erhalten", so Jens Seipp, Orion-Marketing-Leiter.

"Ich masturbiere für die Wissenschaft"

Damit die Sexspielzeuge bei den Kunden gut ankommen und auch für den Orgasmus sorgen, den ihre Käufer erwarten, sei es ein relativer langer Weg, sagt Wow-Tech-Kommunikationschefin Rief. "Von der Entwicklung des Prototypen bis zum fertigen Vibrator heißt es: testen, testen, testen. Die Geräte müssen funktionieren und leistungsstark sein, sie durchlaufen drei Testverfahren. Es ist zwar nicht immer sexy, aber ich masturbiere für die Wissenschaft."

Auch wenn die Branche durch die Corona-Krise neue Zielgruppen erschlossen hat und mit ihren Umsätzen und Produktinnovationen wächst, ein Problem bleiben für Gründer und Startups immer noch die Geldgeber. "Es ist nach wie vor nicht leicht, für unsere Branche Investoren zu finden, denn viele haben kaum Expertise auf dem Gebiet oder trauen sich nicht ran", so Rief. Dennoch habe sich mittlerweile einiges getan. "Vor einigen Jahren wäre es unvorstellbar gewesen, dass ein Private Equity Fonds eine Mehrheit am britischen Sextoy-Hersteller Lovehoney übernimmt".

Doch wer glauben würde, in einer Branche, die vor allem für eine weibliche Zielgruppe ausgelegt sei, gäbe es auch Frauen, die investieren, der irrt, so Rief. "Die Investoren sind hauptsächlich männlich, denn es herrscht ein grundsätzlicher Mangel an Investorinnen."

Quelle: ntv.de