Wirtschaft

Transport von Corona-Impfstoff Diese Firmen wittern das große Geld mit Ulfs

2020-11-18T131313Z_349952240_RC2P5K9SL0EJ_RTRMADP_3_HEALTH-CORONAVIRUS-GERMANY.JPG

Va-Q-Tec stellt Container her, die mit Trockeneis und spezieller Dämmung Temperaturen von minus 70 Grad Celsius halten können.

(Foto: REUTERS)

Nicht mehr lange, dann kann auch hierzulande das Impfprogramm starten. Doch der Transport stellt nicht nur die Hersteller, sondern auch die Logistikbranche vor Herausforderungen. Einige mittelständische Hersteller sogenannter Ultra Low Freezer wollen jetzt die Gunst der Stunde nutzen.

Bei der Corona-Impfstoffentwicklung überschlagen sich momentan die Ereignisse. Anfang der Woche hatten sowohl das Mainzer Unternehmen Biontech und der Partner Pfizer als auch der US-Konzern Moderna bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (Ema) einen Antrag auf Zulassung für ihren Impfstoff gestellt. Noch vor den USA und der EU hat Großbritannien dann weltweit als erstes Land den Impfstoff aus Mainz zugelassen. Sollte die Ema grünes Licht geben, könnte eine Verwendung des Vakzins von Biontech auch in der EU noch vor Jahresende möglich sein.

Sobald es so weit ist, muss es dann möglichst schnell gehen. Nach einer Zulassung durch die Behörden könnte Biontech ihren Impfstoff nach eigenen Angaben "innerhalb von wenigen Stunden" ausliefern, sagt Finanzvorstand Sierk Poetting. "Wir haben auf Halde produziert. Und alles, was da ist, kann innerhalb von wenigen Stunden dann wirklich verteilt werden." Man sei gut auf diese Verteilung vorbereitet. Auch die Logistiker Deutsche Post DHL, Fedex, UPS und Kühne + Nagel werden nicht müde zu betonen, man sei gut gewappnet.

Doch der Transport der Dosen stellt die Logistikbranche vor eine große Herausforderung: Der Knackpunkt beim Transport liegt in der Kühlung der Präparate. Laut einer Studie der Post-Tochtergesellschaft DHL werden für den Versand von zehn Milliarden Impfstoffdosen in den kommenden zwei Jahren rund 200.000 Pallettenlieferungen auf 15.000 Frachtflügen gebraucht – und dafür wiederum werden 15 Millionen Kühlboxen oder sogenannte Ultra Low Freezer (kurz Ulf) benötigt. Mit dem Transport des Corona-Impfstoffs wittern in Deutschland einige mittelständische Unternehmen ihre große Chance. Darunter unter anderem: Mecotec aus Bitterfeld, Va-Q-Tec aus Würzburg und Binder aus Tuttlingen.

Va-Q-Tec will Überproduktion vermeiden

Das Unternehmen Mecotec aus Sachsen-Anhalt hat bislang vor allem Eis-Saunen und Kältekammern hergestellt. Im Zuge der Corona-Pandemie hat der Bitterfelder Mittelständler den Auftrag bekommen, die Tiefst-Kühlung eines Impfstoffs nach der Herstellung sicherzustellen - und entwickelte dafür eine mobile Hybrid-Containerlösung, in denen bis zu einer Million Impfdosen bei bis zu minus 80 Grad transportiert und gelagert werden können. Während des Transports sichern zwei Stromaggregate die Stromversorgung, beim Impfzentrum kann der Container dann über einen Stromanschluss versorgt werden - ohne dass die Impfdosen umgelagert werden müssen. Mit einer stationären und mobilen Tiefst-Kühlhauslösung will das Unternehmen zudem der Nachfrage von zahlreichen Logistikern nachkommen. Darin können über zwei Millionen Impfdosen ohne Trockeneis oder die Zugabe von Kühl-Akkus gelagert werden.

Lieferengpässe würden zwar noch nicht drohen, aber bereits jetzt betrage die Lieferfrist vier bis acht Wochen ab Auftragseingang, sagt das Unternehmen auf Anfrage von ntv.de. Der Industriekältespezialist geht nicht davon aus, dass das Impfprogramm in einem Jahr beendet sei. Vor allem in Asien, Afrika und Südamerika könnten sich die Impfungen über die nächsten zwei bis drei Jahre hinziehen. Auf Anfrage teilt das Unternehmen mit, man verzeichne ein großes internationales Interesse und eine enorme Nachfrage. International sei man bereits in Vertragsverhandlungen mit Interessenten. Um wen es sich bei den Interessenten handelt, will das Unternehmen nicht verraten.

Während Mecotec noch mitten in den Verhandlungen steckt, hat Konkurrent Va-Q-Tec bereits Nägel mit Köpfen gemacht. Der 2001 gegründete Hersteller von Thermocontainern und -behältern hat bereits mit einem großen Pharmahersteller die Lieferung von mehreren Tausend Containern vereinbart. Mit ihnen soll laut Unternehmensmitteilung der Impfstoff nach der Zulassung im ersten Quartal 2021 verteilt werden. "Die Vereinbarung ist die umfangreichste unserer zwanzigjährigen Unternehmensgeschichte und wohl eine der umfangreichsten der Branche überhaupt", sagt Gründer Joachim Kuhn. Das seit vier Jahren börsennotierte Unternehmen aus Würzburg stellt Container her, die mit Trockeneis und spezieller Dämmung Temperaturen von minus 70 Grad Celsius fünf bis sechs Tage bei Außentemperaturen von mehr als 30 Grad halten können.

Die Behälter und Flugzeugcontainer von Va-Q-Tec kommen bereits weltweit seit dem Frühjahr für den Transport von jedem zweiten Covid-19-Testkits zum Einsatz - denn auch sie benötigen eine konstante Temperatur von minus 20 Grad. Bereits damals habe man angefangen, die internationale Flotte schrittweise aufzustocken. "Aufgrund unserer Inhouse-Wertschöpfungskette und einer Mehrlieferanten-Strategie konnten wir Lieferengpässe vermeiden", teilt das Unternehmen ntv.de mit. Man wolle der Herausforderung der Impfstoff-Transporte mit einer verstärkten Produktion zusätzlicher Boxen und Container begegnen. Da die Zahl von temperatursensiblen Medikamenten auch in Zukunft weiter steigen wird, ist man sich in Würzburg sicher, dass sich die Aufstockung der Flotte auch in Zukunft lohnt. Eine Überproduktion der Ultra-Kühlcontainer, die mehr als 10.000 Euro pro Stück in der Herstellung kosten, will Kuhn trotzdem vermeiden. "Wir erhöhen die Zahl mit Bedacht. Bei einem jährlichen Wachstum des Marktes um mehr als zehn Prozent ist uns überhaupt nicht bange, dass wir nach Corona auf leeren Containern sitzen bleiben" sagt Kuhn der Nachrichtenagentur Reuters.

Extra Schichten, Wochenendarbeit, zusätzliches Personal

Auch bei dem schwäbischen Klimaschrank-Spezialisten Binder ist die Nachfrage seit dem Sommer angestiegen. Das mittelständische Unternehmen produziert seine rund 22.000 Geräte pro Jahr ausschließlich in Tuttlingen. Je nach Größe und Ausstattung kosten diese rund 15.000 Euro. Die darin verbauten mehrstufigen Kälte-Anlagen bringen das Temperaturniveau auf bis zu minus 90 Grad. Durch eine zusätzliche Art Super-Isolation hat der Schrank an der Außenseite aber trotzdem noch Zimmertemperatur.

Um der erhöhten Anfrage von Logistikunternehmen gerecht zu werden, wurden extra Schichten und Wochenendarbeit eingeführt und zusätzlich das Personal aufgestockt. In den vergangenen Wochen ist laut Firmengründer Michael Binder die Produktionsleistung um mehr als 200 Prozent gesteigert worden. Das Unternehmen ausbauen will Binder aber trotzdem nicht, wie er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" sagt. "Wir werden keine neue Fabrik planen, um dort noch mehr Geräte herzustellen, und dann ist Corona in zwei, drei Jahren vorbei." Stattdessen wolle man jetzt alles tun, was mit relativ kurzfristiger Wirkung die Produktionszahlen nach oben bringt. "Ich gehe davon aus, dass sich die Lage ab dem dritten Quartal 2021 beruhigen wird."

Der Blick auf die Hersteller von Ultra-Tiefkühlschränken zeigt: Gerade der Mittelstand ist jetzt gefragt. Kann die Branche das überhaupt stemmen? "Für einen allein ist die Bewältigung der Impfstoff-Logistik ein viel zu großes Unterfangen", heißt es bei Mecotec dazu. Die größte Herausforderung liege laut Va-Q-Tec nicht nur in der internationalen Logistik, sondern in der "letzten Meile" – also in dem Transport innerhalb der Länder.

Quelle: ntv.de, mit dpa